Zeitreise: Der Kirchenstreit von Fehmarn

Stand: 10.07.2022 13:55 Uhr

Die 1968er-Bewegung führte auch zu einem Umdenken in der Kirche: moderne Gemeindearbeit contra altehrwürdige Kirche. So entstand auf Fehmarn ein erbitterter Streit.

von Thomas Kahlcke

Ein Kirchturm ragt hinter einer Häuserreihe hervor. © NDR Foto: NDR
Die St. Nikolai Kirche in Burg auf Fehmarn.

Im Zuge der 1968er-Bewegung gab es auch in der Kirche einen Aufbruch zu neuen Ufern bei jungen Pastoren. Sie wollten mitten hinein ins Leben und näher heran an die Menschen. Nicht jeder fand das damals gut, und so gab es mancherorts erbitterten Widerstand gegen den Einzug der Moderne in die altehrwürdige Kirche. Zum Beispiel auf der Insel Fehmarn, wo um 1970 beide Seiten einen harten Kampf ausfochten.

Kritik an moderner Gemeindearbeit

Ein Mann steht auf einem Friedhof. © NDR Foto: NDR
Gottfried Rempel war ein Pastor, der für moderne Gemeindearbeit stand.

Gottfried Rempel wollte nur moderne Gemeindearbeit machen. Ein Pastor aber, der etwa mitten in der Kirche über den Sinn der Kirche in der modernen Zeit diskutiert und eine aufgeklärte Jugendarbeit statt traditionellen Konfirmationsunterrichts praktiziert, wurde von den Traditionalisten nicht geduldet. Als dann auch noch die Jungredakteure einer Schülerzeitung seine moderne Kirchenarbeit lautstark unterstützten und überdies ein SPD-Mitglied es wagte, für den Kirchenvorstand zu kandidieren, blies die konservative Seite zum Gegenangriff.

Spitzname "Roter Pastor"

Eine Gruppe junger Menschen sitzt an einem Steinstrand, umgeben von Booten. © NDR Foto: NDR
Junge Menschen auf Fehmarn, die für ein Umdenken in der Kirche standen.

Der Chefredakteur des Fehmarnschen Tageblatts beschimpfte "aufsässige" Schüler als Linksextremisten und Neo-Marxisten. Ein Vater erhielt in einem anonymen Anruf eine Morddrohung. Die Firma des SPD-Ortsvorsitzenden - ein Bauunternehmer - wurde so intensiv boykottiert, dass er kurz vor dem Konkurs stand. "Es gibt hier Leute", sagte Gottfried Rempel damals im NDR Fernsehen, "die so sehr an der Tradition hängen, dass sie ihre eigene Lebensauffassung für das Evangelium halten oder damit verwechseln." Derlei Aussagen blieben natürlich nicht ohne Antwort: Pastor Rempel wurde fortan mit dem Spitznamen "Roter Pastor" bedacht.

Verzerrtes Bild und die Folgen

Die Betroffenen setzten sich mit Leserbriefen in der Tageszeitung zur Wehr. Sie sahen nicht ein, dass jeder, der nicht auf der konservativen Seite stand, mit Diffamierung und Schlimmerem rechnen musste. Das sei ein "verzerrtes Bild", heißt es in einem dieser Briefe. Nur weil sie modern dächten, seien sie doch nicht "linksradikal". Dennoch wirft Pastor Rempel entnervt das Handtuch. 1974 gibt er seinen Posten in Burg auf und verlässt Fehmarn. Allerdings: Eine neue Zeitung ist damals schon ins Leben gerufen worden - als Gegengewicht zum Tageblatt.

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Dampflokomotive aus dem 19. Jahrhundert. © dpa - report Foto: Votava

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 10.07.2022 | 19:30 Uhr

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