Stand: 08.04.2020 10:00 Uhr

Wunder-Diesel aus Siblin vor Marktreife

von Torben Dreyer und Christoph Klipp

Es liest sich wie das Drehbuch eines Hollywood-Films: Ein ehemaliger Juwelier, ein Ingenieur und ein Unternehmer aus Siblin (Kreis Ostholstein) wollen die Mineralöl-Branche revolutionieren. Schon vor eineinhalb Jahren hat das Unternehmen Heion bewiesen, dass es Diesel herstellen kann, der nachweislich weniger Rußpartikel und Stickoxide bei der Verbrennung freisetzt. Nun soll das Produkt in Serie gehen. Teil 3 unserer Serie über den "sauberen Diesel" aus Siblin.

Ein Geräusch so laut wie Hammer-Schläge. Immer wieder rattert und knallt es aus dem großen grünen Kasten. Es ist das Verfahren, um zu prüfen, wie Motoren auf einen Diesel reagieren. Ein BASF-Prüfmotor bringt Kolben, Zylinder und Ventile an eine Belastungsgrenze, wie es im Straßenverkehr kein Pkw-Motor aushalten würde. So beschreibt der zuständige Prüfer Christian Böhnke den Testmotor. "Das ist ein standardisiertes Verfahren und seit mehr als 40 Jahren in Deutschland und Europa etabliert. Raffinerien und auch ein großer Fahrzeug-Hersteller testen Diesel-Kraftstoffe auf die sogenannte Motoren-Verträglichkeit mit diesem 50-Stunden-Test", so der Kfz-Mechatroniker. Und genau darum geht es der Firma Heion aus Siblin (Kreis Ostholstein) jetzt. Sie wollen wissen: Was macht ihr "sauberer" Treibstoff auf Dauer mit den Motoren? Wie vertragen ihn Kolben und Zylinder? Gibt es Verschleiß oder Korrosion? Ein schlechtes Test-Ergebnis heute: Es wäre wohl das Ende eines achtjährigen Entwicklungsprozesses.

Acht Jahre Erfindergeist

Schon 2012 hatten die Erfinder Anton Ledwon und Waldemar Lewtschenko die ersten Ideen für ihren "sauberen" Diesel. 2014 folgten die ersten kleinen Reaktoren. Sozusagen die ersten Gehversuche, um mit wenig Energie einen Synthese-Vorgang zu starten. Ende 2018 bestätigten Experten aus London dem Sibliner Start-up ganz offiziell weniger Stickoxide im Diesel. Daraufhin machte sich das Unternehmen an den Bau einer neuen Maschine für "sauberen" Diesel in Serie. Denn nur in großen Mengen wird ihr Produkt marktfähig sein, so Heion-Chef Andreas Heine aus Siblin.

Neue Anlage in Betrieb

Heute ist Heion zumindest an diesem Zwischenziel angekommen. Während ihr Diesel von den Fachleuten getestet wird, steht in ihrem Forschungslabor in Siegburg (Nordrhein-Westfalen) die Arbeit von mehr als einem Jahr: ein paar silberne Platten aus Messing, an den Seiten orangefarbene Stellmotoren und zwei Pumpen - das Ganze umhüllt von einer Kiste, aus der mehrere Schläuche in Kanister führen. Oben in den Behältern befinden sich Diesel und Wasser. Von außen deutet nicht viel darauf hin, was diese Anlage leisten soll, trotzdem sind ihre Macher mehr als zufrieden. "Unser erster Reaktor in Siblin war in dem Sinne ja nur ein Test-Reaktor. Mit dieser neuen Anlage aber können wir immer wieder reproduzierbar gleichbleibende Diesel-Qualität liefern. Ganz einfach, weil wir die Parameter wie Reaktionszeitpunkt oder Volumenstrom nicht mehr per Hand, sondern jetzt automatisch steuern können", erklärt Anton Ledwon.

Teil 1
Zwei Männer stehen in einer Werkstatt und begutachten ein Stück Metall. © NDR

Statt Fahrverbot: "Sauberer Diesel" aus SH?

