Stand: 14.12.2017 06:00 Uhr

VW-Event in Brasilien wird PR-Desaster

von Stefanie Dodt

Eine für Donnerstag geplante Veranstaltung von Volkswagen in São Paulo entwickelt sich offenbar zum PR-Desaster. Das Unternehmen wollte im Rahmen der Vorstellung einer wissenschaftlichen Studie auf ehemalige Arbeiter zugehen, die in der Zeit der brasilianischen Militärdiktatur (1964 bis 1985) von VW ausspioniert und dem Regime ausgeliefert worden waren. Sie seien jedoch im Unklaren gelassen worden, sagen die Arbeiter, was VW tatsächlich plante - und sagten ihre Teilnahme ab. Eine hochrangige VW-Delegation aus Wolfsburg kommt nach NDR Informationen nun anscheinend ebenfalls nicht.

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Der frühere VW-Mitarbeiter Lúcio Bellentani fordert Gerechtigkeit. (Archivfoto)

Volkswagens Plan ging mächtig nach hinten los. Schöne Bilder sollten es am Donnerstag werden, wie VW-Personalvorstand Karl-Heinz Blessing die Hand von Lúcio Bellentani schüttelt. Bellentani ist einer der VW-Mitarbeiter, die zur Zeit der Diktatur auf dem Werksgelände verhaftet und anschließend monatelang gefoltert wurden. Zu dem Handschlag wird es nicht kommen. "Keiner der Arbeiter wird bei diesem Event erscheinen", sagt Bellentani. "Wir werden vor der Pforte der Firma stehen - und unsere Unzufriedenheit über das Verhalten der Firma zum Ausdruck bringen. Bisher weigert VW sich, auf offizielle Art Kontakt zu uns aufzunehmen."

"VW macht eine Feier, die Arbeiter wollen Gerechtigkeit"

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Komplizen? VW und Brasiliens Militärdiktatur

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Statt an der Veranstaltung teilzunehmen, werden die ehemaligen VW-Arbeiter also vor den Werkstoren demonstrieren und ein Plakat hochhalten, auf dem steht: "VW macht eine Feier, die Arbeiter wollen Gerechtigkeit". Was war geschehen? NDR, SWR und "Süddeutsche Zeitung" hatten recherchiert, wie VW die eigenen Arbeiter ausspioniert und an die Militärdiktatur verraten hatte. Ein brasilianischer Untersuchungsbericht, erstellt vom Gutachter der Bundesstaatsanwaltschaft, Guaracy Mingardi, hatte diese Recherchen jüngst bestätigt. "VW hatte eine aktive Rolle. Sie wurde nicht dazu gezwungen. Die Firma hat mitgemacht, weil sie das so wollte", sagt Mingardi.

"Nachhaltige Maßnahmen" oder "reines PR-Event"?

Seit Jahrzehnten fordern die betroffenen Arbeiter, dass VW seine Verantwortung für Menschenrechtsverletzungen zur Zeit der Militärdiktatur eingestehe. Doch VW schweigt bislang. Mitte November allerdings deutete das Unternehmen eine Kehrtwende an - VW-Chefhistoriker Dieter Landenberger verkündete die Pläne für die Veranstaltung. "Dort werden wir auf Betroffene zugehen, es wird ein Zusammentreffen mit einem hochrangigen Vertreter des Unternehmens Volkswagen geben", erläutert Landenberger. "Wir werden aber auch ein Paket von nachhaltigen Maßnahmen umsetzen."

Es solle dabei um eine Anerkennung von Schuld gehen, hieß es. Die VW-Pressestelle rief bei den ehemaligen Arbeitern wie Bellentani an und lud sie ins VW-Werk ein. Über die Details der geplanten Veranstaltung ließ sie die Arbeiter jedoch im Unklaren. Diese fürchteten ein reines PR-Event, sagten ab und schrieben einen Brief:

"VW hat sich bisher, trotz internationaler Berichterstattung, nicht zu den Vorwürfen geäußert. (...) Während den verschiedensten Zeugenvernehmungen, in denen ehemalige Beschäftigte von Repression durch den VW-Werkschutz, die Verbindungen zu den Repressionsorganen des Staates und von Folter und Verhaftungen berichteten, blieben die VW-Anwälte still.(...) Es gibt bislang keinerlei Signal von VW, dass die Firma mit den Ermittlern tatsächlich zusammenarbeiten will." Aus dem Brief des Arbeiterforums

VW reagiert überrascht

Das Ergebnis: Das Event wird es geben, wenn auch in abgespeckter Form - kein Vorstand von VW aus Wolfsburg wird kommen, und kein Arbeiter, der eine Entschuldigung annehmen könnte. VW reagiert bislang überrascht - man halte die angekündigte Veranstaltung ab, so ein Sprecher. Diese sei ein großer Zwischenschritt in der Aufarbeitung des Themas.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 14.12.2017 | 07:38 Uhr

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