Eine Statuer vor dem Gebäude des Landessozialgerichts in Schleswig stellt eine nachte entstellte männliche Person ohne Arme dar. © NDR

Studie belastet Nachkriegseliten in Justiz und Polizei schwer

Stand: 20.05.2021 14:32 Uhr

Wie stark Altnazis nach dem Krieg in Justiz oder Polizei in Schleswig-Holstein präsent waren, überrascht selbst Historiker. Sie haben in einer neuen Studie die Verstrickungen untersucht.

von Constantin Gill und Andreas Schmidt

Nicht einmal, als jemand den ehemaligen Nazi-Massenmörder Werner Heyde bei der Justiz verpfiff, musste der sich Sorgen machen. Schon länger hatte es Gerüchte gegeben, dass es sich bei dem nach Flensburg gezogenen Dr. Fritz Sawade um Werner Heyde handelte. Den Mann, der als Gutachter und zeitweise auch wissenschaftlicher Leiter des Euthanasieprogramms für zehntausende Tote verantwortlich war. Auch er selbst hatte sich verschiedenen Kollegen offenbart, sagt der Historiker Uwe Danker.

Als 1954 dann ein Denunziationsschreiben beim Sozialgericht landete, wurden die Richter laut Danker nicht tätig: "Das heißt, es haben Spitzenjuristen, Richter, entschieden, nicht als Juristen zu handeln und einen weltweit steckbrieflich gesuchten Massenmörder dingfest zu machen, sondern sie haben entschieden, weiter mit ihm zusammenzuarbeiten und ihn zu decken." So konnte Heyde unter dem Namen Sawade unbehelligt seine zweite Karriere als Gutachter fortsetzen.

Hohe Verstrickungen in Polizei und Justiz

Der Fall Heyde/Sawade sticht zwar heraus. Aber er zeigt, wie die Eliten in Justiz, Verwaltung und Polizei zusammen hielten. Uwe Danker, Historiker der Universität Flensburg, ist in der Studie mit seinen Kollegen der Frage nachgegangen, wie die Biografien der Angehörigen dieser Eliten aussahen und wie tief sie selbst in NS-Unrecht verstrickt waren: "In den Untersuchungsgruppen der Landessozialverwaltung, des Polizeioffizierskorps und der ausgewählten Justizjuristen haben sich exorbitant hohe Verstrickungs- und Belastungsgrade ergeben, die in diesem Maße überraschten", so das Fazit.

Nüchtern und neugierig habe man sich an die Arbeit gemacht, berichtet Danker. Fünfzehn Mitwirkende haben zwei Jahre lang an der Studie gearbeitet. Der Landtag hatte sie beauftragt. Nachdem Danker schon über die NS-Vergangenheit von Landespolitikern geforscht hatte, ist dies nun die Folgestudie. Dabei ging es zunächst darum, Berufsgruppen auszuwählen und dann die Biografien der Mitglieder auszuwerten. Die wurden dann nach dem Grad ihrer Verstrickung typisiert.

1960: Gut ein Drittel der Sozialrichter aktiv an NS-Unrecht beteiligt

Eine historische schwarz-weiße Aufnahme zeigt Nazi und Massenmörder Werner Heyde. © NDR
Eine historische Aufnahme zeigt den Nationalsozialisten und Massenmörder Werner Heyde.

Ein Beispiel für so einen Typ ist der "Verfolgungsakteur" - das ist jemand, der nachweislich im nationalsozialistischen Verfolgungsapparat tätig war, also etwa Todesurteile ausgesprochen oder ausgeführt hat - oder in einer einschlägigen Einrichtung tätig war. "Verfolgungsakteure" gab es laut Uwe Danker im Jahr 1960 auch am Landessozialgericht. Gut ein Drittel der Richter habe damals zu dieser Kategorie gehört, "weil sie entweder an Sondergerichten oder in der Marine- oder Militärjustiz an Todesurteilen beteiligt waren."