Weniger Rußpartikel und Stickoxide: Vor gut eineinhalb Jahren hat ein Start-up bei Lübeck bewiesen, dass Diesel sauberer sein kann. Jetzt soll der neue Diesel marktreif werden. mehr

Synthese statt Emulsion

Auch in der neuen Anlage mischt Heion also nicht einfach Diesel und Wasser, sondern verändert durch einen Synthese-Prozess die Struktur des Diesels. Es entsteht ein neuer Stoff. Die Anlage spaltet dazu das Wasser in Sauerstoff und Wasserstoff - für die Bildung von neuen Strukturen im Diesel. Das restliche Wasser wird nach dem Prozess vom neuen Diesel getrennt. Zum Beispiel mit einer Zentrifuge. Der neue Kraftstoff ist wasserfrei. Dieser "neue Diesel" soll laut den Erfindern auch bei niedrigeren Temperaturen nahezu vollständig verbrennen. So entstünden weniger Rußpartikel und auch weniger Stickoxide. "Es ist ein ganz neues Verfahren. Wir verletzen die physikalischen Gesetze nicht", erklären die Erfinder ihre Forschung. Mehr als 2.500 Testkilometer sind sie allein im vergangenen Jahr gefahren, haben Hunderte Liter ihres Kraftstoff hergestellt. In immer unterschiedlichen Variationen.

BASF-Prüfmotor testet Motoren-Verträglichkeit

Beim Test auf Motoren-Verträglichkeit ist plötzlich das Rattern weg. Der Motor muss jetzt noch abkühlen, dann aber beginnt Christian Böhnke mit der Arbeit. Der junge, kräftige Mann schraubt zunächst das Auspuffrohr ab, dann folgen die Glühkerzen. "Das ist jetzt schon mal der erste Indikator", zieht der 30-Jährige sein erstes Fazit, während er die dünnen silbernen Röhrchen begutachtet. "Also, das sieht schon mal gut aus. Ich kann keinen besonders hohen Verschleiß erkennen." Doch die wirklich wichtigen Teile kommen erst jetzt: Kolben, Zylinder, Ventile. Wieder löst der Kfz-Mechatroniker Schraube um Schraube vom großen, grünen Prüfmotor.

Anton Ledwon und Waldemar Lewtschenko schleichen nervös um ihn herum, dann sagt Böhnke plötzlich: "Krass!" Ledwon fragt: "Wie krass...? Krass gut oder krass schlecht?" Stille. Bis Böhnke verkündet: "Da ist kaum Ruß drin!" - "Juuuuhu!", bricht es aus Ledwon heraus. Mit strahlenden Augen hüpft der Erfinder von rechts nach links, bis er schließlich in Lewtschenkos Armen landet. "Ja! Das war's. Weniger Ruß, weniger Stickoxide, kein Wasser, und die Motoren halten auch", frohlocken die Erfinder und bekommen gleichzeitig Unterstützung vom Tester. "Ich habe wirklich gedacht, dass wir eher mehr Ablagerungen als bei handelsüblichen Diesels haben. Aber der Heion- Diesel scheint auch im Motor sauberer zu sein. Das ist eine kleine Überraschung und für uns das Zeichen, dass es sich lohnt, hiermit weiter zu forschen." Zum Beispiel mit turbogeladenen oder modernen Motoren, führt Böhnke aus.

Teil 2
(14) Anton Ledwon und Waldemar Lewtschenko stehen in ihrer Werkstat an einem computergesteuerten Reaktor. © NDR Foto: Christoph Klipp

Die Maschine für "sauberen Diesel"

Ein Startup aus Siblin bei Lübeck ist in der Lage Diesel herzustellen, der weniger Schadstoffe bei der Verbrennung freisetzt. Nun geht es in die Serienproduktion. Der zweite Teil unserer Serie. mehr

Sibliner Diesel als Brückentechnologie

Dabei, weiß das Heion-Team, gehe es auch bei ihnen um eine Brücken-Technologie. Unternehmenschef Andreas Heine verweist dazu auf Studien einer internationalen Forschungsgruppe für Energien (Wood Mackenzie). "Der Diesel-Verbrauch ist von 2007 bis 2018 weltweit leicht gestiegen. Vor allem in Nicht-OECD-Ländern sind laut Studie vermehrt auch noch ältere Diesel-Fahrzeuge unterwegs. Unser 'sauberer' Diesel wäre gerade hier als Übergang umweltschonend."

