Feuerwehr: Mit Dingen klarkommen, die kaum begreifbar sind

Stand: 02.11.2021 14:36 Uhr

In ihren Einsätzen erleben die Feuerwehrleute manchmal Dinge, mit denen sie auch danach noch lange zu kämpfen haben. Deshalb gibt es die Einsatznachsorge.

Gut 63.000 Feuerwehrleute gibt es in Schleswig-Holstein, gut 35.000 Mal mussten sie allein im vergangenen Jahr ausrücken. Nicht alle Einsätze sind dramatisch - aber manchmal dann eben doch. Und wenn alle Schläuche wieder verstaut und die Feuerwehrleute wieder zu Hause sind, dann beginnt bei einigen das Gedankenkarussel.

Genau hier setzt ein besonders darauf ausgerichtetes Programm an: die Einsatznachsorge. Wie die funktioniert, lernen die Ehrenamtler in einem Seminar. Rettungskräfte sollen bestmöglich auf Unvorhergesehenes vorbereitet werden. Sie sollen lernen, sich selbst zu helfen und mit Situationen klarkommen, mit denen man kaum klarkommen kann. So sollen posttraumatische Belastungsstörungen verhindert werden.

Eine Art Werkzeugkasten gegen traumatische Erlebnisse

Im Prinzip bekommen die Ehrenamtlichen bei der Einsatznachsorge eine Art Werkzeugkoffer an die Hand und lernen, wie sie einerseits selbst mit traumatischen Ereignissen umgehen können - aber auch, wo und wie sie Hilfe finden.

Was ein Einsatz mit einem machen kann, davon kann Michael Janssen berichten: Seit 30 Jahren ist er für die Freiwilligen Feuerwehr Brokstedt (Kreis Steinburg) im Dienst. "Wenn man Bekannte trifft am Unfallort oder wenn das Auto das gleiche ist wie das, das der Sohn fährt, dann macht das was mit einem", sagt Janssen. "Auch wenn man schon ganz lange dabei ist und meint, man ist abgehärtet, kann es dann doch treffen, dass man einen Einsatz eben nicht gut verkraftet - je nach dem, was da so auf einen einwirkt."

Feuerwehrmänner auf einem Löschkran bekämpfen Großbrand. © dpa - Report Foto: Stephan Görlich
Wenn die Rettungskräfte emotional schwierige Situationen durchleben, brauchen auch sie oftmals Hilfe, diese zu verarbeiten.
Feuerwehrmann: "Früher musste man Härte zeigen"

In Janssens Anfangszeit bei der Feuerwehr habe es etwas wie Notfallseelsorge für Einsatzkräfte nicht gegeben, erinnert er sich. "Damals musste man ein bisschen mehr Härte zeigen, obwohl man gar nicht so war", beschreibt Janssen sein Gefühl von früher. "Da war das so, dass man das nicht sagen wollte, oder die anderen sagten: 'Stell dich nicht so an, trinken wir 'nen Korn!'" Das sei heute anders, so der Feuerwehrmann. "Wir reden auch ohne Nachsorgeteam nach solchen Einsätzen miteinander und versuchen, das aufzuarbeiten. Das hat sich komplett geändert."

Hilfe vom Seelsorger

Damit das fachlich gut begleitet stattfinden kann, hat Janssen Feuerwehrseelsorger Lothar Volkelt in seine Wache nach Brokstedt eingeladen. Er hat den Rettern schon ein paar Mal geholfen und ihnen erklärt, wie sie ihre Stressymptome richtig deuten - bevor sie eine posttraumatische Belastungsstörung bekommen. "Ich möchte, dass der Horror aus den Köpfen wieder raus kann", sagt der Geistliche, "dass nicht der alte Feuerwehrmann wie der alte Opa aus dem Krieg das, was er erlebt hat, immer noch als schwarzen Block im Kopf nicht los wird."

Bei den Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr Brokstedt kommt das gut an. "Das hilft - also: reden, reden, reden", sagt Sina Wegener. "Es gab schon Einsätze, nach denen man zwei, drei Tage noch dran gedacht hat, ob man was anders hätte machen können." Auch Tanja Maas hat die Unterstützung in der Einsatznachsorge konkret geholfen - erst kürzlich bei einem Einsatz, als sich ein Mensch erhängt hatte. "'Muss ich den jetzt abnehmen? Was muss ich denn tun?' Das ist etwas, das einen beschäftigt, was man auch mit nach Hause nimmt."

"Wichtig zu wissen, dass es das gibt"

Für Janssen ist es wichtig, stets zu wiederholen, dass es die Einsatznachsorge gibt. "Es muss mal wieder ins Gedächtnis gerufen werden", sagt Janssen - auch für Jüngere und neue Kameradinnen und Kameraden, die so etwas noch nicht kennen. "Es ist wichtig zu wissen, dass es so etwas gibt."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Moin! Der Tag in Schleswig-Holstein | 02.11.2021 | 17:11 Uhr

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