Chinas Kaufinteresse am Hamburger Hafen: Risiko oder Chance für SH?

Stand: 21.10.2022 17:48 Uhr

Der Hamburger Hafen ist auch ein wichtiger Arbeitgeber in Schleswig-Holstein. Nun will der chinesische Terminalbetreiber Cosco Teile des Containerhafens kaufen.

Der chinesische Staatskonzern hat zugesagt, den Hamburger Hafen zu einem bevorzugten Hafen zu machen. Eine Art Druckmittel, findet Rolf Langhammer, Wirtschaftsexperte vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel.

Herr Langhammer, warum macht dieser Kauf für die Beteiligten Sinn?

Rolf Langhammer: Die Beteiligten am Hamburger Hafen sind sicherlich darüber sehr erfreut, dass es Investitionen in die Ertüchtigung des Containerhafens Tollerort gibt. Hamburg braucht Kapital und Cosco ist bereit, dieses Kapital einzubringen. Die Chinesen haben ein Interesse daran, die Beziehungen zum Hamburger Hafen zu verstetigen. Auch locken sie mit der Behandlung Hamburgs als bevorzugtem Umschlagplatz. Sollte es zu dieser Beteiligung kommen - und es ist nicht die erste dieser Beteiligungen, sie haben schon in vielen europäischen Häfen eine Beteiligung - würde es ihr Investitions-Plafond vervollständigen.

Porträt von Rolf Langhammer © © IfW Kiel | Studio 23
Rolf Langhammer befürchtet, dass der Staatskonzern Cosco und damit die chinesische Regierung noch mehr Einfluss in der Branche bekommt.

Der Hamburger Hafen gehört zu den größten und wichtigsten Arbeitgebern in Schleswig-Holstein. Glauben Sie, der Einstieg Chinas hat Auswirkungen auf die Menschen in Schleswig-Holstein?

Langhammer: Es ist sehr schwer abzuschätzen. Es ist ein Staatskonzern. Und dieser Staatskonzern hat nicht nur privatwirtschaftliche Ziele. Was wäre, wenn Hamburg diese Beteiligung ablehnen würde beziehungsweise die Bundesregierung das ablehnen würde? Hätte das negative Konsequenzen für die Arbeitsplätze im Hamburger Hafen?

Wie sind Ihre Antworten darauf?

Ein bisschen muss man das als Drohung verstehen. Wenn Cosco sagt, "ihr werdet zu einem bevorzugt Hafen, wenn ihr die Beteiligung genehmigt", muss man natürlich umgekehrt die Frage stellen: Was ist, wenn diese Beteiligung nicht genehmigt wird? Würde dann von Hamburg Ladung Richtung anderer Nordseehäfen abgezogen - also Rotterdam, Seebrücke oder Antwerpen? Das ist das kritische Moment zu diesem Zeitpunkt. Denn der Hamburger Hafen ist in einer schwierigen Situation.

Wie schwer ist die Situation?

Wir wissen, das Verschlickungsproblem und das Problem der Elbvertiefung kann für einen Tidehafen nicht so einfach gelöst werden. Es bleibt immer auf dem Tisch. Das heißt, Hamburg steht als Konkurrent zu Rotterdam und zu den anderen Häfen ein bisschen mit dem Rücken an der Wand. Da kommt natürlich diese Offerte der Chinesen fast wie eine Bedrohung oder Drohung hinzu. Nach dem Motto: Wenn ihr das nicht macht, hat das negative Konsequenzen - auch für die Arbeitsplätze in Schleswig-Holstein.

Ist mit dem Verkauf die Hoffnung verbunden, dass gegen Verschlickung oder auch der Elbvertiefung entsprechende Investitionen aus China kommen?

Langhammer: Ja, das würde man natürlich hoffen. Allerdings haben die Chinesen wahrscheinlich andere Ziele. Sie möchten gerne die Kontrolle über Lieferketten haben. Sie haben ja - wie gesagt - schon einige europäische Häfen im Visier. Den Hafen Piräus in Griechenland haben sie - wenn man so will - ganz gemietet, ganz erworben für eine bestimmte Zeit.

Hier geht es in Hamburg nur um einen der vier Containerterminals, aber was nichtsdestoweniger dahinter steht, ist eben eine digitale und eine maritime Seidenstraße, die die Chinesen propagieren. Maritim heißt, die Perlenkette der Häfen. Digital heißt natürlich, das Investieren in die Digitalisierung des Seetransports - und da ist Cosco sehr stark. Das könnte natürlich eine missbräuchliche Position bedeuten, wenn sie diese Kompetenz bekommen.

Dann ist auch die Frage: Wo liegen die Daten von nicht-chinesischen Kunden? Von Cosco liegen die auf chinesischen Servern und das würde sicherlich auch noch ein gewisses Sicherheitsprobleme hervorrufen. Das haben wir auch schon im Zusammenhang mit Daten gesehen, die auf amerikanischen Servern liegen. Da hat der Europäische Gerichtshof gesagt: Nein, das geht so nicht. In China hätte man natürlich sofort Zugriff seitens der chinesischen Sicherheitsbehörden auf diese Daten. Ob das im Sinne der Sicherheits- und Entwicklungsstrategie der Bundesregierung ist, das wage ich zu bezweifeln.

