Stand: 18.04.2019 05:00 Uhr

Die Regenbogen-Polizisten vom LSBTIQ

von Astrid Wulf

Jens Puschmann (l.) und Tobias Kreuzpointner bilden die Zentrale Ansprechstelle LSBTIQ der schleswig-holsteinischen Landespolizei.

Seit September 2018 sind die Beamten Jens Puschmann und Tobias Kreuzpointner im Dauereinsatz. Die Polizisten bilden die Zentrale Ansprechstelle LSBTIQ bei der schleswig-Holsteinischen Landespolizei. Sie sind vor allem für lesbische, schwule, bi-, trans- und intersexuelle sowie queere Menschen im Land da - also für alle, die nicht heterosexuell leben oder sich nicht klar mit ihrem angeborenen Geschlecht identifizieren können.

Beleidigungen und Körperverletzungen können hier angezeigt werden

Eine Regenbogenfahne - das Symbol der schwul-lesbischen Community - ziert das Eingangsschild der Zentralen Ansprechstelle LSBTIQ auf dem Aus- und Fortbildungsgelände der Landespolizei auf der Eutiner Hubertushöhe. Dort können alle Straftaten angezeigt werden, die sich gegen die sexuelle Orientierung oder Identität richten. Das können auch Beleidigungen sein, wie "schwule Sau" oder "Scheißlesbe", sagt Tobias Kreuzpointner: "Wenn man sich hierdurch verletzt fühlt, ist der Straftatbestand einer Beleidigung möglicherweise erfüllt." Die Anzeigen leiten die Beamten weiter. Ihre Kollegen vom Staatsschutz sind für Hasskriminalität zuständig und prüfen, ob die angezeigten Taten tatsächlich strafrechtlich relevant sind.

Vom Strafverfolger zum Freund und Helfer für Schwule und Lesben

Diese Anzeigen würden auch alle anderen Polizeidienststellen aufnehmen - viele Menschen aus der LSBTIQ-Community hätten jedoch Hemmungen, zur Polizei zu gehen, sagen die Beamten. In der Kriminalstatistik 2017 tauchen lediglich vier Straftaten auf, die sich gegen die sexuelle Orientierung der Opfer richten. Doch die Polizei geht von einer hohen Dunkelziffer aus. Viele befürchten, bei der Polizei nicht ernst genommen zu werden, gerade ältere Schwule und Lesben hätten wenig Vertrauen zur Polizei. Kein Wunder - noch bis in die siebziger Jahre hinein waren homosexuelle Handlungen unter Männern strafbar und hätten von der Polizei verfolgt werden können.

Klinkenputzen, um Vertrauen zurückzugewinnen

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Puschmann und Kreuzpointner stellen Polizeischülern die Arbeit der LSBTIQ vor. Die Schüler seien aufgeschlossen und interessiert, sagt Puschmann.

Von Januar bis März hätten sich dagegen zehn Menschen mit möglichen Straftaten an die Ansprechstelle gewandt. Dabei ging es auch um Körperverletzung, sagt Kreuzpointner. Für die beiden Beamten ein gutes Signal; das Klinkenputzen in den ersten Monaten hätte sich also gelohnt.

Die beiden Polizisten waren viel unterwegs, um sich bekannt zu machen. Auf Szene-Veranstaltungen, bei Vereinen und Verbänden in der schwul-lesbischen Community haben sie sich vorgestellt und Netzwerkarbeit betrieben. "Wir sind in den ersten drei Monaten 10.000 Kilometer mit unserem Dienstwagen durchs Land gefahren", sagt der 38-jährige Kreuzpointner.

Ansprechstelle auch für Kolleginnen und Kollegen der Landespolizei

Auch für die 9.000 Kolleginnen und Kollegen der Landespolizei sind Puschmann und Kreuzpointner da. Einerseits für ganz praktische Fragen: Wer durchsucht bei einer Verkehrskontrolle einen transsexuellen Mann? Der Beamte oder die Beamtin? Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Landespolizei können sich allerdings auch mit ganz persönlichen Fragen an die Ansprechstelle wenden - wenn sie sich zum Beispiel outen möchten, aber nicht wissen, wie sie es angehen sollen. Etwa jeder zehnte Bürger gehört zur LSBTIQ-Community - unter rund 9.000 Landespolizisten sind es also etwa 900. Und tatsächlich würden nicht nur schwule und lesbische Kollegen das Beratungsangebot annehmen: "In diesem Jahr hat auch schon eine Person mit uns Kontakt aufgenommen für den Bereich Trans", sagt Kreuzpointner.

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Puschmann und Kreuzpointner sind sich einig: In der Landespolizei sei es kein Problem, offen zu seiner sexuelle Orientierung zu stehen. "Die Richtung ist ja auch ganz klar von der Polizei vorgegeben", sagt Kreuzpointner. "Es gibt eine Null-Toleranz-Strategie, was Diskriminierung und homophobes Verhalten angeht." Puschmann hat sich seinen Kollegen gegenüber vor zwanzig Jahren als schwuler Mann geoutet: "Das war überhaupt kein Problem", sagt der 60-Jährige. Auch Kreuzpointner geht offen mit seiner Homosexualität um und hat damit bei der Landespolizei keine negativen Erfahrungen gemacht.

Schwulen- und Lesbenverband sowie Polizeigewerkschaft begrüßen die Ansprechstelle

Danny Clausen-Holm vom Schleswig-Holsteinischen Lesben- und Schwulenverband glaubt: "Vieles hat sich in den letzten Jahren verbessert. Doch Homo- und Transfeindlichkeiten sind leider immer noch alltäglich in unserer Gesellschaft. Daher begrüßen wir die Einrichtung der Ansprechstelle LSBTIQ. Dies unterstreicht die Akzeptanz und Offenheit der Landespolizei gegenüber der queeren Community." Auch Torsten Jäger, Landesvorsitzende der Polizeigewerkschaft GdP in Schleswig-Holstein, findet die Ansprechstelle wichtig: "Sie trägt dazu bei, dass niemand ausgeschlossen wird und stärkt den Zusammenhalt."

Projekt läuft noch bis zum Herbst

Um auch die künftigen Polizistinnen und Polizisten für Menschen aus dem LSBTIQ-Spektrum zu sensibilisieren, kommen ihre Kollegen aus der Ansprechstelle in den Unterricht und berichten von ihrer Arbeit. Die Schüler seien aufgeschlossen und interessiert, sagt Puschmann: "Wir haben da einen sehr guten Polizeinachwuchs, der einen guten Umgang mit der Community im späteren Berufsleben entwickeln wird." Schleswig-Holstein hatte als letztes Bundesland im Norden solch eine Ansprechstelle eingerichtet, zum September endet die einjährige Projektphase. Wie es weitergeht, will das Innenministerium im Herbst entscheiden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 18.04.2019 | 12:00 Uhr

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