Mehr Wölfe in Schleswig-Holstein unterwegs

Stand: 27.05.2022 05:00 Uhr

In SH werden wieder mehr Wölfe gesehen. Laut des zuständigen Landesamtes sind die meisten unauffällig unterwegs. Der Bauernverband geht von einer hohen Dunkelziffer bei Nutztierrissen aus.

von Hannah Böhme

Fast drei Tage hat Götz Resenhoeft, Betriebsleiter des Gut Hülsenberg in Wahlstedt (Kreis Segeberg), das letzte seiner entflohenen Rinder gesucht. Aufgetaucht ist es schließlich in zehn Kilometer Entfernung und war "völlig verängstigt", berichtet Resenhoeft. Vor rund zwei Wochen war die gesamte Herde von einer der Weiden des Gutes geflohen. Aufgescheucht und gejagt von einem Wolf, vermutet Resenhöft. Eine Wildtierkamera hatte in unmittelbarer Nähe zur Weide kurz zuvor einen Wolf fotografiert, berichtet er. Das bestätigt auch das für das Wolfsmonitoring zuständige Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und Ländliche Räume (LLUR) in Schleswig-Holstein. Ob das Tier aber tatsächlich auch die Rinderherde von der Weide gejagt hat, ist laut LLUR nicht mehr feststellbar.

Wieder mehr Wölfe in SH

Wie in Wahlstedt werden im gesamten Land im Moment immer wieder Wölfe gesichtet. Öfter als in den vergangenen Jahren, sagt das LLUR. Allerdings verhielten sich die meisten Tiere bisher weitestgehend unauffällig, so LLUR-Sprecher Martin Schmidt. Nach den Daten seiner Behörde gab es zwischen Januar und April dieses Jahres etwa 20 Nutztierrisse im Norden. Zuletzt griff ein Wolf im Kreis Nordfriesland mehrere Lämmer an. Drei starben, viele weitere musste ein Tierarzt später einschläfern. Zum Vergleich: Als 2019 der sogenannte "Problemwolf" mit der Kennung GW924m im Land unterwegs war, registrierte das LLUR zwischen Januar und April mehr als 80 Nutztierrisse.

Zehn Monate alte Wölfin des Daubaner Rudels im Februar 2016. © NABU/M. Hamann Foto: Michael Hamann
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Mehr Herdenschutz im Land

"Unauffälliger" sind die Wölfe dem LLUR zu Folge im Land im Moment auch deshalb, weil es ihnen in einigen Gebieten des Landes mittlerweile schwerer gemacht wird, überhaupt an die Schafsherden heranzukommen. Vor drei Jahren hatte das Land die sogenannten Wolfspräventionsgebiete erweitert: Neben dem Kreis Herzogtum Lauenburg zählen seitdem auch die Kreise Segeberg, Pinneberg, Steinburg und Dithmarschen dazu. Hier hatte "Problemwolf" GW924m damals besonders viele Schafsherden angegriffen. In diesen Gebieten empfiehlt und fördert das Land nach eigenen Angaben bestimmte Herdenschutzmaßnahmen. Dazu gehören spezielle Elektrozäune, die als wolfsabweisend gelten, oder zum Beispiel auch Herdenschutzhunde. Umgekehrt gilt für diese Bereiche aber auch: Schafhalter, die die Maßnahmen nicht ergreifen, bekommen auch keine Ausgleichszahlungen vom Land, wenn ein Wolf die eigene Herde überfällt und Tiere tötet.

Bauernverband: Hohe Dunkelziffer an Nutztierrissen

Der Bauernverband dagegen bezweifelt, dass es tatsächlich so viel weniger Nutztierrisse gibt, wie die Daten des LLUR belegen. Es gebe eine hohe Dunkelziffer, sagt Hans Heinrich von Maydell vom Bauernverband. Betroffene Schäfer meldeten längst nicht mehr alle Wolfsangriffe an die zuständigen Behörden - aus Sorge vor negativer Presse, aber auch, weil der Entschädigungsprozess vielen zu schwierig sei, so von Maydell. Abgenommen hat aus seiner Sicht vor allem der "Hype" um den Wolf, nicht aber die Gefahr, die für Weidetierhalter durch ihn entsteht.

Forderung nach besserem Wolfsmanagement

Der Bauernverband will deshalb ein konkreteres Wolfsmanagement von der Landesregierung. Festgelegt werden soll laut von Maydell vor allem, wie viele Wölfe Schleswig-Holstein "verträgt" und welche Bereiche "wolfsfrei" gehalten werden müssen. Letzteres zielt vor allem auf die Deichregionen im Land ab. Weil auf einem Deich zum Beispiel kaum Zäune aufgestellt werden können, sind Schafe hier besonders leichte Beute für einen Wolf. Wenn sich ein Wolf in diesen Regionen niederlässt und zu viel Schaden anrichtet, müsste es aus Sicht des Bauernverbandes auch möglich sein, ihn abzuschießen.

Sieben verschiedene Tiere im Land unterwegs

Noch hätten die Weidetierhalter in Schleswig-Holstein Glück, so von Maydell. Verglichen mit anderen Bundesländern gebe es in hier bisher nur wenig Wölfe, die Schäden seien deshalb nicht so groß wie in anderen Regionen Deutschlands. Mindestens sieben unterschiedliche Tiere konnte das LLUR seit Jahresbeginn im Land nachweisen, durch DNA-Analysen von Riss-Spuren oder Kot. Das zuständige Landesamt in Brandenburg veröffentlichte zuletzt die zusammengefassten Zahlen für 2020/21 und registrierte bis dahin fast 50 Rudel.

Schleswig-Holstein kein Dauer-Land für Wölfe

Schleswig-Holstein gilt bei den Experten des LLUR bisher nur als Durchreiseland für die Wildtiere. Jetzt im späten Frühjahr seien es vor allem Jungwölfe, die durchs Land wandern, erklärt LLUR-Sprecher Martin Schmidt: "Die haben ihr eigenes Rudel verlassen und ziehen umher, um nach neuem Lebensraum und Partner zu suchen". Von Tieren, die dauerhaft hier sind oder sogar einem richtigen Rudel, ist bisher nichts bekannt, sagt Schmidt: "Es gibt zu wenig größere Waldgebiete, die ein Rudel brauchen würde, um Junge aufzuziehen." 

Am besten ein Foto machen

Wie viele Wölfe tatsächlich die Landesgrenze überschreiten, lässt sich nach Angaben des LLUR kaum sagen, denn nicht von allen gibt es DNA-Nachweise. Tatsächlich einem zu begegnen, ist aber weiter sehr selten, sagt Schmidt. Sollte es doch mal passieren, sei es sinnvoll zu versuchen, ein Foto für das Landesamt zu machen. In der Regel geht Schmidt zu Folge von den Tieren keine Gefahr für Menschen aus: "Wenn der Wind so steht, dass der Wolf die Witterung hat, guckt er vielleicht und geht dann in eine andere Richtung". Wichtig sei, nicht wegzulaufen. Wer Angst bekommt, "kann sich laut bemerkbar machen und dann ist er auch weg", so Schmidt weiter.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 27.05.2022 | 08:00 Uhr

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