Das ehemalige Kasernengelände in Seeth im Kreis Nordfriesland © NDR

Ukrainische Geflüchtete: Gemeinde Seeth baut auf Erfahrungen

Stand: 25.03.2022 12:00 Uhr

1.000 Menschen aus Syrien und Afghanistan sind 2015 in die kleine Gemeinde Seeth gekommen. Die Einwohnerzahl verdoppelte sich damit auf einen Schlag. Für den Bürgermeister ist klar: Seeth kann das auch jetzt wieder schaffen und an die Erfahrungen von damals anknüpfen.

von Laura Albus

Ernst-Wilhelm Schulz, Bürgermeister von Seeth © Laura Albus Foto: Laura Albus
Ernst-Wilhelm Schulz, Bürgermeister von Seeth, will die Erfahrungen aus 2015 für die ukrainischen Flüchtlinge nutzen.

Seine Gemeinde liegt mitten in der Pampa, sagt Bürgermeister Ernst-Wilhelm Schulz (parteilos) selbst. Im Norden die Treene, im Süden die Eider. Und mittendrin Seeth im Kreis Nordfriesland. 700 Einwohner. Eine Bäckerei, einen Landgasthof und ein Dorfgemeinschaftshaus gibt es. Einen Supermarkt oder eine Drogerie nicht. Die 700 Einwohnerinnen und Einwohner in Seeth wissen das, haben sich damit arrangiert. Die ukrainischen Geflüchteten aber, die in der Stapelholmer Kaserne unterkommen werden, die wissen das noch nicht. Dabei will der Bürgermeister, dass sich auch sie hier wohlfühlen. Dafür muss noch einiges organisiert werden.

Keine Schießübungen auf Truppenübungsplatz

Auch Anwohnerin Ute Beurich packte damals mit an, als die Kaserne zur Erstaufnahmeeinrichtung wurde. Heute weht eine Flagge der Europäischen Union in ihrem Garten. Die Ukraine-Flagge hat sie bereits bestellt, will ihre Solidarität mit den Ukrainern zeigen. Sie hofft vor allem, dass auf dem benachbarten Truppenübungsplatz ab April keine Schießübungen stattfinden. Mögliche Traumata sollen nicht gleich wieder aufgerissen werden. Das soll der Bürgermeister noch regeln. Bevor die ersten Geflüchteten auf dem Gelände unterkommen können, müssen aber noch Rohrleitungen gespült werden. Der Bürgermeister vermutet: "Man hat das Wasser, Abwasser, und das Heizungsproblem einfach unterschätzt. Wir haben als Gemeinde unsere Pflicht getan, haben oft genug drauf hingewiesen."

VIDEO: Seether: "Wir schaffen das" (3 Min)

Viel zu organisieren

Wolfgang Kossert vom Landesamt für Zuwanderung und Flüchtling (LaZuF) weiß um die Probleme: "Insgesamt stellen wir natürlich fest, dass sich hier in Seeth viele Prozesse wieder einruckeln müssen." Die Johanniter sollen die Betreuung übernehmen, ein Freizeitprogramm erstellen. Ein ärztlicher Dienst soll sich vor Ort um die Gesundheit der Bewohner kümmern, ein Catering drei Mahlzeiten am Tag zubereiten. Das alles wird abgestimmt durch das LaZuF. Theoretisch sollen die Bewohner nur wenige Tage dort bleiben. Daran glaubt der Bürgermeister aber nicht. Er will sichergehen, dass die Integration frühzeitig funktioniert.

Bürgermeister leitet Info weiter

Ein Shuttle-Busverkehr muss her, davon ist Ernst-Wilhelm Schulz überzeugt. Irgendwie müssen die Geflüchteten ja schließlich auch Einkaufen können. Der gewöhnliche Busverkehr reicht da nicht aus. Samstags fährt der Bus drei Mal nach Friedrichsstadt, die nächste Stadt. Husum, Heide, Rendsburg - alles über eine halbe Stunde Autofahrt entfernt. Die Kinder sollen unterrichtet werden, nur wo und wie? Werden Klassen direkt in der ehemaligen Kaserne eingerichtet, sei das wenig förderlich für die Integration. Andererseits: Wie können die umliegenden Schulen die zusätzlichen Kinder aufnehmen? Diese Entscheidung liegt beim Bildungsministerium, aber der Bürgermeister muss vermitteln. Denn für die Bürger ist er der Ansprechpartner, wenn sie nicht weiter wissen. Immer wieder rufen ihn Menschen an, die helfen wollen. Sie haben bei Facebook eine Anzeige der Johanniter gesehen, dass Helfer gesucht werden. Nur leider war dort keine Telefonnummer vermerkt. Also rufen sie Ernst-Wilhelm Schulz an, im Zweifel kann er sie weitervermitteln.

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Der Seether Bürgermeister Ernst-Wilhelm Schulz im Studio-Interview in der Schleswig-Holstein 18 Uhr Sendung © NDR
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Bürgermeister: Seeth freut sich auf die Flüchtlinge

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Anpacken und Machen

Die Erfahrung der Menschen in Seeth: Anpacken. Machen. Irgendwie wird es schon funktionieren. So haben sie es vor sieben Jahren gemacht, so wollen sie es wieder tun. Aber nicht alles lief damals rund. Lutz Nachmacher kritisiert, dass das Land nicht genügend mache. Dass Zuständigkeiten so lange hin- und hergereicht würden, bis die Bürger die Probleme vor Ort selbst gelöst hätten. Er sagt: "Wir machen es lieber selbst. Da schaffst du mehr, als wenn du dich auf andere verlässt. Da wartest du und am Ende kommt nichts, nur Worte, keine Taten." Also machen sie. Organisieren zum Beispiel ein Benefizspiel vom Sportverein. Die Seether setzen darauf, dass alles klappt. Und wenn nicht, wollen sie Lösungen finden.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 25.03.2022 | 19:30 Uhr

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