Stand: 11.11.2019 18:44 Uhr

Problemwolf-Jagd macht Jägern Probleme

Von Carsten Rauterberg, Nikolai Hotsch und Jörg Jacobsen

Der sogenannte Problemwolf in den Kreisen Steinburg, Pinneberg und Segeberg ist seit Ende Januar zum Abschuss freigegeben. Bislang durfte ihn aber nur eine geheime Expertengruppe jagen, die das zuständige Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (MELUND) beauftragt hatte. Da die Experten bislang erfolglos waren, dürfen seit zwei Wochen auch bis zu 175 Jäger aus der Region mitjagen. Nach Recherchen von NDR Schleswig-Holstein wollen bislang jedoch weniger als zehn von ihnen mitmachen. Der Landesjagdverband kritisiert die strengen Vorgaben: Wer den Problemwolf schießen will, muss zum Beispiel auch während der Jagd seine E-Mails abrufen können.

Ohne Empfang kein Schuss

Das zuständige Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR) will den Jägern aktuelle Informationen per E-Mail aufs Smartphone schicken. Das könnte zum Beispiel der Fall sein, wenn die Abschussgenehmigung für das Tier erlischt. Umweltminister Jan Philipp Albrecht (Grüne) sieht darin einen Beitrag für mehr Rechtssicherheit: "Die Erlaubnis kann schnell erlöschen, wenn zum Beispiel ein anderer Wolf in dem Streifgebiet auftaucht. Dann macht sich dieser Jäger strafbar", sagte Albrecht im Interview mit NDR Schleswig-Holstein.

Einige Jäger haben kein Smartphone

"Die Berechtigten haben zu gewährleisten, dass während entsprechender Entnahmebemühungen jederzeit ausreichend Empfang (Smartphone) zur Übermittlung von E-Mail-Nachrichten besteht", heißt es in der Allgemeinverfügung des Landes. Diese Vorgabe sei gleich aus mehreren Gründen nicht zu leisten, meint Marcus Börner vom Landesjagdverband: Einige Jäger hätten gar kein Smartphone - und die anderen nicht immer Empfang. "Die Netzabdeckung ist katastrophal. Das müsste der Minister für Digitales, der ja auch für den Wolf zuständig ist, auch wissen", meinte Börner. Der Minister sagte dazu, dass die Aufgabe für die Jäger "leistbar und händelbar" sei.

Wolf GW924m unterwegs in Südholstein

Ministerium nennt keine Details

Die Kreisjägerschaften Steinburg, Pinneberg und Segeberg empfehlen ihren Mitgliedern, sich nicht an der Jagd zu beteiligen. Umweltminister Albrecht ist trotz allem optimistisch, dass der Problemwolf mit der Kennung GW924m durch die zusätzlichen Jäger erlegt werden kann. Sein Ministerium in Kiel wollte auf Anfrage keine Angaben dazu machen, wie viele Jäger sich an der Jagd beteiligen. Aus Sicht des Ministeriums ließe diese Zahl Rückschlüsse auf die Personen zu. "Es gilt absolute Vertraulichkeit", sagte Albrecht im Interview. "Wir geben keine Details preis."

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Wolf-Abschuss: Wenige Jäger machen mit

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Der Wolf GW924m ist seit Ende Januar zum Abschuss freigegeben. Seit vergangener Woche dürfen ihn deutlich mehr Jäger schießen. Allerdings will kaum einer von ihnen mitmachen. Video (01:32 min)

Jäger wollen Anonymität

Der Datenschutz ist aus Sicht der Jäger ein heikles Thema. Sie befürchten, dass nach einem Abschuss teure Gerichtsverfahren auf Einzelpersonen zukommen könnten, sollten Tierschützer gegen sie klagen. "Wozu soll es gut sein, im Erfolgsfall den Ort und den Namen des Erlegers aktenkundig zu machen?", fragte der Präsident des Landesjagdverbandes, Wolfgang Heins, in der vergangenen Woche: "Hauptsache ist doch, dass das Problem gelöst ist." Das sieht Minister Jan Philipp Albrecht anders: "Jeder Auftrag, der von der öffentlichen Hand an eine Einzelperson vergeben wird, muss gerichtlich überprüfbar sein", sagte Albrecht. Wenn zum Beispiel die Staatsanwaltschaft nach dem Schützen frage, müsse sein Ministerium den Namen nennen. "Nach Außen halten wir die Anonymität hoch", erklärte Albrecht.

Risse trotz Herdenschutzzäunen

Die Jäger fordern außerdem, dass alle örtlichen Jagdscheininhaber das Recht haben sollen, den Wolf zu schießen - und nicht nur eine begrenzte Zahl. Der Wolfsrüde hält sich seit Mitte 2018 in einem großen Streifgebiet zwischen A7, A23 und B206 auf und reißt immer wieder Nutztiere. Obwohl der Wolf eine streng geschützte Art ist, kann er unter bestimmten Umständen abgeschossen werden - wenn zum Beispiel ein Wolf mehrfach spezielle Schutzzäune überwindet und Nutztiere reißt. Dann gilt er als sogenannter Problemwolf - und darf "entnommen" werden, wie es offiziell heißt. Das ist aus Sicht des Umweltministeriums bei GW924m der Fall. "Eine Schadensprognose hat ergeben, dass in der betroffenen Region erhebliche wirtschaftliche Schäden drohen", heißt es in der Allgemeinverfügung des Landes. "Zumutbare Alternativen zur Entnahme des Wolfes bestehen nicht."

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 11.11.2019 | 19:30 Uhr

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