Betrug mit Kryptowährungen: "Die Täter haben leichtes Spiel"

Stand: 06.12.2021 05:00 Uhr

Kryptowährungen wie Bitcoin boomen. Das ruft auch Betrüger auf den Plan. Ganze Fake-Börsen existieren. Die landesweit agierende Schwerpunktabteilung zur Bekämpfung der Cyberkriminalität kämpft dagegen an.

von Johannes Tran

April 2021. Ein Mann aus Quickborn, 66 Jahre alt, stößt im Internet auf eine Handelsplattform. Es ist eine Börse für Bitcoin, die bekannteste Kryptowährung. Er gibt seine persönlichen Daten ein, überweist mit seiner Kreditkarte 250 Euro und erhält im Gegenzug das digitale Geld. Die Investition scheint sich auszuzahlen: Am Computer werden ihm enorme Kursgewinne angezeigt.                

Der Mann überweist weitere 750 Euro, der angezeigte Gewinn klettert auf über 2.900 Euro. Als er sich das Guthaben auszahlen lassen will, gibt es technische Probleme. Die Börse ist auf einmal telefonisch nicht mehr erreichbar. Das Geld ist weg. Die Bitcoins hat er in Wahrheit nie besessen, die scheinbar seriöse Handelsplattform ist eine Fake-Börse.

Dieser Fall, so beschrieben in einer Meldung der Polizeidirektion Bad Segeberg, ist nur einer von vielen. "Wir erleben da eine enorme Zunahme“, sagt Kjell Gasa. Er ist Oberstaatsanwalt in Itzehoe und leitet die landesweit agierende Schwerpunktabteilung zur Bekämpfung der Cyberkriminalität. Sein Team besteht aus fünf Staatsanwälten. Zusammen versuchen sie, den Betrug mit Kryptowährungen in Schleswig-Holstein einzudämmen.

Herr Gasa, wie groß ist das Problem mit dem Krypto-Betrug bei uns im Land?

Kjell Gasa © Kjell Gasa
Oberstaatsanwalt Kjell Gasa leitet in Itzehoe die landesweit agierende Schwerpunktabteilung zur Bekämpfung der Cyberkriminalität.

Kjell Gasa: Das ist ein landesweites, ja ein bundesweites Phänomen, mit dem wir immer mehr zu kämpfen haben. Betrug mit Finanzprodukten gibt es ja schon länger, zum Beispiel mit Rohstoffen oder beim Optionshandel. Aber mittlerweile ist der Schwindel mit Kryptowährungen die mit Abstand häufigste Form des Anlagebetrugs. Bei uns laufen zurzeit mehr als 200 Verfahren gegen solche Fake-Plattformen, die Menschen aus Schleswig-Holstein betrogen haben. Die Zahl der Opfer dürfte um ein Vielfaches höher sein.

Warum diese Zunahme?

Gasa: Die Leute fahren auf Kryptowährungen ab. Und mit dem Hype haben auch die Betrugsfälle zugenommen. Es gibt laufend Medienberichte, in denen Kurssprünge vermeldet werden. Gleichzeitig versteht kaum jemand, wie diese Währungen funktionieren. Deshalb haben die Täter leichtes Spiel. Die Opfer sind kaum misstrauisch, wenn ihnen angebliche Kursgewinne angezeigt werden - weil vielen von ihnen Kryptowährungen als wahnsinnig lukrativ gelten.

Wie viel Geld verlieren die Opfer an die Fake-Börsen?

Gasa: Das hängt davon ab, wann sie den Betrug durchschauen und aufhören, Geld nachzuschießen. Oft reden wir hier von fünfstelligen Schadenssummen. Wir haben aber auch Fälle, wo Menschen sechsstellige Summen verloren haben. Bei einem Opfer waren es 200.000 Euro, die komplette Altersvorsorge. Oft sind es ältere, leichtgläubige Menschen, aber letztlich kommen die Opfer aus sämtlichen Altersschichten.

