Stand: 25.07.2019 15:30 Uhr

Tote Wölfe: Schießen, schaufeln, schweigen?

Eine Wölfin, die illegal geschossen und vor ihrem Tod "bestialisch gequält" worden sein soll, wie sich Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) zitieren lässt - der Fall aus dem Landkreis Gifhorn wirft viele Fragen auf. Helmut Dammann-Tamke, Präsident der Landesjägerschaft Niedersachsen (LJN), kritisierte die Darstellung des Ministeriums massiv. "Das hat mich wirklich auf die Palme gebracht", sagte er NDR.de am Donnerstag. Er habe sich die Fotos genau angeschaut und keinerlei Hinweise darauf entdeckt, dass das Tier gequält worden sei. Der Kadaver der Wölfin wurde zum Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung nach Berlin gebracht. Dort untersuchen Experten das Tier nun.

70 tote Tiere - neun geschossen?

Aber wie viele Wölfe wurden in Niedersachsen wirklich geschossen, seit das Raubtier zurückgekehrt ist? Und: Gibt es eine Dunkelziffer? Die LJN hat eine Statistik angelegt. Hier sind alle 70 Fälle aufgeführt, bei denen Wölfe seit 2003 in Niedersachsen ums Leben gekommen sind. Die Todesursachen: Straßenverkehr, Bahnverkehr, natürliche Ursache. Und: "Schuss". Neun Tiere, so die Statistik, seien geschossen worden. "Unwahrscheinlich", heißt es dazu aus dem Umweltministerium in Hannover. "Wir haben immer wieder Fälle von Wölfen, die offenbar einfach verschwinden", sagte eine Sprecherin.

Videos
29:36
DIE REPORTAGE

Die Angst vor dem Wolf

31.05.2019 21:15 Uhr
DIE REPORTAGE

Der Wolf ist zurück in Norddeutschland. Was bedeutet das für Schäfer, Landwirte und Dorfbewohner? Wie gefährlich ist der Wolf tatsächlich? Video (29:36 min)

"Würde nicht hausieren gehen"

Sie nennt ein Beispiel aus der Region Cuxhaven: Dort fehlten von mehreren Tieren eines Rudels seit Jahren jegliche DNA-Spuren, sagte sie. "Solange man die nicht findet, heißt es natürlich: 'Vielleicht haben die sich nur gut versteckt.'" Auch eine Abwanderung in ein neues Revier sei denkbar. Und wenn nicht? Was, wenn jemand einfach zum Gewehr gegriffen hat? "Drei S", heißt das im Volksmund, "schießen, schaufeln, schweigen". Doch davon will man bei der LJN nichts hören. Es gebe keinerlei Statistik, nicht einmal Näherungswerte - alles Mutmaßungen. Und überhaupt: "Derjenige, der so etwas tut, weiß ja, dass er gegen geltendes Recht verstößt. Daher würde er damit auch nicht hausieren gehen", sagte ein Sprecher.

Videos
03:15
Hallo Niedersachsen

Minister Lies diskutiert über Rodewalder Wolf

03.07.2019 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen

Der "Problemwolf" aus dem Rodewalder Rudel erhitzt weiter die Gemüter. Das zeigte sich auch bei einer Diskussionsrunde von NDR 1 Niedersachsen mit Umweltminister Olaf Lies. Video (03:15 min)

LJN: Ablenkung vom Rodewalder Wolf?

Schuld an der ganzen Misere sei die Politik. "Die Menschen wurden alleingelassen bei dem Thema", so LJN-Präsident Dammann-Tamke. Der Mensch neige dann dazu, eine Angelegenheit in die eigene Hand zu nehmen. Das sei nicht zu rechtfertigen, aber man dürfe sich eben auch nicht wundern. Mit der Aussage von Lies, vermutet der Präsident, wolle das Ministerium nur von der eigenen Unzulänglichkeit beim Thema Rodewalder Wolf ablenken. "Seit über acht Monaten soll der Wolf dort entnommen werden. Das ist ein Offenbarungseid", sagte er. Auch alle Hilfsangebote seitens der LJN habe das Ministerium in dem Fall nicht abgefragt.

Wölfe: Kein Thema im Bundesrat?

Beim Ministerium hält man indes eine Gesetzesänderung für notwendig. "Wir müssen handlungsfähig sein, damit die Bürger nicht zu Selbstjustiz greifen", sagte die Sprecherin. Es gehe nicht um den Erhalt einzelner Tiere, sondern um den Erhalt der Art - sprich: Die Hürden zur Entnahme, also Tötung, sogenannter Problemwölfe müssten verringert werden. Das Problem an der Sache: Im Bundesrat sind viele Mitgliedsländer von diesem Thema gar nicht betroffen - deshalb sei es schwierig, dort eine Mehrheit zu erringen. "Baden-Württemberg oder dem Saarland etwa ist das Thema Wolf ziemlich egal", so die Sprecherin.

Weitere Informationen

Mehr Wölfe - aber Zahl der Risse steigt kaum

Etwa 300 Wölfe leben geschätzt in Niedersachsen und es werden mehr. Die Zahl der gerissenen Nutztiere bleibt dagegen relativ konstant. Das belegen Zahlen des Umweltministeriums. (20.07.2019) mehr

"Jetzt reicht's": Der Wolf und die Bürger

Im Landkreis Nienburg haben Bürger mit Naturschützern und Umweltminister Lies über den Rodewalder Wolf diskutiert. "Jetzt reicht's": Die ganze Sendung können Sie hier nachhören. (04.07.2019) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 25.07.2019 | 08:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen

03:04
Hallo Niedersachsen
02:46
Hallo Niedersachsen
02:04
Hallo Niedersachsen