Was hätte der Verkauf denn grundsätzlich für Auswirkungen auf Unternehmen in Schleswig-Holstein?

Langhammer: Zunächst einmal erwirbt Cosco nur eine Minderheitsbeteiligung. Es ist nicht etwa ein Kauf des Hamburger Hafens oder ein Kauf der Hamburger Hafen und Logistik AG, sondern es ist eine Minderheitsbeteiligung an einem der Betreiberterminal. Das hält natürlich die Risiken in Grenzen.

Für schleswig-holsteinische Unternehmen hätte es einen großen Vorteil, man würde den Hamburger Hafen weiter aufrüsten. Cosco würde dort investieren. Dieses Kapital ist dringend notwendig und die Wettbewerbsfähigkeit des Hamburger Hafens würde dadurch wahrscheinlich gestärkt.

Die mittelfristigen Konsequenzen gehen in die Richtung der Sicherheitspolitik und der geoökonomischen Interessen Deutschlands, die sind für die Unternehmen vielleicht zunächst einmal eher nachrangig.

In kurzer Sicht würde man sagen: Ja, China bleibt ein wichtiger Partner im Hamburger Hafen. Viele chinesische Unternehmen sind dort tätig, die nur im Handelsbereich unterwegs sind. Die Beziehungen zu Hamburg sind ja seit Jahrzehnten hervorragend. Seit 1982 ist Cosco ein Kunde im Hamburger Hafen. Alle zwei Jahre gibt es eine große Konferenz, Hamburg meets China. Hamburg ist auch die Schwesterstadt zu Shanghai. Diese Beziehungen sind sehr eng.

Natürlich bedeutet diese Investition von Cosco eine weitere Stärkung der Beziehungen. Dass das auch Risiken beinhaltet, das würden die Unternehmen sicherlich zunächst einmal nicht so wichtig einschätzen wie die Sicherung von Arbeitsplätzen und weiterer Ladung.

Weitere Informationen
Blick über den Container Terminal Tollerort (CTT) der Hamburg Hafen und Logistik AG (HHLA). © picture-alliance / dpa Foto: Christian Charisius

Kanzleramt will offenbar China-Geschäft durchsetzen

Obwohl alle Fachministerien den Einstieg von Chinesen beim Hamburger Hafen ablehnen, will ihn das Kanzleramt nach Informationen von NDR und WDR ermöglichen. Mehr auf tagesschau.de. extern

Unterm Strich ist es also eine Abwägung zwischen einer positiven wirtschaftlichen Entwicklung auf der einen und einer wirtschaftlichen Abhängigkeit auf der anderen Seite?

Langhammer: Man kann schon sagen, dass wir zurzeit in einer Welt leben, in der der freie Handel nicht mehr so uneingeschränkt positiv von allen Beteiligten gesehen wird. Nationale Interessen spielen heute eine viel größere Rolle. Geoökonomische Interessen, die Kontrolle über Routen, Ressourcen und geografische Räume sind ganz wichtig geworden. Das wird auch von der deutschen Bundesregierung immer wieder betont.

Auf der anderen Seite ist klar: China ist ein so wichtiger Handelspartner auf allen Seiten, sowohl auf der Import- als auch auf der Exportseite als auch als Investitionsmarkt, dass man diesen Markt nicht ersetzen kann und nicht ersetzen sollte. Aber jedes Unternehmens gehalten, diese Abhängigkeiten im Lichte seiner eigenen Marktposition zu bewerten.

Das Interview führte NDR Schleswig-Holstein Reporterin Hannah Böhme

Weitere Informationen
Ein Schiff liegt am Container-Terminal Tollerort. © picture alliance/dpa Foto: Georg Wendt

China auf Einkaufstour: Naive Hamburger?

Eine Beteiligung Chinas soll den Hamburger Hafen retten. Doch der Wirtschaftsminister ist dagegen - denn so wäre Einflussnahme auf die kritische Infrastruktur möglich. mehr

Hamburgs Finanzsenator Andreas Dressel (SPD). © picture alliance/dpa Foto: Jonas Walzberg

China-Einstieg: Dressel mahnt bei Hafen-Streit zu Sachlichkeit

"Selbst ernannte Hafen-Experten" sollen bei der geplanten chinesischen Beteiligung in Hamburgs Hafen bei den Fakten bleiben, so der Finanzsenator. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Magazin | 21.10.2022 | 19:30 Uhr

Schlagwörter zu diesem Artikel

Hamburger Hafen

Nachrichten aus Schleswig-Holstein

Die Terrasse des Club ·Pony· in Kampen (Sylt) am Freitagabend. © Lea Sarah Albert/dpa Foto: Lea Sarah Albert

Nazi-Parolen auf Sylt: Arbeitgeber kündigen Konsequenzen an

Mehrere junge Menschen haben in der Bar "Pony" rassistische Parolen gesungen. Acht ihrer Arbeitgeber haben dazu Stellung bezogen. mehr

Videos