Und wie werden sie auf die Plattformen gelockt?

Gasa: Das läuft oft über aufdringliche Werbeanzeigen, zum Beispiel wenn man bei Google nach Begriffen wie "Bitcoin“ oder "Kapitalanlage“ sucht. Häufig werden dafür die Namen von Prominenten missbraucht, die diese Börsen angeblich empfehlen. Einschlägige Werbung taucht aber auch in sozialen Netzwerken oder auf seriösen Nachrichtenseiten auf. Wir stellen zudem verstärkt fest, dass die Täter versuchen, ihre Opfer telefonisch zu akquirieren. Die Telefonnummern haben sie etwa aus Listen, die im Darknet kursieren.

Wie gehen Sie bei Ihren Ermittlungen vor?

Gasa: Details zu unseren Ermittlungsmethoden kann ich nicht preisgeben. Aber: Die Ermittlungen sind nicht einfach. Die Server der Plattformen stehen oft in Übersee, die können wir nicht einfach abschalten. Um die Betrüger aufzuspüren, versuchen wir unter anderem, die Spur des Geldes nachzuverfolgen. Aber auch das ist nicht einfach, weil die Täter ihre Gewinne meist selbst in Kryptowährungen umtauschen und so ihre Spur verschleiern.

Wie viele Krypto-Betrüger haben Sie schon gefasst?

Gasa: Von den Plattform-Betreibern konnte bislang noch kein einziger verurteilt werden. Es ist generell sehr schwierig, die Täter zu identifizieren. Die sitzen im Ausland und sind kaum zu fassen. Wir gehen davon aus, dass es oft dieselben Hintermänner sind, die gleich mehrere Plattformen betreiben. An dem Betrug verdient aber eine ganze Reihe von Kriminellen mit: Mitarbeiter von Fake-Callcentern zum Beispiel oder professionelle Geldwäscher.

Haben Sie Hoffnung, dass Sie in Zukunft mehr Erfolg haben?

Gasa: Wir haben einen langen Atem. Ich hoffe also schon, dass wir in einzelnen Fällen zu einem Erfolg kommen werden. Wir konnten mittlerweile einige Erkenntnisse im Ausland gewinnen, die uns bei den Ermittlungen weiterhelfen. Außerdem stehen wir im Austausch mit den Schwerpunktstaatsanwaltschaften der anderen Bundesländer. Die haben schließlich dieselben Schwierigkeiten wie wir.

Wie können sich Anleger schützen, die in Kryptowährungen investieren wollen?

Gasa: Man sollte in jedem Fall die Höhe der angeblichen Gewinnaussichten kritisch hinterfragen. Die ist oft vollkommen unrealistisch. Außerdem sollte man zu einer Plattform recherchieren, bevor man dort Geld anlegt. Wichtig ist immer: Sich nicht unter Druck setzen lassen und jede Entscheidung in einer ruhigen Minute hinterfragen, insbesondere bei aufkeimendem Argwohn. Falls bereits investiert wurde: Frühzeitig den Versuch unternehmen, einen angeblichen Gewinn auch ausbezahlt zu bekommen. Wenn das - aus welchen Gründen auch immer - nicht möglich sein sollte: Finger weg von weiteren Einzahlungen.

Und wenn ich merke, dass ich betrogen wurde?

Gasa: Dann sollten Sie sich an Ihre örtliche Polizeidienststelle wenden und Strafanzeige erstatten. Einige Geschädigte lassen sich von Rechtsanwälten bei der Anzeigenerstattung unterstützen. Wir haben allerdings schon häufiger gehört, dass die Opfer, auch aufgrund des Betrugs, nicht mehr über die notwendigen finanziellen Mittel dafür verfügen. Dabei ist Eile geboten: Denn die Wahrscheinlichkeit, dass man überwiesene Beträge zurückbekommt, nimmt schon nach wenigen Tagen ab.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 06.12.2021 | 08:00 Uhr

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