Stand: 08.05.2019 16:00 Uhr

Neuer Lernort in Hitlers Muster-Koog eröffnet

Von Sven Jachmann und Jörg Jacobsen

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Rund um die Neulandhalle stehen 30 Buchstaben aus Stahl, auf denen kurze Texte und Fotos zu sehen sind. Sie bilden die Worte "Leben", "Volk", "Raum" und "Gemeinschaft".

Für die Nationalsozialisten war die Landgewinnung vor der Küste Schleswig-Holsteins ein Vorzeigeprojekt. In dem 1935 geschaffenen Adolf-Hitler-Koog in Dithmarschen durften nur ausgewählte Familien siedeln. Die sogenannte Neulandhalle war das Gemeinschaftshaus für die neuen Koog-Bewohner. Seit Mittwoch dient das Gebäude und die Fläche drum herum als historischer Lernort. "Das macht alles einen ganz vernünftigen Eindruck", sagt Jens Thomsen. "Das ist sehr aufschlussreich und lehrreich." Die neue Ausstellung beschäftigt sich auch mit seiner Familiengeschichte. Er ist einer der Nachfahren der ersten Siedler und lebt noch heute im Koog, der seit 1946 Dieksanderkoog heißt.

Viele Familien seit der Besiedelung im Koog

Die Neulandhalle und der Koog seien besondere Orte, sagt Professor Uwe Danker von der Europa-Universität Flensburg, der die Ausstellung konzipiert hat. "Die Koog-Geschichte ist Teil dieser Ausstellung", sagt Danker. "Viele Familien wohnen hier seit der Besiedlung des Kooges. Deshalb haben wir in besonderer Weise das Gespräch zu den Koog-Bewohnern gesucht." Die Eltern von Jens Thomsen kamen 1935 aus Marne, wo sie nach seinen Angaben einen Hof gepachtet hatten, der die Familie aber nicht ernähren konnte. "Die Leute waren damals begeistert, dass sie plötzlich Arbeit hatten. Die waren froh und glücklich, dass sie hierher durften", sagt Thomsen.

Buchstaben aus Stahl informieren über Geschichte

Die Ausstellung im Außenbereich ist jederzeit zugänglich. Auf 30 mannshohen Buchstaben aus Stahl sind kurze Texte und Fotos zu sehen. Sie bilden die Worte "Leben", "Volk", "Raum" und "Gemeinschaft" und sind schon von weitem sichtbar. Auf dem Buchstaben "S" entdeckt Jens Thomsen ein Foto seiner Familie aus dem Jahr 1935. Sein Vater hatte eine der größeren Siedlungen mit 25 Hektar Land bekommen. "Vorher hatten sie nichts und nun ein kleines Haus und ein Stück Land", sagt Thomsen. Voraussetzung war damals unter anderem eine Mitgliedschaft in der NSDAP. Die Siedler galten als Musterfamilien nach den Wünschen der Nazis. "Als ich 1944 geborgen wurde, waren wir keine Vorzeigefamilie mehr. Da waren wir verpönt", sagt Jens Thomsen im Gespräch mit NDR Schleswig-Holstein. 

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Lernort Neulandhalle

Auf der interaktiven Homepage des Lernorts Neulandhalle im Dieksanderkoog ist die wechselvolle Geschichte des einstigen Vorzeige-Koogs der Nazis anschaulich dargestellt. extern

Vorder- und Rückseite der großen Buchstaben sollen jeweils zu einem Aspekt informieren. So stellen etwa die Vorderseiten der Buchstaben, die das Wort "Volk" bilden, die Verheißungen der Nationalsozialisten dar. Die versprachen Integration der arischen Bauern aus Dithmarschen, die sie in der Gemeinschaft haben wollten. Auf der Rückseite wird die Kehrseite, nämlich die gewalttätige und mörderische Ausgrenzung derer thematisiert, die nicht Teil der NS-Gemeinschaft sein durften, wie Juden und Menschen mit Behinderungen. Jens Thomsen sagt, er habe mit seinen Eltern kaum darüber gesprochen: "Aus heutiger Sicht hätte ich andere Fragen gestellt." 

Hitler legte Grundstein für Neulandhalle

Mehr als 1.000 Arbeiter waren in den 1930er Jahren damit beschäftigt, den Koog einzudeichen. Hitler selbst reiste im April 1935 nach Dithmarschen, um den Grundstein für das Gemeinschaftshaus zu legen. Die Nationalsozialisten karrten Journalisten mit Bussen zum Adolf-Hitler-Koog. "Sie haben diesen Koog von Anfang an als eine Volksgemeinschaft im Kleinen gefeiert", sagt Danker. Es sei ein Experimentierfeld wie im Reagenzglas gewesen, wo die Nationalsozialisten ihre Idealziele einer Volksgemeinschaft verwirklichen wollten.

Mit der Open-Air-Ausstellung will Professor Uwe Danker Besucher über die Mechanismen fataler NS-Propaganda informieren. "Wir wollen nicht belehren. Jede Besucherin und jeder Besucher soll selbst ein Urteil treffen können", sagt Danker. Insgesamt ist etwa eine Stunde veranschlagt, um die Ausstellung in Gänze zu erfassen. "Der Adolf-Hitler-Koog ist ein Produkt von traditionellen Landgewinnungsarbeiten, wie wir sie an der Westküste seit 800 Jahren kennen", sagt Danker. Die Nationalsozialisten hätten das Thema Landgewinnung in der Region ideologisch aufgeladen und sich der Westküstentradition bemächtigt.

Umbau zum Lernort kostet anderthalb Millionen Euro

1971 wurde die Neulandhalle von den Dithmarscher Propsteien erworben und als Übernachtungsstätte für die Jugendarbeit genutzt. Wegen eines hohen finanziellen Defizits wurde Anfang 2012 beschlossen, die Jugendfreizeitstätte zu schließen. 2017 unterzeichneten die Nordkirche und das Land Schleswig-Holstein eine Vereinbarung zur Finanzierung eines historischen Lernortes. Die Kosten für den Umbau belaufen sich auf anderthalb Millionen Euro. Das Gebäude selbst wurde im Kern nicht verändert und soll lediglich für Führungen geöffnet werden.

 "Wir hoffen, dass die Koog-Bewohner diese Ausstellung annehmen als ein Ort der Auseinandersetzung - auch mit der ganz eigenen Familiengeschichte", sagt Professor Danker. Jens Thomsen ist nach einem ersten Rundgang zufrieden. "Ich bin angenehm überrascht", sagt er. "Ich habe aber noch nicht alles durchgelesen und weiß nicht, ob ich mit allem so einverstanden bin." Der Koog-Bewohner befürchtet, dass das Interesse an der Neulandhalle nach wenigen Jahren abnehmen könnte. "Ich habe die Angst, dass die Ausstellung mit der Zeit verkommt."

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 08.05.2019 | 16:30 Uhr

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