Ein Themenbild zur Landtagswahl 2017 in Schleswig-Holstein. © imago/Christian Ohde Foto: Christian Ohde

Vor der Landtagswahl in SH: So entstehen Wahlumfragen

Stand: 23.04.2022 11:00 Uhr

Am 8. Mai wird in Schleswig-Holstein ein neuer Landtag gewählt. Meinungsforscher versuchen im Vorfeld, den Stimmungstrend zu bestimmen. Doch wie funktionieren eigentlich Wahlumfragen?

von Kai Peuckert

Der NDR hat im Vorfeld der Wahl mehrere Umfragen in Auftrag gegeben, um ein Bild von der politischen Stimmung im Land zu bekommen. Für die Erhebungen befragt das Berliner Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap telefonisch und online jeweils etwa 1.200 Wahlberechtigte. "Die Gesamtzahl ist vor allem so angelegt, weil man dann auch für Subgruppen eine robuste Fallzahl hat, um Aussagen treffen zu können", sagt Roberto Heinrich NDR Schleswig-Holstein. Er ist Projektleiter des Schleswig-HolsteinTrends bei infratest dimap. Damit meint er zum Beispiel Trends bei jüngeren oder älteren Menschen oder nach Geschlecht getrennt.

Dass 1.200 Menschen befragt werden, ist laut Heinrich eine Frage der Balance. Man erhalte so eine akzeptable Genauigkeit. Diese genüge an diesem Punkt. Die Abweichungen zum Meinungsbild in der Grundgesamtheit aller Wahlbeteiligten betragen nach Angaben von infratest dimap zwei bis drei Prozentpunkte.

Computer generieren Festnetznummern - Befragung auch online

Die Befragten werden per Zufall ausgewählt. Computer generieren die Telefonnummern, die von Infratest-Mitarbeitern dann angerufen werden. Beim Schleswig-HolsteinTrend werden Festnetz- und Handynummern gewählt, außerdem wird ein kleinerer Teil der Befragungen online durchgeführt. Man spricht daher von einem Mixed-Mode Design. Das ist bei dieser Wahl neu, denn vor den Landtagswahlen 2017 wurden nur Telefoninterviews mit Festnetznummer durchgeführt. Damit wird laut dem Wahlforscher auch dem geänderten Freizeitverhalten Rechnung getragen. "Wenn man den Kontakt online herstellt, haben die Leute innerhalb der vorgegebenen Erhebungszeit individuell zu entscheiden, wann sie den Fragebogen aufrufen wollen."

Kein Telefonbuch-Eintrag? Macht nichts

Die Befragten werden komplett zufällig ausgewählt. Repräsentativ sei die Stichprobe nur dann, wenn gewisse wissenschaftliche Regeln befolgt werden. Jeder der rund 2,3 Millionen Wahlberechtigten in Schleswig-Holstein muss zumindest die theoretische Chance haben, in der Stichprobe zu landen. Daher werden die Telefonnummer - Handy und Festnetz - komplett per Zufallsgenerator ausgewählt.

Die Mobilfunknummern werden bei bundesweiten Befragungen komplett zufällig ausgewählt. Bei Ländertrends wie dem Schleswig-HolsteinTrend wird auf Mobilfunknummern zurückgegriffen, deren Besitze in der Vergangenheit bereits an Befragungen teilgenommen haben. Andernfalls wären die Streuverluste zu hoch, was zu einem hohen Zeit- und auch Kostenaufwand führen würde, um die Stichprobe von etwa 1.200 Befragten zu erhalten.

Bei Festnetznummern ist das allerdings Problem, dass nicht alle ihre Telefonnummer im Telefonbuch veröffentlicht haben. "Um dennoch auch denjenigen potentiell mit integrieren zu können in der Stichprobe, modifizieren wir die veröffentlichen Telefonnummer dahingehend, dass wir die letzten beiden Ziffern der Nummern auch per Zufall generieren", erläutert Heinrich.

Geschichtete Stichproben bei Online-Befragungen

Bei den Onlinebefragungen ist das Verfahren anders, sagt der Projektleiter: "Hier gibt es leider keine veröffentlichten Listen, hier operiert man mit Adressendaten von prinzipiell Befragungsbereiten." Von diesen Personen haben die Wahlforscher bereits weitere Informationen wie Alter, Wohnort, Bildungsgrad oder Geschlecht. Diese Angaben werden bei Telefonbefragungen erst während des Interviews ermittelt. So kann man bei den Online-Teilnehmern sogenannte geschichtete Stichproben erstellen.

