Ein Stradivari der Orgel

Schnitgers Spätstil (9/12)

Sonntag, 29. September 2019, 18:00 bis 19:00 Uhr

Die Schnitger-Orgel der Kirche von Pellworm‬ © Hans-Heinrich Raab

Ein Stradivari der Orgel (9/12)

NDR Kultur - Arp Schnitger Reihe -

Schnitgers Spätstil wurde durch die Schriften von Andreas Werckmeister beeinflusst, der den mitteldeutschen Orgelbau prägte und neue Konzepte propagierte.

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Arp Schnitger war der bedeutendste Orgelbauer der Barockzeit in Nordeuropa. Er starb vor 300 Jahren und hinterließ einen großen Bestand an originalen Instrumenten. Die nachhaltige Bauweise und der faszinierende Klang seiner Instrumente wurden zum Vorbild für die Orgelästhetik im 20. Jahrhundert. Kein anderer Orgelbauer der Vergangenheit hat einen so großen Einfluss ausgeübt wie er. Auf Pellworm hat sich etwas abseits der musikalischen Zentren unserer Zeit eine Orgel aus der späten Schaffenszeit Arp Schnitgers erhalten. Sie zählt nicht nur zu den klangschönsten Orgeln der Region, ihr hölzerner und reich geschnitzter Prospekt, der auf jede farbige Fassung und Vergoldung verzichtet, ist auch eine ausgesprochene Schönheit.

Die nordfriesische Insel Pellworm liegt in einer alten Kulturlandschaft, der man nachsagt, einmal sehr wohlhabend gewesen zu sein und die von katastrophalen Sturmfluten geprägt wurde. Während der zweiten Marcellusflut im Januar 1362 hat es das sagenhafte Rungholdt förmlich zerrissen. Man nennt dieses Ereignis auch die "Grote Mandrenke", weil etwa zweihunderttausend Menschen damals ertranken. In der Nacht vom 11. zum 12. Oktober 1634 wurde auch die heutige Insel Pellworm von der sogenannten Burchardiflut erneut verwüstet und von der Insel Nordstrand getrennt. Die Fähre braucht heute etwa eine halbe Stunde für die Überfahrt.

Die Sturmumtoste

Zu den wenigen Gebäuden, die diese Katastrophe überlebten, gehört die Alte, dem heiligen Salvator gewidmete Kirche von Pellworm, ein archaisch auf einer Warft sicher stehender einschiffiger Backsteinbau aus dem späten 12. Jahrhundert mit einem Chor aus Tuffstein. Wie ein mahnender Zeigefinger überragt sie die bizarr aufsteigende Ruine ihres alten Westturms, der schon 1611 eingestürzt war und dabei die angrenzenden Teile des westlichen Kirchenschiffes unter sich begraben hatte.

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Der reich geschnitzte Prospekt der Orgel ist selbst schon "gefrorene Musik".

Ein Jahrhundert nach dem Einsturz des Turms und ein Menschenalter nach der Burchardiflut konnte die gebeutelte Gemeinde endlich eine neue Orgel bei dem besten Orgelbauer seiner Zeit in Neuenfelde bei Hamburg in Auftrag geben. Dazwischen lag bekanntlich noch der Dreißigjährige Krieg. Die Orgel, die Schnitgers Spätstil repräsentiert, wie er zuerst in den Magdeburger Schnitger-Orgeln in Erscheinung trat, dürfte auf dem Wasserweg über die Elbe und entlang der nordfriesischen Küste auf die Insel gelangt sein.

Dieser Spätstil wurde durch die Schriften von Andreas Werckmeister (1645–1706) beeinflusst, der den mitteldeutschen Orgelbau wesentlich prägte und neue Konzepte - auch auf dem Gebiet der Stimmung - propagierte. Dabei wurde die strenge Gliederung in einzelne "Werke", die in separaten Gehäusen untergebracht werden, aufgegeben und durch eine flächige und dadurch einheitlicher wirkende Gestaltung abgelöst. Die beiden Manualwerke und das Pedal sind in einem breiten Gehäuse untergebracht und erhalten dadurch eine vorzügliche akustische Präsenz.

Übersicht

Arp Schnitger - Ein Stradivari der Orgel

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