Stand: 23.04.2020 09:36 Uhr

Ungewohnt: Schreiben ohne Leserschaft

von Agnes Bührig

Schriftsteller legen viel Wert auf die Rückmeldungen ihrer Leser. Doch in Zeiten von Corona sind persönliche Begegnungen, beispielsweise bei einer Lesung, nicht möglich. Wie gehen die Betroffenen mit der Situation um? Probieren sie neue Wege der Kontaktaufnahme aus? NDR Kultur hat mit drei Literaten gesprochen.

Heute ist Welttag des Buches und immerhin dürfen die Buchhandlungen seit einigen Tagen wieder öffnen, um Kundschaft zu begrüßen - wenn auch unter strengen Auflagen. Anders ergeht es Schriftstellerinnen und Schriftstellern, denen weiterhin Kontaktlosigkeit zur Leserschaft verordnet ist. Denn wegen des Versammlungsverbot sind Lesereisen gestrichen. Was bedeutet das für sie?

Literaturfestival trotz Kontaktsperre

Benjamin Maack, Autor. © Andreas Rehmann Foto: Andreas Rehmann
Anfang April hat Benjamin Maack bei dem Online-Literaturfestival Viral live aus seinem frisch erschienenen Buch vorgelesen, das Video ist bei Facebook abrufbar.

Benjamin Maack sitzt im Keller seines Hauses in Hamburg vor einer Regalwand mit ungeordneten Kisten und Schachteln und liest für die Nutzer des Online-Literaturfestivals Viral aus "Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein". Da das Buch vom sehr persönlichen Thema seiner Depression handelt, fehlt dem Autor der Austausch mit dem Publikum jetzt besonders. Die erste und bisher einzige Lesung in einer Buchhandlung im März hat den 42-Jährigen nämlich sehr berührt. "Die war tatsächlich sehr intensiv, vor allem im Gespräch mit den Leuten vor Ort, denen es ähnlich ging, ähnlich geht, die ähnliche Probleme haben, und sehr intensiv im Vorlesen einiger Passagen, die ich noch nie vorgelesen habe und die mich dann doch ein bisschen übermannt haben. Gleichzeitig hat diese Intensität einen ganz aufregenden, schönen Rahmen geschaffen." 

Neue Kompetenzen erforderlich

Autorin Leona Stahlmann © Simone Hawlisch Foto: Simone Hawlisch
Muss sich an die neuen Anforderungen erst noch gewöhnen: Leona Stahlmann gewann 2017 den Hamburger Förderpreis für Literatur und veröffentlichte vor Kurzem ihren ersten Roman "Der Defekt".

Auch Leona Stahlmann sehnt sich nach dem direkten Kontakt mit Lesern. Ihr Debut-Roman "Der Defekt" handelt von einer 16-Jährigen, die merkt, dass sie sexuell anders gepolt ist als ihre Freundinnen. Sie bekommt zwar per Email viele Reaktionen auf ihr Buch und hat bereits eine Online-Lesung gehalten, doch das fühle sich an, als wenn man einen starken Espresso wünsche und einen wässrigen Instantkaffee bekomme. "Ich bin diese Situation nicht gewöhnt. Entweder schreibe ich oder treffe Menschen, um ihnen vorzulesen. Nun muss ich bühnenreif lesen, da es aufgenommen wird und reproduzierbar ist, damit werden Fehler, die man macht, festgeschrieben. Das ist ungewohnt, denn plötzlich muss man Medienprofi sein und das bin ich nicht. Es fühlt sich merkwürdig und irgendwie falsch an." 

Cover Roman "Der Defekt" © Kein & Aber

AUDIO: Buchtipp Leona Stahlmann: "Der Defekt" (5 Min)

Chance: Mischformen schaffen

Auch Annette Pehnt, die jetzt mit "Alles, was Sie sehen, ist neu" auf Lesereise wäre, rätselt, wer sich hinter den Likes für ihren Roman im Internet verbirgt. Für sie kommt das Buch erst durch den Kontakt mit den Lesern in die Welt. Als Leiterin des Instituts für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft in Hildesheim beobachtet die 52-Jährige die Entwicklung digitaler Formen aber auch mit Interesse. Nicht zuletzt können sie Impulse für den Schreibprozess geben. Ein Beispiel: "Kollektives Schreiben, bei dem man sich gemeinsam einem Thema nähert und auf einer Plattform gemeinsam einen Text oder ein Buch produziert. Vielleicht ist es auch medial gar nicht auf die klassische Form festgelegt, möglicherweise kommt ein Bild oder ein Sound hinzu - so können neue Mischformen entstehen."

Das Digitale kann inspirierend wirken, die wichtige Begegnung mit dem Publikum ersetzt es nicht. Und während Leona Stahlmann noch auf eine Verschiebung ihrer Lesereise in den Herbst hofft, vermutet Annette Pehnt, dass die Verlage dann Lesungen des bereits geplanten Herbstprogrammes Vorrang geben werden. Wichtige Bücher allerdings, sagt Benjamin Maack, würden immer ein Forum finden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 22.04.2020 | 11:20 Uhr

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