Stand: 19.10.2018 17:26 Uhr

Levit richtet den Blick ins Innere

Life - Werke und Bearbeitungen von Ferrucio Busoni, Johann Sebastian Bach, Robert Schumann, Franz Liszt, Frederik Rzewski, Bill Evans
von Igor Levit
Vorgestellt von Marcus Stäbler
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Auf seiner Doppel-CD "Life" vereint Igor Levit Werke aus vier Jahrhunderten zu einem sehr persönlichen Album.

Der Pianist Igor Levit gehört zu den aufregendsten Künstlerpersönlichkeiten der Gegenwart. Er spielt nicht nur herausragend Klavier, sondern rückt die Botschaft und den Ausdruck der Musik so sehr ins Zentrum wie nur wenige andere Interpreten. Levits aktuelles Album "Life" ist eine Hymne an das Leben in Anbetracht von tiefer Trauer.

Dunkel und trübe steigen die Töne aus dem Flügel auf. Sie tauchen die Musik in ein milchiges Licht wie eine Mondscheinsonate im Nebel. Mit der Bach-Fantasie von Ferrucio Busoni beginnt "Life" von Igor Levit, ein ungewöhnlicher Start. Levit, ohnehin kein Mann der virtuosen Show, verzichtet hier auf äußerliche Brillanz und schaut nach innen. Auf seiner Doppel-CD vereint er Werke aus vier Jahrhunderten zu einem sehr persönlichen Album voller intimer und verletzlicher Momente - von Levit sensibel und mit feinem Gespür für Farbnuancen gespielt.

CD-Tipp

Ein grandioses Debüt

Igor Levit traut sich viel zu: Der erst 26-jährige Pianist hat für seine erste CD die späten Klaviersonaten von Beethoven ausgewählt. Besser kann man sich ein Debüt nicht vorstellen. mehr

Begegnungen mit dem Tod

Robert Schumanns Geister-Variationen sind das stille Herzstück eines Programms, das von der Begegnung mit dem Tod angeregt ist und die Kostbarkeit des Lebens feiert. Erschüttert vom frühen Unfalltod eines engen Freundes, hat Igor Levit Antworten auf existenzielle Fragen in der Musik gesucht und mit der Zeit auch gefunden. In Stücken, die selbst um die Themen Abschied, Schmerz, Verlust und Trost kreisen oder die einen mühsamen Weg aus dem Dunkel ins Licht erkämpfen - wie ein halbstündiges Mammutwerk über einen Choral von Gioacomo Meyerbeer von Franz Liszt, bearbeitet von Ferrucio Busoni.

Gewaltige Spannungsbögen und schlichte Momente

Igor Levit meistert nicht nur die technischen Hürden der Musik gewohnt souverän, er entfaltet dabei auch eine beeindruckende, beinahe orchestrale Kraft und wölbt gewaltige Spannungsbögen bis zur Erlösung. Das Programm kennt aber auch schlichte Momente. Etwa in Frederik Rzewskis "A Mensch", das der amerikanische Komponist 2012 im Andenken an einen verstorbenen Freund geschrieben hat.

Igor Levit beschließt sein zweistündiges Konzeptalbum mit dem "Peace Piece" von Bill Evans. Eine musikalische Bitte um Frieden, entstanden aus einer Improvisation über zwei Akkorde und formuliert in der Sprache des Jazz. Ein nachdenklicher, aber auch leichter und hoffnungsvoller Ausklang. Das Leben geht weiter, der Blick richtet sich nach vorn.

Life - Werke und Bearbeitungen von Ferrucio Busoni, Johann Sebastian Bach, Robert Schumann, Franz Liszt, Frederik Rzewski, Bill Evans

Label:
Sony Classical

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue CDs | 22.10.2018 | 15:20 Uhr

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