Stand: 08.05.2019 21:19 Uhr

Lügde: Landkreis weist Vorwürfe von Vater zurück

von Marie-Caroline Chlebosch und Nina Reckemeyer

Sie hatte für viel Wirbel gesorgt: Die Geschichte des leiblichen Vaters des Mädchens, das mit Zustimmung des Jugendamtes bei einem 56-jährigen Dauercamper lebte und mutmaßlich über Jahre von dem Camper sexuell missbraucht wurde. Der leibliche Vater hatte im Regionalmagazin Hallo Niedersachsen Vorwürfe gegen das Jugendamt Hameln-Pyrmont erhoben: Er sei nicht über die mutmaßliche Straftat an seinem Kind informiert worden. 2016 seien Anrufe beim Jugendamt mehrfach ins Leere gelaufen, als er sich über die Unterbringung seiner Tochter auf dem Campingplatz bei dem heute Hauptbeschuldigten beschweren wollte. Nun reagiert das Kreishaus unter der Leitung von SPD-Landrat Tjark Bartels auf die Vorwürfe.

Eine Baracke auf dem Campingplatz in Lügde.

Lügde: Opfer-Vater macht Jugendamt Vorwürfe

Hallo Niedersachsen -

Der leibliche Vater des Mädchens, das beim Hauptverdächtigen im Missbrauchsfall von Lügde lebte und zu den mutmaßlichen Opfern gehört, erzählt im Interview seine Sicht der Dinge.

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Landkreis: Keine Hinweise auf Beschwerden von Kindsvater

"Aus hier geführten Akten ergibt sich kein Hinweis darauf, wonach sich der Kindsvater, insbesondere im Jahr 2016, wiederholt mit dem Jugendamt in Verbindung gesetzt haben will", heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme des Landkreises. Desweiteren gebe es keine Aktenvermerke, in denen sich der Kindsvater über die Unterkunft auf dem Campingplatz beschwert hätte, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme des Landkreises.

Heftige Kritik am Kreishaus kommt von der CDU

"Dass es in den Unterlagen keinen Vermerk gibt, das ist nicht überraschend", sagt Ursula Körtner, CDU-Kreistagsabgeordnete. "Es wurden schon Akten manipuliert und geschönt. Und es wurde auch bestritten, dass es eine Nachricht des Kinderschutzbundes auf dem Anrufbeantworter des Jugendamtes gab, bei dem der Verdacht auf Pädophilie geäußert wurde." Später hatte der Landkreis öffentlich einräumen müssen, dass er diese Hinweise gehabt habe. Das Verhalten des Landkreises zu den Aussagen des Vaters bewertet Körtner als unsäglich: "Jetzt fangen sie auch noch an, den leiblichen Vater zu beschädigen und seine Aussagen in Zweifel zu ziehen. Tatsache bleibt doch, dass das Jugendamt den Vater nicht über wichtige Veränderungen im Leben seiner Tochter informiert hat."

Familienrechtler: Väter haben grundlegend Umgangsrecht

Der leibliche Vater hatte gegenüber dem NDR angegeben, von der Pflegschaft des mutmaßlichen Haupttäters nur über Dritte erfahren zu haben, vom mutmaßlichen sexuellen Missbrauch an seiner Tochter nur aus der Presse. Das Jugendamt schreibt in seiner Stellungnahme, der Vater habe zu keinem Zeitpunkt ein Umgangsrecht oder das Sorgerecht für seine Tochter beantragt. Bei Juristen sorgt diese Äußerung für Verwunderung. "Der nicht betreuende Elternteil hat kraft Gesetzes ein Umgangsrecht. Das muss man nicht beantragen", sagt Roman von Alvensleben, in dessen Kanzlei auch ein Familienrechtler tätig ist. Auch Professor Tobias Fröschle, Familienrechtler an der Universität Siegen, sagte dem NDR: "Wer als Vater festgestellt ist, hat ein normales Umgangsrecht." Er verweist auf das Bürgerliche Gesetzbuch. Darin heißt es, jedes Elternteil sei zum Umgang verpflichtet und berechtigt. Nur ein Familiengericht könne das Umgangsrecht einschränken oder ein Elternteil ausschließen. Der Kindsvater beteuert, solch eine Gerichtsentscheidung habe es in seinem Fall nie gegeben.

Kreistagsabgeordnete Körtner: "Kindsvater ist glaubhaft"

Das Jugendamt schreibt auch, aufgrund des Gesamteindrucks des leiblichen Vaters, "wonach sich ein ernst gemeintes Interesse an dem Kind und väterliche Fürsorge nur schwer erkennen lassen, sowie des fehlenden Umgangs- bzw. Sorgerechts wurde hier keine Veranlassung gesehen, ihm Auskünfte zu erteilen". Dazu sagt die CDU-Kreistagsabgeordnete Körtner: "Diese Stellungnahme ist ein erneuter Beweis dafür, dass hier endlich ein Sonderermittler her muss. Dem Landkreis geht es nur um Tricksen und Verschleiern." Der junge Mann habe in dem, was sie gesehen und gelesen habe, glaubhaft versichert, dass er ein Interesse an seinem Kind hatte, sagte die Abgeordnete.

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Verdächtige

"Bevor ich ein Kind auf einen Campingplatz gebe, da frage ich doch lieber mal den leiblichen Vater", sagt Jurist von Alvensleben. Er halte die Entscheidung des Jugendamtes, den Vater nicht einzubeziehen, für moralisch verwerflich. Der hauptbeschuldigte Dauercamper und ehemalige Pflegevater soll sich tausendfach an mindestens 41 Kindern vergangen und sie dabei auch gefilmt haben. Gegen ihn und weitere Beschuldigte ermittelt die Staatsanwaltschaft Detmold.

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Hallo Niedersachsen | 08.05.2019 | 19:30 Uhr

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