Diese Gemeinsamkeit stärkte den Zusammenhalt - von dem auch der Massenmörder Heyde profitierte. Die Heyde/Sawade-Affäre habe in diesem Milieu "ihre Bühne und gesellschaftliche Einbettung" gefunden, heißt es in der Studie. "Die berufsbiografisch oft übereinstimmenden oder doch ähnlichen Erfahrungen dieser Elitenangehörigen aus Medizin, Wissenschaft, Justiz und Verwaltung verhinderten, gegen einen aus ihren Kreisen vorzugehen."

NS-Opfer treffen erneut auf Täter

Doch die Verstrickungen sorgten nicht nur dafür, dass gesuchte Verbrecher nicht dingfest gemacht wurden. Sie durften auch, so legen es die Autoren der Studie nahe, nach alten Denkmustern handeln - möglicherweise zulasten ihrer früheren Opfer. Denn am Landessozialgericht wurde nach dem Krieg auch über die Entschädigung von NS-Opfern entschieden. Medizinisch begutachtet werden die Fälle von Ärzten, die die NS-Medizin mitgeprägt haben - oder, in drei Fällen, selbst in die Verbrechen der Nationalsozialisten verstrickt waren. Einer von ihnen ist Werner Heyde alias Fritz Sawade.

In den Gutachten verschiedener Ärzte heißt es etwa: "Die Leiden des Klägers sind vorwiegend anlage- und altersbedingt." Ein anderer sei "durch seine ererbte Persönlichkeit nicht mehr in der Lage gewesen, sich eine neue Existenz aufzubauen und habe alle Leiden, die er habe, auf die Haft geschoben." Und über eine Frau schreibt ein Gutachter: "Die Untersuchte scheint in hypochondrischer Weise auf ihre Beschwerden fixiert und es besteht für sie offensichtlich nicht der geringste Zweifel daran, dass das gesamte Mißgeschick, das sie betroffen hat, in ursächlichem Zusammenhang mit der Haftzeit steht."

Zwar mag der medizinische Hintergrund der Gutachter für die damalige Zeit nicht unüblich gewesen sein. Doch für die Betroffenen bedeutet es, dass sie medizinischen Sachverständigen begegnen, "die 1945 wenig Anlass sahen, ihr medizinisches Grundverständnis zu verändern, und deshalb gegenüber ehemaligen NS-Opfern ohne Empathie begegneten und rein technisch und im Zweifelsfall immer zu Gunsten des Staates, also, für wenig Zahlungen entschieden", sagt Uwe Danker.

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Polizisten wurden zu Mördern

Besonders belastet sind der Studie zufolge die Angehörigen des Polizeioffizierskorps. Viele waren demnach in den 1930er Jahren bei der Gestapo aktiv und für mindestens 45 der 120 Personen aus der Untersuchungsgruppe fanden die Forscher Belege für "Kriegseinsätze", also etwa Erschießungen an der Ostfront. "Wenn sie sich nicht verweigerten, wurden sie zu Mördern", sagt Danker. Auch hier sehen die Forscher ein "gemeinsames berufsbiografisches Fundament" - entstanden durch "furchtbare Verbrechen."

Allen NS-Verstrickungen zum Trotz entstand unter Beteiligung der genannten Eliten eine funktionierende Demokratie und ein stabiler Rechtsstaat. "Aber der Preis, der moralische Preis, der war unendlich hoch", sagt Danker.

Das Wort "Täter" nehmen die Forscher übrigens bewusst nicht in den Mund: Sie wollen zwar Ross und Reiter nennen - aber keine Richter sein. Vor ein Gericht sollte der ehemalige NS-Arzt Werner Heyde alias Fritz Sawade eigentlich 1964 treten. Kurz vor seinem Prozess aber nahm er sich in der Haft das Leben.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 20.05.2021 | 15:00 Uhr

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