Stand: 12.09.2019 12:37 Uhr

Telemedizin für Pflegeheime in Dithmarschen

In Dithmarschen sollen Seniorenheime, niedergelassene Ärzte und das Westküstenklinikum vernetzt werden - per Telemedizin. Das System der Ferndiagnose wurde bereits bundesweit erfolgreich getestet, unter anderem mit dem sogenannten Tele-Arzt-Rucksack. Jetzt läuft das Pilotprojekt mit dem Titel "TelemedNetz SH" in Dithmarschen. Es wird vom Gesundheitsministerium mit 500.000 Euro gefördert - und ist nach Angaben der Ärztekammer Schleswig-Holstein bundesweit das erste dieser Art. Das Projekt ist auf drei Jahre angelegt. Das Prinzip: Die Pfleger in den Seniorenheimen werden in die - ursprünglich für die Hochseeschifffahrt entwickelte - Technik eingewiesen. Sie stellen die digitale Verbindung zu einem Arzt her - und ermöglichen so eine Fernbehandlung.

Eine medizinische Fachkraft untersucht eine Patientin in einem Pflegeheim mithilfe des Telemedizin-Systems. © NDR

Behandlung per Videotelefonie: "TelemedNetz SH"

Schleswig-Holstein 18:00 -

Digitalisierung spielt in der Medizin eine große Rolle. Jetzt gibt es im Kreis Dithmarschen ein bundesweit einzigartiges Projekt: "TelemedNetz SH" soll Ärzte und Seniorenheime miteinander vernetzen.

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Die Vorgehensweise soll über kurz oder lang dem Mangel an Haus- und Fachmedizinern auf dem Land entgegenwirken und Patienten den Kontakt zum Arzt vereinfachen - oder gar ermöglichen. Beim "TelemedNetz SH" ist die Hoffnung, pflegebedürftigen Patienten aus Seniorenheimen den Weg zu ersparen. Dabei geht es laut Projektleiter Dr. Thomas Schang um Fälle, bei denen Zweifel darüber bestehen, ob ein Notarzteinsatz nötig ist. "Die ersten Fragen auf dem Bildschirm sind beispielsweise, ob ein Patient bei Bewusstsein ist oder ob er atmet. Wird eine davon mit 'Nein' beantwortet, ist völlig klar, dass ein Notarzt auf dem Weg ist", sagt Schang.

Behandlung per Videotelefonie und Datenübertragung

So soll es funktionieren: Der Pfleger stellt eine Videotelefonie-Verbindung zum behandelnden Arzt her, verkabelt den Patienten und führt unter Anleitung des Mediziners alle nötigen Tests durch - ob EKG, Blutdruck- und Blutsauerstoffmessungen, Ohr- und Rachenspiegelungen oder das Abhorchen von Herz und Lunge. Der Arzt bekommt die Daten dank moderner Technik in die Praxis übermittelt.

Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) ist von dem System überzeugt. "Das Innovative ist: Obwohl wir im ländlichen Bereich immer weniger Ärzte zur Verfügung haben, wird die medizinische Versorgung im ländlichen Raum nicht nur gesichert, sondern durch die Technik sogar optimiert", sagte er am Mittwoch, als er den Scheck mit der Fördersumme im Seniorenheim des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Burg in Dithmarschen überreichte.

Eine Pflegerin legt einer Bewohnerin im Rahmen einer elektronischen Visite ein EKG-Gerät an, dass die Daten an einen Tablet-Computer und von dort aus zum Arzt überträgt. © dpa-Bildfunk Foto: Ingo Wagner/dpa

Telemedizin für Seniorenheime in Dithmarschen

NDR 1 Welle Nord - Nachrichten für Schleswig-Holstein -

Ein Modellprojekt ist in Dithmarschen gestartet. "TelemedNetz SH" soll Seniorenheime mit Ärzten verbinden und vor allem in ländlichen Regionen dem Arztmangel gegenwirken.

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Haben die Pfleger im Heim für die Technik überhaupt Zeit?

