Prof. Dr. Jan Rupp sitzt für ein Interview vor der Kamera © NDR

Infektiologe Rupp zur Pandemie-Bekämpfung: "Wir haben auch Fehler gemacht"

Stand: 01.06.2022 19:18 Uhr

Eine weltweite Pandemie diesen Ausmaßes haben selbst die Expertinnen und Experten nicht kommen sehen. Die Wissenschaft reagierte schnell - und musste sich oft korrigieren. Was hätte rückblickend besser laufen können?

Prof. Dr. Jan Rupp ist der Direktor der Klinik für Infektiologie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Lübeck. Er erklärt, warum er und seine Kolleginnen und Kollegen das Coronavirus anfangs unterschätzt haben. Doch auch Fehler wurden gemacht, aus denen nun gelernt werden müsse, sagt Rupp.

Herr Professor Rupp, wenn Sie mal zurückschauen, wo haben Sie sich korrigieren müssen? Wo haben Sie Fehler gemacht?

Ich glaube, das lässt sich relativ klar umreißen. Und zwar ganz zu Beginn der Pandemie, wo wir auch im Gespräch mit Kollegen die ganze Tragweite eigentlich noch nicht richtig wahrhaben wollten. Wir sind natürlich auch geprägt durch Influenza, respiratorische Infektionen, die jedes Jahr wiederkommen. Dann kam ein neues Virus. Wir alle dachten: Na ja, das werden wir genauso wie bei Influenza halt in diesem Frühjahr auch so sehen. Und die Dynamik, die dann aber global entstanden ist, vor allem auch mit den Zahlen, die aus Italien kamen - das hätte ich damals nicht für möglich gehalten.

Das heißt: Der zentrale Fehler war, das neue Virus einzuschätzen wie eine Grippe?

Nein, ich glaube, es war letztlich einfach gar nicht einzuschätzen, weil viele Daten aus China sehr lückenhaft kamen. Was dann dazu geführt hat, dass man am Anfang selber gesagt hat: Das wird schon nicht so schlimm werden. Wir wissen ja, dass Grippe auch sehr schlimme Wellen machen kann. Aber wir wussten eben nicht, und das ist ja der Unterschied, dass dieses Virus bei ganz vielen Personen, die bisher gar nicht so ein Risiko-Profil hatten, auf einmal zu schweren Verläufen geführt hat. Also dieser Druck, der unmittelbar entstehen würde für die Intensivstationen, den hatten wir nicht erwartet. Und das hat am Anfang März, April 2020 wirklich dazu geführt, dass wir uns immer wieder korrigieren mussten.

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War der erste Lockdown von der Dauer her angemessen oder hätte man schon früher wieder auf eine etwas zielgerichtetere Politik zurückkommen können?

Ich glaube, dass der Lockdown ganz zu Beginn angemessen war, weil es eben eine ganze Vielzahl von Problemen parallel auch noch gab. Man muss sich mal erinnern: Es gab damals ein massives Problem mit den Masken. FFP2-Masken waren nicht in dem Maß verfügbar. Es gab ein massives Problem mit Tests. Es heißt, obwohl wir viel weniger getestet hatten als jetzt, Reagenzien waren nicht verfügbar. Es gab nicht genug Kapazitäten für die PCR-Testungen. Das heißt, man konnte da nicht öffnen, bevor man diese Probleme zumindest ansatzweise in den Griff bekommen hat. Und ehrlicherweise ging es ja dann auch zum Glück ein bisschen runter im Sommer, so wie wir es ja jeden Sommer seither erlebt haben. Das hat erst ermöglicht, den Lockdown wieder zurückzunehmen.

Aber wir haben nichts daraus gelernt für den nächsten Lockdown…

Wir haben für den nächsten Lockdown auch noch nicht die richtigen Tools in der Hand gehabt, weil es auch da noch keine Impfstrategie und auch noch keinen Impfstoff gab. Das kam dann Anfang 2021. Das hat natürlich immer so ein bisschen diese Gemengelage bedingt. Wie lange mache ich Lockdown, wenn ich eigentlich nicht mehr in der Hand habe als die gerade beschriebenen Maßnahmen?

Ich glaube, was man vielleicht so ein bisschen unterschätzt hat, war, wie schnell diese Dynamiken dann auch wieder an Fahrt aufnehmen. Wir haben auch gemerkt, dass wir gerade die Risikogruppen noch nicht adäquat geschützt hatten - Altenheime, ältere Personen. Wenn man das vielleicht von Beginn an ein bisschen stärker in den Fokus gerückt hätte, dann hätte man diese Lockdown-Maßnahmen nicht für alle so extrem auslegen müssen.

