Stand: 15.02.2019 05:00 Uhr

Handymasten in SH: Sorgen um zu viel Strahlung

von Julian Marxen

Unterwegs auf dem platten Land, irgendwo in Schleswig-Holstein. Auf dem Handy: keine Balken. Freunde anrufen oder Nachrichten empfangen? Keine Chance. Funkloch. Ob nun in Kirchbarkau, Bosau, St. Peter Ording oder Segeberg - wo es Probleme mit dem Empfang gibt, werden schnell Forderungen nach einer besseren Netzabdeckung laut. Die beiden größten Netzanbieter Vodafone und Telekom geloben Besserung, wollen in diesem Jahr etwa 250 neue Mobilfunkmasten zwischen Nord- und Ostsee aufbauen, bestehende Türme sollen zudem aufgerüstet werden. Für den neuen Mobilfunkstandard 5G werden darüber hinaus etliche weitere Stationen benötigt.

Macht zu viel Mobilfunk-Strahlung krank?

Viele Schleswig-Holsteiner freut das, einige sind eher skeptisch, machen sich sogar Sorgen. So wie eine junge Lübeckerin, die ihr Handy rund um die Uhr bei sich hat: "Ich nutze das Smartphone immer und überall, meine Kollegen tun das, meine Freunde tun das. Und irgendwie wollen wir ja, dass Funktürme und Antennen aufgestellt werden. Dabei weiß ich gar nicht, ob das alles vielleicht auf meine Gesundheit geht", sagt die 25-Jährige. Und in der Tat gebe es so etwas wie Elektrosensibilität, meint zumindest Michael Mumm vom BUND-Arbeitskreis Elektrosmog. Der Ingenieur aus Hamburg ist nach eigenen Worten selber elektrosensibel. "Ich habe mich ständig krank gefühlt, konnte irgendwann mein Bein nicht mehr bewegen. Nachdem ich Computer und WLAN abgeschaltet hatte, war ich innerhalb weniger Tage aber wieder topfit."

Forscher: WLAN kann zu Herzproblemen führen

Dieses Phänomen sei nicht ungewöhnlich, meint Lebrecht von Klitzing. Er leitete Jahre lang die klinische Forschung an der Uni Lübeck. Bei WLAN sei anhand der Hirnströme klar nachweisbar, dass die Strahlung auf unsere Nerven einwirke, meint der Umweltphysiker. Was Klitzing zufolge im schlimmsten Fall zu Herzproblemen führen kann.

Bönningstedter Funkturm macht Anwohnern Sorgen

Doch manche befürchten Schlimmeres. Wie zum Beispiel einige Schnelsener, die an der Grenze zwischen Schleswig-Holstein und Hamburg wohnen. Auf einem Acker im benachbarten Bönningstedt steht ein 40 Meter hoher Funkturm. "Wir sind hier weggezogen, weil wir nicht möchten, dass unser Neugeborener bestrahlt wird", sagt Familienvater Ralph Kessler mit bewegter Stimme. Informiert wurden er und seine Nachbarn vorher nicht. "Ich möchte nicht austesten, ob der Kleine irgendwann einen Hirntumor bekommt", so Kessler.

Ministerium: Keine Gefahr durch Masten

Das in Schleswig-Holstein zuständige Umweltministerium versucht zu beruhigen. Gesundheitliche Gefahren durch die elektromagnetischen Felder von Mobilfunksendeanlagen seien nicht zu befürchten. Trotzdem, so ein Sprecher, würde die Landesregierung die Forschungen und Diskussionen rund um die Strahlung im Blick behalten. Ziel sei nämlich, die Strahlenbelastung der Schleswig-Holsteiner so gering wie möglich zu halten.

Physiker: Strahlung verändert Gewebe nicht

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Eine aktuelle US-Studie hat an Mäusen und Ratten erforscht, dass Mobilfunkstrahlung langfristig Herz- und Hirntumore erzeugen kann. Das Bundesamt für Strahlenschutz kritisiert an der Studie, dass die Strahlenbelastung völlig unrealistisch hoch gewesen sein soll. Auch der Lübecker Physiker Peter Gaal sieht keine Gefahren: "Die Strahlung ist nicht so stark, dass sie das menschliche Gewebe verändern kann", sagt Gaal. Sie könne das Gewebe höchstens erhitzen.

Wer aber trotzdem unsicher ist und kein Risiko eingehen will, dem rät die Weltgesundheitsorganisation: Das Handy vorsichtshalber nicht zu dicht am Ohr halten, sondern stattdessen Freisprechanlagen nutzen. Wer schlecht schläft, sollte das Handy testweise auf Flugmodus stellen. Und selbst die Telekom empfiehlt, den WLAN-Router nicht dort zu platzieren, wo man schläft.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Der Nachmittag | 15.02.2019 | 16:10 Uhr

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