Im Rahmen des Pilotprojektes werden in den drei DRK-Pflegeheimen in Büsum, Burg und Brunsbüttel Telemedizin-Geräte installiert, die mit Empfangsstationen in fünf Arztpraxen an der Westküste verbunden sind. Darüber hinaus wird am Westküstenklinikum Heide und im Telearztzentrum der IFE Gesundheits-GmbH eine Empfangsstation eingerichtet.

Von dem System erhoffen sich Ärzte auch, dass sie Fälle nachts ferndiagnostisch beurteilen und dann über Noteinsätze entscheiden können. Klar ist: Für den Einsatz der Technik braucht es Pflegepersonal. "Die Frage, ob der Einsatz so machbar ist oder ob es zusätzliche Kräfte in Pflegeheimen dafür braucht, ist natürlich auch Gegenstand dieser Pilotstudie", sagt Projektleiter Schang. In vielen Häusern herrscht großer Personalmangel in der Pflege. Teilweise kümmert sich nachts eine Pflegekraft um alle Bewohner.

Bis Ende kommender Woche sollen die Geräte stehen. Dann können sie im Alltag eingesetzt werden.

Hausarzt im Ort ist der Mehrheit wichtiger als ein Supermarkt

Für Patienten können die Möglichkeiten von Telemedizin vor allem bedeuten: kein beschwerlicher Weg zum Hausarzt mehr. Denn in vielen ländlichen Regionen gibt es immer weniger Ärzte, ältere Menschen müssen oft sehr lange Wege fahren. Neben dem Aufwand sind auch die Fahrtkosten ein Thema, denn wenn keine Familienmitglieder fahren können, ist ein Taxi häufig die einzige Alternative - mangels Anbindung an den Öffentlichen Nahverkehr.

Die Krankenkasse AOK Nordwest hat in einer Umfrage herausgefunden, dass 94 Prozent der Befragten in Schleswig-Holstein einen Hausarzt als wichtigste Einrichtung in ihrem Ort sehen - noch vor lokalen Einkaufsmöglichkeiten, Internet und Schulen. Fast die Hälfte der Befragten eklärte sich bereit, auch im Notfall eine Videosprechstunde nutzen zu wollen.

"Ärzte sollen von weiten Wegen verschont werden"

Burkhard Sawede, Hausarzt in Meldorf und Vorsitzender des Medizinischen Qualitätsnetzes Westküste, sieht auch große Vorteile für die Ärzte: "Dieses Projekt ermöglicht dem Arzt ortsnahe, direkt am Patienten durchzuführende Diagnostik - und so erspart es dem Arzt wertvolle Zeit", meint Sawede. "Die Anzahl der Ärzte wird abnehmen, und die Ärzte, die hier die Versorgung übernehmen, sollten möglichst von weiten Wegen verschont werden."

Thomas Schwang, auch Beisitzer im Vorstand der Ärztekammer Schleswig-Holstein, sagt, dass es technisch kein Problem sei, das System auch an anderen Orten einzurichten. "Man kann beliebig viele Sende - und Empfangsstationen dazu installieren, die passen in ein kleines Täschchen - und dann da hinstellen, wo man es braucht: in Pflegeheimen, in Anlaufpraxen, etc. Da sind verschiedene Variationsmöglichkeiten denkbar."

Ob das Projekt nach den drei Jahren fortgesetzt oder sogar auf andere Regionen Schleswig-Holsteins oder auf ganz Deutschland ausgeweitet wird, wird sich zeigen. Und die Internetqualität an den Einsatzorten könnte in diesem Zusammenhang auch wieder zum Thema werden - und zum Problem.

Weitere Informationen

Über Chancen und Risiken der Telemedizin

18.08.2019 06:05 Uhr

Ein Videotelefonat mit dem Hausarzt statt langer Wartezeiten in der Praxis? Kann Telemedizin zu einer besseren Versorgung von Patienten in ländlichen Regionen beitragen? mehr

Telemedizin: Ein Modell für die Zukunft?

06.01.2015 09:20 Uhr

Hat ein Krankenhaus keinen Facharzt vor Ort, kann er per Videokonferenz dazugeschaltet werden. Das Klinikum Anklam erprobt das Telemedizin-Verfahren derzeit auf der Kinderstation. mehr

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein 18:00 | 11.09.2019 | 18:00 Uhr

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