Zuspruch in den USA, Skepsis in Deutschland

In den USA hat das schleswig-holsteinische Unternehmen bereits Zuspruch. Die Universitäten Clemson und South Carolina haben mit Heion Forschungskooperationen vereinbart. In Deutschland allerdings untermauert VW seine Skepsis am Produkt aus Siblin. Auf NDR Anfrage antworten die Wolfsburger, es handle sich um eine Diesel-Wasser-Emulsion, also ein Gemisch. "Wir sehen die Ergebnisse des Diesels, und wie er sich verändert und mich ärgert es, dass da einfach drübergegangen wird. Die denken, das ist eine Emulsion, aber es geht um ein Synthese-Verfahren", erklären die Tüftler. Doch selbst wenn die Unterstützung von der Fahrzeug-Industrie in Deutschland weiter ausbleibt: Mit dem "Motoren-Test im Rücken" ergäben sich für das Start-up ganz andere Möglichkeiten. Tatsächlich gibt es bereits Vereinbarungen mit einem großen deutschen Mineralöl-Unternehmen. Der Plan: gemeinsame Anlagen für "sauberen" Diesel in Serie.

Weitere Informationen
Bagger fällt Bäume im indonesischen Regenwald © NDR Foto: Screenshot

Biodiesel: Urwaldvernichtung fürs Klima

Durch Palmöl im Diesel soll CO2 eingespart und so die Klimabilanz aufgebessert werden. Doch weil immer mehr Regenwald den Palmölplantagen weichen muss, entsteht ein gegenteiliger Effekt. mehr

Ein Auspuff eines Autos stößt Abgase aus. © dpa Bildfunk Foto: Marcus Führer

Schlechte Luft oder Grenzwerte zu niedrig?

Willkürlich festgelegt? Oder basieren die Abgas-Grenzwerte für Luftschadstoffe auf einer soliden wissenschaftlichen Grundlage? Die Debatte darüber wird immer hitziger. mehr

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 08.04.2020 | 19:30 Uhr

Nachrichten aus Schleswig-Holstein

Ein Büro mit Hempels-Deckblättern an den Wänden. © NDR Foto: Cassandra Arden

Das Straßenmagazin "Hempels" feiert 25. Geburtstag

Ein bisschen Geld, soziale Kontakte und ein Stück Alltag. Das bedeutet "Hempels" für die rund 250 Verkäuferinnen und Verkäufer in Schleswig-Holstein. mehr

Karin Prien, Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Schleswig-Holstein, spricht im Plenarsaal des Landtags. © dpa-Bildfunk Foto: Axel Heimken /dpa

Landtagsdebatte: Schulunterricht in Corona-Zeiten

Wie soll es an den Schulen unter Corona-Bedingungen weitergehen? Darüber haben die Parlamentarier im Landtag debattiert. mehr

Marco Komenda (Kiel) macht das Tor zum 1:1. © IMAGO / Ulrich Hufnagel Foto: Ulrich Hufnagel

Punkt in Paderborn: Kiel bleibt auswärts ungeschlagen

Auch aus dem neunten Saisonspiel in der Fremde hat der Zweitligist am Mittwochabend etwas Zählbares mitgenommen. mehr

Die Lübecker bejubeln ihren Treffer. © IMAGO / Agentur 54 Grad Foto: 54° / John Garve

1:0 gegen Unterhaching - Lübeck schöpft Hoffnung

Der VfB Lübeck hat seine Sieglosserie beendet und ist nicht mehr Schlusslicht in der Dritten Liga. mehr

Videos