Stand: 02.10.2019 05:00 Uhr

Ulrich zum 3. Oktober: "Einheit ist nicht vollendet"

Gastbeitrag von Dr. h.c. Gerhard Ulrich, Landesbischof em. der Nordkirche

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Gerhard Ulrich wurde 2013 zum ersten Landesbischof der Nordkirche gewählt. Sechs Jahre später verlieh ihm die Theologische Fakultät der Uni Kiel die Ehrendoktorwürde. Inzwischen wurde der 68-Jährige in den Ruhestand verabschiedet.

Die Bilder des 3. Oktober 1990 sind abrufbar: glückliche Menschen überall; die Spitze des Staates auf einem Balkon in Berlin; riesige Fahnen flattern; ein Feuerwerk begrüßt die Einheit. Überwunden scheint das Trennende. Es ist zusammengekommen, was zusammengehört, wie Willy Brandt es nach der Öffnung der Berliner Mauer formuliert hatte.

Der 3. Oktober 1990 ist aber nicht zu verstehen ohne die Erinnerung an 1989: am 30. September 1989 war ich zufällig in Prag. Ich stand an dem Zaun der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland, sah die DDR-Bürgerinnen und -Bürger, die mit "Kind und Kegel" ihre Heimat verlassen hatten und auf der Suche nach dem Selbstverständlichsten, der Freiheit, in Prag gelandet waren.

Genschers Worte gingen in Prag im Jubel unter

Sie hatten ihre Trabbis, Wartburgs, Motorräder rund um die Botschaft abgestellt. Ich hörte den damaligen Außenminister Genscher, der den Menschen ihre Ausreise ankündigte - seine Worte gingen unter in unbeschreiblichem Jubel.

Der 3. Oktober 1990 ist auch nicht zu denken ohne die Friedensgebete und Demonstrationen in der damaligen DDR. Dazu gehören Bilder aus Ungarn, von der großen Demonstration in Ost-Berlin.

Mit Kerzen und Gebeten hatte die Stasi nicht gerechnet

Die Friedliche Revolution: ein Wunder vor unseren Augen. In dem Roman "Nikolaikirche" von Erich Loest sagt ein ranghoher Stasioffizier, als er am 9. Oktober 1989 auf den Demonstrationszug in Leipzig schaut: "Wir waren auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete." Umstürzlerisch war sie und ist sie: die Vision von Freiheit, Frieden, Gerechtigkeit; diese Ermutigung zum Widerstehen, diese Befreiung von Angst.

Eine Generation, die die Trennung nicht erlebt hat

Es ist viel erreicht und geschafft worden in den letzten 30 Jahren. Die Einheit ist zur Selbstverständlichkeit geworden. Eine Generation ist herangewachsen, die die Trennung nicht mehr aus eigener Erfahrung kennt.

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Wir wissen aber auch: die Einheit ist noch lange nicht vollendet. Die Lebensverhältnisse sind noch nicht überall gleich. Viele - gerade in den neuen Bundesländern - haben das Gefühl, abgehängt zu sein, vergessen.

Wir müssen die Welt mit den Augen der anderen sehen

Wir Evangelischen in den Bundesländern Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein haben versucht, mit der Gründung einer Ev.-Luth. Kirche in Norddeutschland die Idee der Einheit abzubilden: wir haben Abschied genommen von Bestehendem und eine neue Kirche geschaffen, in der Raum ist für die unterschiedlichen Geschichten und Kulturen.

Und wir haben während des Prozesses der Fusion gemerkt: Einheit wächst nur, wenn wir wieder und wieder versuchen, die Welt mit den Augen der anderen zu sehen; wenn wir darauf beharren, einander unsere Geschichten zu erzählen, einander zu verstehen. Dann erst können wir miteinander Neues gestalten.

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Der 3. Oktober ist kein Grund für Genugtuung

Der 3. Oktober ist ein Grund zur Freude. Aber kein Grund für Genugtuung. Wir sind noch unterwegs. Und wir werden nicht vergessen jene, die mutig den Weg gewiesen haben; jene, die nicht länger hinnehmen wollten, dass Menschen schikaniert werden wegen ihres Glaubens oder ihrer abweichenden Meinung; jene, die wussten und glaubten: es geht auch anders. Wir können auch anders. Wir müssen und dürfen nicht schweigen.

Lasst uns weiter aufstehen für Demokratie und Freiheit

Das ist eine Haltung, die heute so nötig ist wie damals: gegen Fremdenhass. Gegen Gewalt und Terror, gegen Vertreibung und Mord. Und gegen Gleichgültigkeit, Populismus und neue Mauern in den Köpfen und Herzen.

Lasst uns gemeinsam weiter aufstehen für Demokratie, Freiheit und Gleichheit in Verschiedenheit. Solche Haltung bringt die Einheit voran.

Tausende Menschen feiern 1990 vor dem Brandenburger Tor in Berlin die deutsche Einheit. © dpa

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 03.10.2019 | 12:00 Uhr

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