Agroforst: Zurück zu den Wurzeln der Landwirtschaft

Sendedatum: 21.11.2021 19:30 Uhr

Bei der Agroforstwirtschaft werden Bäume und Landwirtschaft miteinander kombiniert. Das hat Vorteile - für Landwirtinnen und Landwirte, Natur und Klima. In Kropp ist gerade so ein Agroforst entstanden.

Mit Schwung stößt Hauke Sierck den Spaten in die weiche Erde. Behutsam setzt er einen kleinen Baum, eine Esskastanie, in das Loch im Boden. Für den Junglandwirt ist es eine Premiere, denn der Baum steht mitten auf seinem 2,5 Hektar großen Acker bei Kropp, im Kreis Schleswig-Flensburg. "Das ist schon irgendwie ungewohnt", findet er. "Früher wurden landwirtschaftliche Flächen gerodet und Flächen vergrößert und jetzt schaffen wir wieder neue Lebensräume."

Es ist eine Baumpflanzaktion mit System: Auf dem Acker von Hof Fuhlreit soll ein sogenannter Agroforst entstehen. Auf zwei, knapp viereinhalb Meter breiten, parallel nebeneinander verlaufenden Streifen, pflanzen sie rund 400 Bäume und Sträucher. Die Gewächse schützen den Boden vor Austrocknung und Erosion und binden CO2. Die Wurzeln können zudem der Erde bei der Wasseraufnahme und -speicherung helfen.

Agroforst als nachhaltige Investition

"Das Feld zwischen den Baum- und Strauchstreifen ist so angelegt, dass wir hier auch weiterhin problemlos mit großen Erntemaschinen arbeiten können", erklärt Arne Sierck, Haukes Bruder, der ebenfalls mit anpackt. Zusammen wollen sie bald den Hof ihrer Eltern übernehmen und investieren eine Menge Geld in ihre Ideen. Mit mehr als 200.000 Euro sind sie bereits in Vorleistung gegangen. Das Risiko nehmen sie bewusst in Kauf, weil sie zeigen wollen, dass es in der Landwirtschaft auch anders gehen kann. Dass sie durch die Pflanzung von Bäumen und Büschen wertvolles Ackerland verlieren, stört sie nicht. Sie sehen den Agroforst als langfristige und vor allem nachhaltige Investition: "Wir tun hier eine Menge für unsere Tiere, den Boden und das Klima allgemein. So können wir hochwertige Produkte, wie unsere Eier, das Rindfleisch und die Milch besser verkaufen", betont Hauke. Er ist davon überzeugt, dass die Botschaft, die sie rüberbringen wollen, von ihren Kunden honoriert werden wird.

Experiment: Mandeln und Feigen auf einem Acker in Schleswig-Holstein

Bei der Planung des Projekts haben sie sich Hilfe geholt, von einem Startup aus Hessen. Nicolas Haack und sein Team von "Triebwerk" haben den Agroforst für die Siercks individuell geplant und die Klimaerwärmung gleich mitgedacht. Neben Apfel, Kastanien und Walnußbäumen haben sie auch exotischere Arten, wie Mandeln und 25 Feigenbäume gepflanzt. "Das geht nur mit bestimmten Sorten. Denn die meisten wachsen ja im Süden", erklärt Agroforstexperte Haack und hält eine Pflanze in die Höhe, an der bereits einige Feigen baumeln. "Aber diese hier halten Temperaturen bis minus 20 Grad problemlos aus. Und das Beste: Sobald sie reif sind, können Arne und Hauke die Früchte in ihrem Hofladen verkaufen."

Hühner in der Fruchtfolge

Neben den kleinen Feigenbäumen pickt eine Herde Hühner. Auch sie werden ins Agroforstsystem integriert. Die Hühner leben in einem Wagen, der ebenfalls auf dem Feld steht. Ihr Kot düngt den Boden, der später zur Ackerfläche wird. "Dieses Jahr sind die Hennen auf diesem Streifen neben dem ersten Agroforstsystem und im nächsten Jahr kommen sie auf den Streifen daneben", erklärt Hauke Sierck. Durch den jährlichen Wechsel, also die Fruchtfolge, wollen sie verhindern, dass der Teil des Feldes, auf dem die Hühner leben, zu viele Nährstoffe abbekommt. Sobald die Sträucher etwas dichter sind, können sich die Hühner auch darin verstecken.

Eine Grafik zeigt das Gesamtflächenplan für das 1. Jahr des Projekts Agroforst. © Agroforst
Die Grafik zeigt den Gesamtflächenplan für das erste Jahr des Projektes Agroforst.
Agroforst: altes Prinzip neu aufgelegt

Das Prinzip Agroforst ist eigentlich nicht neu und wurde bereits im Mittelalter angewandt: Streuobstwiesen oder Eichelmast mit Schweinen sind bekannt. Als man bei der Ernte zunehmend auf Landmaschinen setzte und die immer größer wurden, störten Bäume und Sträucher zunehmend. Diese besonderes Form der Bewirtschaftung verschwand bei uns im Land. Moderne Agroforstsysteme sind an die Technik und die Produktionsweise der heutigen Landwirtschaft angepasst.

Förderung noch schwierig

"Sowohl kleine, als auch große landwirtschaftliche Betriebe können Agroforstsysteme in ihre Bewirtschaftung integrieren", sagt Nicolas Haack von "Triebwerk" voller Überzeugung. Bislang hakt es allerdings noch an den Finanzierungsmöglichkeiten. Zwar hat der Bundestag Mitte Januar 2021 einer Förderung der Agroforstwirtschaft mit großer Mehrheit zugestimmt. Doch welche Anforderungen Landwirte erfüllen müssen, um förderfähig zu sein, ist nicht immer ganz klar. "Auch deshalb braucht es Leute mit Mut - wie die Familie Sierck - die etwas wagen", findet Nicolas Haack. Mit so einem Agroforst steche man eben heraus. Sobald der Fortschritt hier auf dem Acker sichtbarer werde würden die Nachbarn "sicherlich bald die ersten Fragen stellen."

"Ich wünsche mir, dass viele Landwirte in diese Richtung gehen"

Es wird Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte dauern, bis der Agroforst auf Hof Fuhlreit herangewachsen ist und die ersten Früchte tragen wird. Trotz aller Mühen und hoher Investitionen bleibt Hauke Sierck zuversichtlich: "Ich wünsche mir, dass das System so funktionieren wird, wie wir uns das vorstellen. Dass die Hühner sich darin wohlfühlen und dass viele Landwirte in diese Richtung gehen". Und Bruder Arne fügt hinzu: "Und ich glaube, dass wir - was unsere Lebensmittel angeht - dem Verbraucher eine ganz andere Erlebnis- und Geschmackskultur nahebringen können!" Die Landschaft und somit auch die Landwirtschaft durch moderne Agroforstsysteme verändern - diesen Weg wollen sie in Kropp weitergehen und so auch ihren Beitrag zum Schutz des Klimas leisten.

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Schleswig-Holstein Magazin | 21.11.2021 | 19:30 Uhr

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