"Westküste 100": Die Idee vom CO2-freien Heizen

Stand: 01.12.2021 15:03 Uhr

Schon 2023 könnte in Heide grüner Wasserstoff durch die Leitungen der Stadtwerke fließen und ein Testgebiet klimafreundlicher heizen. Die Vorbereitungen laufen - ein Besuch im Reallabor an der Westküste.

von Maja Bahtijarević

Hier soll Geschichte geschrieben werden - in einem unscheinbaren Wohngebiet in Heide mit Häusern aus rötlichem Backstein, klassischen Vorgärten und bewährten Hecken. Hier hat die Dithmarscher Kreisstadt ganz Großes vor: Die Bewohner des Wohnviertels sollen in Zukunft CO2-neutral heizen. Ein großer Machbarkeitstest im Rahmen eines Leuchtturmprojektes, vom Bund mit 30 Millionen Euro gefördert. Der Name: "Westküste 100".

Ein Reallabor für die ganze Nation

Die Stadt Heide von oben, die Raffinerie ist am Horizont zu erkennen. © NDR Foto: Maja Bahtijarevic
In Heide trifft die Industrie auf gute Voraussetzungen, was Erneuerbare Energien angeht: Windkraft.

Die Vision für die Zukunft: Eine Mischung aus klimafreundlichem grünen Wasserstoff und synthetischem Gas läuft durch die Leitungen unter der Straße und heizt die 214 Haushalte. Es ist ein Reallabor - das heißt, es wird ausprobiert und getestet, gelernt und verbessert. Das Projekt ist in dieser Form und Größe bundesweit eine absolute Neuheit. Es geht Schritt für Schritt, beginnend mit der Infrastruktur. Die Bauarbeiten haben schon begonnen, erste Leitungen wurden bereits gelegt - die sind für die Umstellung nötig.

Momentan wird das Modell-Wohngebiet mit fossilem Erdgas geheizt. Sobald es aber in der Praxis losgeht, wird nach Angaben der Stadtwerke Heide erst zehn Prozent grüner Wasserstoff beigemischt, später 20 Prozent. "Das ist jetzt ja der erste Schritt, ein kleiner erst mal", sagt Stefan Vergo, Geschäftsführer der Heider Stadtwerke. "Aber in der Tat werden wir bei der Einspeisung von 20 Prozent in diesem Teil Netzgebiet und zwei Prozent und unserem gesamten Erdgasnetz jährlich 400 Tonnen CO2 einsparen."

Kein Aufwand für die Haushalte

Andreas Hein, Landtagsabgeordneter für die CDU-Fraktion in Schleswig-Holstein, lebt in dem Modell-Wohngebiet. Als Aufsichtsrat der Stadtwerke Heide hat er das Projekt laut Stefan Vergo mit vorangetrieben. Seine Heizungsanlage, eine ganz gewöhnliche wie sie in vielen Häusern steht, zeigt Hein gern - aus einem bestimmten Grund. "Die kann genauso bleiben, der Verbraucher muss nichts an seiner Therme ändern", sagt er.

Stefan Vergo, Geschäftsführer der Stadtwerke Heide. © NDR Foto: Maja Bahtijarevic
Stefan Vergo, Geschäftsführer der Stadtwerke Heide, vor der Erdgasanlage.

Für Stefan Vergo ist das einer der Knackpunkte der Energiewende. "Sie muss ja beim Kunden irgendwie gelebt werden. Und wenn wir CO2-Reduktion wollen, dann muss es zu Hause passieren." Der Verbraucher müsse dafür prinzipiell nichts tun, alle nötigen Schritte würden vom Versorger übernommen - zum Beispiel die Überprüfung der Leitungen. Und dafür sei das ausgewählte Testgebiet ideal. "Weil wir hier ganz genau wissen um die Leitung, die hier liegen. Das Gebiet ist relativ neu. Das ist ein großer Vorteil", sagt Stefan Vergo, "und dann werden wir uns weiter herantasten und gucken, wie wir das auch in anderen Gebieten umsetzen können."

Kraftstoff aus Wasser gewonnen

An "Westküste 100" sind zehn Partner aus der ganzen Region beteiligt: Stadtwerke, Industrie, die Fachhochschule Westküste. Eine besondere Rolle konkret für das Heider Modellviertel nimmt die Raffinerie Heide ein - von dort soll der Wasserstoff herkommen. In einem Elektrolyseur auf dem Gelände des Industriebetriebs in Hemmingstedt wird Wasser in seine Bestandteile aufgespalten, es werden Wasserstoff und Sauerstoff gewonnen.

