Stand: 18.10.2019 13:20 Uhr

Interview mit U-Boot-Kapitän: "Darum sank die Kursk"

U-Boot-Kommandant Igor Kurdin. © NDR
Igor Kurdin war 1. Offizier und Kommandant des Atom-U-Bootes K-219. 1986 gab es auf dem Boot eine Raketenexplosion.

Kapitän Igor Kurdin ist Präsident des Verbandes der U-Boot-Fahrer St. Petersburg. Er war unter anderem erster Offizier und Kommandant des Atom-U-Bootes K-219. Sein Boot erlitt am 3. Oktober 1986 vor den Bermudas nach einer Raketenexplosion eine schwere Havarie, bei der nur knapp eine Kernschmelze im Reaktor verhindert werden konnte. Vier Besatzungsmitglieder starben. Diesen Unfall beschrieb Kurdin zusammen mit Peter Huchthausen und Alan Richard White in dem Buch "In feindlichen Gewässern – das Ende von K-219". Nach der Bergung der Kursk hat er Wrackteile begutachtet. Igor Kurdin zählt zu den weltweit führenden Experten für U-Boot-Havarien. Im Interview mit dem NDR spricht der Kapitän über mögliche Ursache für das Kursk-Unglück im Jahr 2000.

Herr Kapitän, worin unterscheidet sich die Havarie der „Kursk“ von jener auf Ihrem Boot, der K-219?

Igor Kurdin: Im Grunde ähneln sich die zwei Katastrophen sehr. Denn auf der K-219 explodierte eine Rakete, und auf der Kursk explodierte ein Torpedo. Der Unterschied besteht darin, dass die Raketen vertikal stehen und der Torpedo horizontal liegt. Gemeinsam ist beiden Unfällen: Wenn der Deckel des Raketensilos auf der K-219 und die Mündungsklappen der Torpedorohre der „Kursk“ offen und die hintere Klappe geschlossen gewesen wären, dann wäre die Energie ins Meer ausgetreten. In beiden Fällen entlud sich aber die Explosion im Boot.

Wie kam es überhaupt zur Explosion auf der Kursk?

Kurdin: Die „Kursk“ war ausgerüstet zur Bekämpfung von Flugzeugträgern. Ein Träger wird beschützt von einer Träger-Kampfgruppe. Wer den Schutzgürtel der Begleitschiffe durchbrechen und zum Hauptziel gelangen will, braucht Distanzwaffen. Deshalb war die „Kursk“ nicht nur bewaffnet mit Standard-Torpedos Kaliber 530 Millimeter, sondern auch mit Torpedos Kaliber 650 Millimeter. Diese größeren Torpedos konnten Atomsprengköpfe tragen und hatten eine hohe Geschwindigkeit. So konnten sie Ziele auf 50 Kilometer Distanz zerstören. Für so lange Strecken benötigten sie eine große Menge Treibstoff. Deswegen hatten sie einen größeren Durchmesser und waren länger. Die Besatzung der „Kursk“ hatte noch nie einen solchen Torpedo abgefeuert und sollte dies bei einem Manöver erstmals machen.

Warum wurde dieser Übungsschuss zur Katastrophe?

Dieser dicke Torpedo verfügte über einen Zweikomponentenantrieb mit Flüssig-Treibstoff. Einer der Treibstoffe war Wasserstoff-Peroxyd. Aber der Tank mit dem Wasserstoff-Peroxyd hatte ein Leck. Durch das austretende Wasserstoff-Peroxyd erhitzte sich der abschussfertige Torpedo im Torpedorohr. Die Hülle dehnte sich aus, bis sie platzte. Dann vermischte sich dieses Oxydationsmittel mit dem Treibstoff Kerosin – etwa acht Tonnen - und es kam zur Explosion.

Das erklärt die erste Detonation mit einer Stärke von 1,5 auf der Richterskala, aber nicht die zweite mit einer Stärke von 3,5.

Die Explosion des Wasserstoff-Peroxyd-Torpedos im Torpedorohr war die erste, schwächere Explosion. Wenn die hintere Klappe des Rohres verschlossen gewesen wäre, dann wäre die Mündungsklappe weggesprengt worden und die Energie hätte sich nach vorne entladen. Aber die hintere Klappe stand offen. Deswegen ging die Energie nach hinten in die Torpedokammer. Dort brach ein Feuer von bis zu 1.000 Grad Celsius aus. Dieses Feuer führte zur Explosion der in Sektion 1 gelagerten Torpedos. Diese zweite Explosion hatte eine enorme Kraft.

Was halten Sie von der Theorie, ein Zusammenprall mit einem anderen U-Boot hätte das Leck in den Bug der „Kursk“ gerissen?

Ich wende mich kategorisch gegen diese Version. Wir wissen, dass drei weitere U-Boote vor Ort waren: Die USS „Toledo“, die USS „Memphis“ und die HMS „Splendid“. Aber die Theorie von der Kollision entspricht nicht der Wahrheit. Denn die „Kursk“ fuhr in 15 bis 16 Metern Tiefe und hatte ihr Periskop ausgefahren. Deswegen kann sie nicht mehr als höchstens acht bis zehn Stundenkilometer Fahrt gemacht haben. Bei größerer Geschwindigkeit hätte sich das Seerohr verbogen. Wenn zwei U-Boote mit einer so geringen Fahrt aufeinandertreffen, dann kann die Stahlhülle nicht durchstoßen werden.

In Fachkreisen wurde auch diskutiert, ob ein Raketentorpedo vom Typ „Shkval“, zu deutsch Sturmböe, die Explosion ausgelöst haben könnte.

Ich mag den Ausdruck Raketen-Torpedo. Der „Shkval“ erreicht eine Geschwindigkeit von etwa 300 Kilometern pro Stunde. Unsere Marine verfügte bereits Mitte der 70er-Jahre über diesen Torpedo mit Raketenantrieb. Seine hohe Geschwindigkeit erreicht dieser Torpedo, indem er an seiner Spitze mit einem speziellen Generator Wasser verbrennt und sich in einer Gasblase bewegt. Er hat also keine Berührung mit dem Wasser. Allerdings handelt es sich hier um eine Waffe für kurze Distanzen. Der Abschuss eines „Shkval“ war bei dem erwähnten Manöver nicht vorgesehen. Ein Torpedo vom Typ „Shkval“ befand sich nicht auf der Kursk.

Waren deutsche Torpedo-Ingenieure mitverantwortlich für das Unglück auf der „Kursk“?

Diese Informationen waren natürlich streng geheim. Erst in den vergangenen Jahren hat sich herumgesprochen, dass deutsche Spezialisten an der Entwicklung der Torpedos im Torpedo-Institut in Petersburg und Lomonossow mitgearbeitet haben. Dort haben sie sich mit flüssigkeitsgetriebenen Torpedos beschäftigt, mit den „dicken“ Torpedos und mit Raketen-Torpedos. Aber Wasserstoff-Peroxyd kann man auch in der Apotheke kaufen. Derjenige, der solche Torpedos entwickelt hat, trägt keine Verantwortung für den Untergang der „Kursk“.

Das Interview führte Patrik Baab, NDR Schleswig-Holstein.

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Dieses Thema im Programm:

Ostseereport | 19.10.2019 | 18:00 Uhr

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