Heinrich vergleicht diese mit Lostrommeln, die mit Personen gefüllt werden, auf die mehrere Parameter zutreffen. Eine Lostrommel könnte zum Beispiel aus weiblichen Personen mit einem bestimmten Bildungsgrad bestehen, die außerdem in einer bestimmten Region leben. "In diese Lostrommel wird dann reingegriffen und wiederum per Zufall eine E-Mail-Adresse gezogen, über die man den Kontakt zu den Befragten herstellt", erklärt der Experte von Infratest dimap.

Verpflichtend ist eine Teilnahme nicht

Seine Mitarbeiter befragen auch nicht automatisch immer Menschen, die als erstes zum Telefon greifen. Bei Haushalten, in denen mehrere Personen wahlberechtigt sind, sei es wichtig, auch nach der Begrüßung noch mal eine zufällige Auswahl zu treffen, betont Heinrich und ergänzt: "Man will natürlich vermeiden, dass man vielleicht grundsätzlich kommunikationsfreudigere Personen in der Stichprobe hat." Daher sei es aber auch nur theoretisch möglich, dass jeder in die Stichprobe gelangen kann. "Wenn sie in einem Single-Haushalt wohnen, haben sie eine größere Chance, als wenn sie in einem Mehrpersonen-Haushalt wohnen und in diesem Haushalt noch mehr Personen leben, die zur Zielgruppe gehören."

Viele Fragen im Vorfeld

Wenn die zu befragende Person gerade keine Zeit hat, gibt es das Angebot, einen Termin zu einem anderen Zeitpunkt in der Erhebungsperiode zu machen. Verpflichtend ist eine Teilnahme jedoch nicht, sie ist komplett freiwillig. Neben der sogenannten Sonntagsfrage (Welche Partei würden Sie wählen, wenn am kommenden Sonntag Landtagswahl wäre?) werden den Wahlberechtigten in der Regel weitere Fragen gestellt - zur Zufriedenheit mit der Regierung, zu den Spitzenkandidaten oder den Kompetenzen einzelner Parteien.

Einschränkungen bei der Zuverlässigkeit

Rückschlüsse auf den Wahlausgang lassen Vorwahlumfragen laut Infratest-Homepageund Robert Heinrich nur bedingt zu. Folgende Punkte schränken die Zuverlässigkeit der Umfragen nach Angaben des Meinungsforschungsinstituts ein:

  • Ein größere Gruppe der Wahlberechtigten haben zum Zeitpunkt der Umfrage noch nicht entschieden, ob sie zur Wahl gehen und welcher Partei sie gegebenenfalls ihre Stimme geben. Bei weiteren Befragten kann sich die angegebene Parteipräferenz nach eigenen Angaben noch ändern. Daher seien Umfragen, die näher am Wahltag durchgeführt werden, tendenziell genauer, erklärt Roberto Heinrich.

  • Statistische Fehlertoleranzen müssen berücksichtigt werden. Bei etwa 1.200 Befragten sind das bei den großen Parteien plus/minus zwei bis drei Prozentpunkte.

  • Die Bedeutung der letzten Wahlkampfphase mit der gezielten Ansprache von unentschlossenen und taktischen Wählern hat zugenommen. Eine Folge davon, dass laut Heinrich die Anteile der sogenannten Stammwähler, also Parteimitglieder oder Personen, die aus einer emotionalen Bindung immer dieselbe Partei wählen, abgenommen haben. Außerdem haben bestimmte Kernwählergruppen, die früher prägend waren - vor allem für die großen Volksparteien - bei weitem nicht mehr den Umfang, den sie früher hatten. Eine gewerkschaftlich organisierte Arbeiterschaft, klassische SPD-Wähler, gibt es nicht mehr in so großem Maße wie früher. Außerdem haben die stark konfessionell gebundenen Wählergruppen abgenommen, die traditionell die Unionspartei CDU/CSU gewählt haben. Daher gibt es laut Heinrich mehr Bewegungen zwischen den Parteien von Wahl zu Wahl.

