Stand: 14.09.2018 15:00 Uhr

"Musik ist die subtilste Form von Kommunikation"

Der Cellist Nicolas Altstaedt hat bereits zahlreiche Werke zeitgenössischer Komponisten uraufgeführt. Neben seiner Tätigkeit als Solist wirkt er noch als Dirigent, künstlerischer Leiter und Professor.

Wie sind Sie eigentlich zum Cello gekommen?

Altstaedt: Auch über meinen Vater. Er hat selbst ein bisschen Cello und Klavier gespielt - und seine Schwester, meine deutsche Tante, hat einen französischen Cellisten geheiratet. Dadurch kam das Cello in die Familie, ich konnte es für mich ausprobieren und bekam schon früh eine enge Bindung zum Instrument. Mir war schnell klar, dass es das ist, was mich erfüllt, und ich musste nie zum Üben ermahnt werden, weil es mir einfach viel Spaß gemacht hat. Dann hatte ich an der Musikschule in Gütersloh auch noch Glück mit einem tollen Lehrer, Michael Corßen, der selbst oft als Continuo-Cellist engagiert war und mir die Historische Aufführungspraxis nahegebracht hat.

Studiert haben Sie dann in Berlin, als einer der letzten Schüler von Boris Pergamenschikow - aber mindestens ebenso bedeutend war die Begegnung mit dem legendären Musikpädagogen Eberhard Feltz, der seit 55 Jahren an der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" unterrichtet. Wie würden Sie seinen Einfluss beschreiben?

Altstaedt: Eberhard Feltz ist für mich wie eine Vaterfigur. Er hat mir das Hören neu beigebracht; ihm verdanke ich eine ganz andere Beziehung zur Musik. In der heutigen Zeit droht meiner Meinung nach eine Eindimensionalität in der Musikerausbildung. Der Fokus auf ein Instrument erfordert wahnsinnig viel Zeit, man muss täglich dranbleiben, um seine technischen Fähigkeiten zu stabilisieren und verfeinern. Dabei wird das eigentlich Wichtigste oft vernachlässigt: die Beschäftigung mit dem Werk selbst. Über die Musik erfährt man oft viel zu wenig. Eberhard Feltz ist jemand, der einem da ganz neue Einblicke in die Partituren eröffnet. Nach einem Gespräch mit ihm qualmt mir der Kopf; man hört plötzlich viel mehr und ganz anders, und man versteht, warum die Musik so wichtig für den Menschen ist.

Warum ist sie denn so wichtig?

Altstaedt: Haben wir drei Tage Zeit? (lacht) Ich versuche es mal so knapp wie möglich zu sagen: Musik ist für mich die subtilste Form von Kommunikation. Durch Musik kann man viel mehr mitteilen und über einen Menschen erfahren als im Gespräch. Weil die Musik noch ganz andere Dimensionen erkundet, weil wir uns durch sie so differenziert ausdrücken können, dass ein Leben ohne sie viel ärmer wäre.

Sie haben Ihr ganzes Berufsleben der Musik gewidmet, und zwar nicht "nur" als international gefragter Solist. Sie sind in den letzten Jahren verstärkt als Dirigent engagiert - etwa als Chef der Haydn Philharmonie in Eisenstadt -, seit 2012 leiten Sie außerdem als Nachfolger von Gidon Kremer das Kammermusikfestival in Lockenhaus, und Sie unterrichten mittlerweile selbst als Professor an der "Hanns Eisler"-Hochschule in Berlin. Anderen Menschen würde schon ein Viertel dieser Aufgaben als Hauptberuf reichen ...

Altstaedt: Ja, das ist schon manchmal schwer unter einen Hut zu kriegen. Aber es ist auch sehr bereichernd. Als Dirigent lerne ich die Werke aus einer ganz anderen Perspektive kennen. Das eröffnet einen noch tieferen Zugang zur Musik, von dem ich dann auch profitiere, wenn ich wieder am Instrument sitze. Und ich lerne neue Werke kennen, wie etwa Haydns "Jahreszeiten", die ich Anfang des Jahres dirigiert habe. Eine Riesenentdeckung für mich. Als Intendant in Lockenhaus denke ich über dramaturgische Konzepte nach und bin immer auf der Suche nach neuem Repertoire. Und als Professor in Berlin, übrigens mit einer halben Stelle, unterrichte ich junge Kollegen, von denen ich selbst viel lerne.