Eine Übersichtsgrafik zur Entstehung von grünem Wasserstoff. © NDR
Wird Wasserstoff verheizt, entsteht Wasser - und wenn die Energie, mit der der Wasserstoff gewonnen wurde, aus Erneuerbaren Energien stammt, gilt diese Technologie als grün.

Das Besondere am Kraftstoff Wasserstoff: Wird er verheizt, entsteht kein schädliches CO2. Der Haken: Der Prozess braucht sehr viel Energie. Um das Klima zu schützen, muss sie ausschließlich aus erneuerbaren Energien kommen - was ihn "grün" macht. In der Regel werden bei der gegenwärtigen Produktion von Wasserstoff fossile Brennstoffe gebraucht, bei denen CO2 in die Atmosphäre freigesetzt (grauer Wasserstoff) oder aufwendig gespeichert wird (blauer Wasserstoff).

VIDEO: Wasserstoff als Energie der Zukunft (5 Min)

Eine Technologie wird grün

Auf dem Bauplan steht der Elektrolyseur schon - auf einer freien Fläche zwischen den großen Anlagen der dampfenden Raffinerie, in denen die langen chromglänzenden Rohre zu riesigen Knoten zusammenlaufen, wird er wachsen. Bald sollen die Bagger anrücken. "Das ist hier praktisch der Startpunkt, wo die erste 30 Megawatt Elektrolyse wirklich physisch gebaut werden soll", sagt Ingenieurin Sandra Niebler. Der Umgang mit dem Kraftstoff ist hier schon bekannt: Mit grauem Wasserstoff werde hier schon gearbeitet, sagt Niebler, zum Beispiel zur Herstellung von Benzin oder Kerosin.

Ingenieurin Sandra Niebler. © NDR Foto: Maja Bahtijarevic
Die Prozesse so hochzuskalieren, dass sie der Industrie reichen, ist die Herausforderung, wie Ingenieurin Sandra Niebler von der Raffinerie Heide sagt.

Die Technologie gebe es schon in einigen Bereichen, weiß die Ingenieurin, aber bisher nur in kleinem Maßstab - etwa in der Größenordnung von einem Megawatt. "Aber genau dieses Große, was die Industrie braucht, damit die Prozesse auch für die Masse verfügbar werden, dafür muss das Ganze hochskaliert werden - und dieses Hochskalieren geht leider nicht so einfach", erklärt Niebler. Eine Vergrößerung ändere die Prozesse, die angepasst und in die bestehende Technologie eingewoben werden müssten. Das sei der Sinn des Reallabors, sagt Niebler.

Westküste mit idealer Voraussetzung: viel Wind

Zehn Prozent C02 will die Raffinerie mit der ersten Anlage einsparen - das entspricht nach eigenen Angaben etwa 31.000 Tonnen pro Jahr. Ein Bruchteil dessen, was die Industrie in Schleswig-Holstein emittiert: Nach Zahlen des Statistikamts Hamburg und Schleswig-Holstein fielen 2020 auf den Sektor etwa 390.000 Tonnen CO2. "Es ist ein kleiner Schritt, aber ein merklicher Schritt. Man muss beginnen - eben damit wir zukünftig nachhaltig fliegen, bauen und heizen können. Das ist unsere Vision", sagt Niebler. Und Dithmarschen eignet sich für diesen Versuch gut: Die Windräder produzieren oft mehr Strom als akut gebraucht wird, und diese überschüssige Energie würde sich über den Wasserstoff speichern lassen.

"Wir müssen jetzt und heute starten"

Die Anlage der Raffinerie Heide. © NDR Foto: Maja Bahtijarevic
In der Heider Raffinerie in Hemmingstedt wird schon mit Wasserstoff gearbeitet - die Technologie ist bekannt.

Die Projektpartner sagen, 2023 könnte der Wasserstoff in Heide wirklich durch die Leitungen fließen. Bis Klimaneutralität hier vollkommen erreicht ist und kein graues Kohlenstoffatom mehr auf der Heider Raffinerie verarbeitet wird, werde es realistisch gesehen aber noch Jahre dauern, sagt Niebler.

Für Stefan Vergo von den Stadtwerken ist der grüne Wasserstoff ohnehin nur ein Teil der Lösung, um den Klimawandel zu stoppen. Eigentlich wisse man ja noch gar nicht, welcher Weg am Ende der beste sein wird, um diese Energiewende zu schaffen, sagt er. "Wir wissen, dass wir spätestens 2040 unser konventionelles Erdgas ersetzen müssen - wenn wir das schaffen wollen, dann müssen wir jetzt und heute starten."

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Schleswig-Holstein Magazin | 30.11.2021 | 19:30 Uhr

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