  • Anders als bei Prognosen am Wahltag werden bei Umfragen im Vorfeld nicht Wähler befragt, sondern Wahlberechtigte. Daher versuchen die Wahlforscher auch herauszufinden, ob die Befragten tatsächlich an der Wahl teilnehmen wollen oder nicht.

  • In einem Mehrparteien-System wie in Deutschland ist es schwieriger, die Ergebnisse der Partei vorherzusagen als in einem Zwei-Partei-System wie in den USA.

Deutlich größere Datenbasis am Wahltag

Bei Prognosen und Hochrechnungen am Wahltag arbeiten Meinungsforscher anders als bei Stimmungstrends im Vorfeld der Wahl. Die Zahl der Befragten ist deutlich größer. Die 18-Uhr-Prognose basiert auf Umfragen, die Infratest-Mitarbeiter bei Wählern direkt nach dem Urnengang durchführen, also direkt in ausgewählten Wahllokalen im betreffenden Bundesland.

"Auf der Vorderseite ist faktisch der Stimmzettel noch einmal nachgebildet, damit keine Erinnerungslücken entstehen", sagt Heinrich. Bestandteil seien zum Beispiel städtische und ländliche Wahllokale, SPD- und CDU-Hochburgen. Die Abweichungen liegen laut Infratest dimap pro Partei bei circa 0,5 Prozentpunkten

Hochrechnungen beruhen auf Ergebnissen

Hochrechnungen basieren dagegen nicht auf Umfragen, sondern auf realen Ergebnissen. Ab 18 Uhr werden die Stimmzettel in den Wahllokalen ausgezählt. Nach und nach liefern die Stimmbezirke Ergebnisse, die infratest dimap hochrechnet. Im Verlauf des Wahlabends ergänzen immer mehr Ergebnisse aus den Wahlkreisen die Datenbasis und ermöglichen damit schrittweise immer exaktere Hochrechnungen, die sich immer mehr dem vorläufigen amtlichen Endergebnis annähern, das in der Regel im Laufe der Wahlnacht bekannt gegeben wird.

Weitere Informationen
Ergebnisse der zweiten NDR Umfrage im April 2022 zur anstehenden Landtagswahl 2022 in Schleswig-Holstein als Balken-Grafik. © NDR/infratest dimap

NDR Umfrage in SH: CDU vor SPD und Grünen - Abstand wächst

Kurz vor der Landtagswahl in Schleswig-Holstein führt die CDU in den Umfragen deutlich vor der SPD und den Grünen. Es sind verschiedene Koalitionen möglich. mehr

Jemand hält ein Smartphone in der Hand. Darauf ist ein Kästchen zu sehen, in dem mit einem blauen Stift ein Haken gemacht wird. © istockphoto.com/AndreyPopov Foto: AndreyPopov/bluejayphoto/Peter Schreiber-Media

NDR Kandidat:innen-Check zur Landtagswahl in SH: Wer wurde direkt gewählt?

Der NDR Kandidat:innen-Check zur Landtagswahl in SH: Hier sehen Sie auch, welche Direktkandidat:innen den Einzug in den Landtag geschafft haben. mehr

Eine stilisierte Darstellung einer Wahlurne mit dem Wappen Schleswig-Holsteins.

Landtagswahl 2022: Schleswig-Holstein hat gewählt

Die Schleswig-Holsteiner haben einen neuen Landtag gewählt. Im Dossier von NDR Schleswig-Holstein finden Sie aktuelle Berichte, Videos und Hintergründe. mehr

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 21.04.2022 | 19:30 Uhr

Schlagwörter zu diesem Artikel

Landtagswahl Schleswig-Holstein

Nachrichten aus Schleswig-Holstein

Eine riesige Kabeltrommel wird für den Weiterbau der Stromtrasse "Nordlink" vorbereitet. © dpa-Bildfunk Foto: Carsten Rehder

Nord-Stream-Lecks: Diese Versorgungsleitungen landen in SH

Angesichts der mutmaßlichen Sabotage an den Nord-Stream-Pipelines wächst die Sorge um andere Versorgungsleitungen. Auch in Schleswig-Holstein kommen wichtige Kabel an. mehr

Videos