Hätte man auf der Basis dessen, was man damals aus der Wissenschaft wusste, sagen können: Okay, bei den vulnerablen Gruppen müssen wir strenger sein - in den Schulen, in den Kitas können wir es aber lockerer angehen lassen?

Das ist ein ganz, ganz wichtiger Punkt. Bei den Älteren und bei den Senioren haben wir einfach die Krankheitslast im Krankenhaus. Bei den Kindern hatten wir das Problem, das ist auch weiterhin so, dass sie natürlich Multiplikatoren der Infektionen sind. Aber die Strategie zu entwickeln, es müssen nicht trotzdem alle gleichzeitig in den Lockdown gehen, um die zu schützen, die besonders davon gefährdet sind, das hat sicherlich einige Monate gedauert. Und wenn man ganz ehrlich ist: Vor allem auch erst durch die Impfung haben wir gelernt, wie sehr diese Wellen abflachen, indem man eben diese Risikogruppen auch gut schützt. Sobald die Risikogruppen gut geimpft waren, haben wir eine deutlich niedrigere Sterblichkeit dort gesehen, haben deutlich weniger Krankenhausaufenthalte von diesen Personen gesehen. Das sind aber Erkenntnisse, die eigentlich erst 2021 richtig zu sehen waren, als der Impfstoff da war.

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Und welche Rolle spielen gezielte Impfkampagnen künftig beim Umgang mit Corona?

Also gerade was die Personen angeht, die weiter das höchste Risiko für schwere Verläufe haben, sind solche Kampagnen immens wichtig. Ich glaube, es wird ganz, ganz wichtig, jetzt für den Herbst auf der einen Seite Normalität reinzubringen und andererseits zu sagen: Wir haben Möglichkeiten, uns zu schützen.

Wir können aber nicht verhindern, dass das Virus wieder zirkuliert. Das muss man aber auch nicht panisch sehen. Es integriert sich in die Viren, die wir so oder so in den Wintermonaten wiedersehen. Aber umso wichtiger ist, dass jeder und jede Einzelne sich nochmal bewusst macht, was der jeweils individuell beste Schutz ist. Und da sind diese Impfkampagnen extrem wichtig.

Wo ziehen Sie die Grenze zwischen persönlicher Freiheit bei dieser Entscheidung und Verantwortung für die gesamte Gesellschaft?

Eine spannende Frage, die ist auch nicht auf Sars-CoV-2 beschränkt, wenn man ganz ehrlich ist. Das heißt, ich glaube schon, dass es mittlerweile so ist, dass die, die ein Risiko haben, das wissen. Und wenn man sich da bewusst nicht impfen lässt, dass man für sich selber ein Risiko eingeht. Ich glaube eher, dass es auch darum geht, niedrigschwellig andere zu schützen. Wir haben ja viel darüber gesprochen. Muss eine Verpflichtung sein, zum Beispiel dann im ÖPNV Mund-Nasen-Schutz zu tragen oder nicht.

Ich glaube, das tue ich dann halt auch. Das würde ich selber nicht als Hauptrisiko für mich sehen. Aber ich möchte ja auch nicht jemand anderen mit anstecken. Ich glaube, ein gesellschaftlicher Diskurs wäre gut, der kam ehrlicherweise zu kurz. Auch was die Maßnahmen in Schulen angeht, haben wir zu wenig diskutiert - aus meiner Sicht.

Und zu schnell geschlossen?

Zu schnell geschlossen. Und da sollte man schon noch einmal rangehen, weil sonst wird man wieder in den Herbstferien - im Oktober, November - reagieren müssen. Und ich glaube, dazu müsste man einfach jetzt auch Daten zur Hand nehmen. Die haben gar nichts mit Infektionsschutz allein zu tun, sondern haben mit Kindergesundheit zum Beispiel im seelischen Bereich zu tun. Das muss man abwägen. Es muss auch eine Risiko-Nutzen-Abwägung sein. Und die sollte möglichst nicht erst im akuten Fall, wenn wieder die Zahlen hochgehen, getroffen werden.

Herr Professor Rupp, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte NDR Schleswig-Holstein Reporter Philip Schroeder.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 01.06.2022 | 19:30 Uhr

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