Sendedatum: 09.03.2020 06:41 Uhr

Windturbinen-Produktion zwischen Ziel und Wirklichkeit

Offshore-Windenergie lautet das Zauberwort, wenn es um Klimaziele geht. 1.300 Windräder stehen bereits in Nord- und Ostsee. Und es sollen mehr werden - mit größerer Leistung. Bis 2030 will die Bundesregierung 20 Gigawatt Strom aus Offshore-Anlagen produzieren lassen. Zwar wurde der Windturbinen-Hersteller Siemens Gamesa mit Produktionssitz in Cuxhaven gerade als Zulieferer für zwei Windparks ausgewählt. Doch im Großen und Ganzen mangelt es an Bestellungen aus Deutschland.

von Markus Plettendorff, NDR Info

Eine Windturbine der Herstellers Siemens Gamesa beim Verladen © Siemens Gamesa Foto: Siemens Gamesa
Eine Offshore-Windturbine des Herstellers Siemens Gamesa beim Verladen.

Über das Firmengelände fahren riesige Gabelstapler und transportieren Bauteile in eine gewaltige Fabrikhalle. Hier werden in drei Fertigungslinien Generatoren, Naben und das sogenannte Back-End mit Kühlpumpen, Umrichtern und Trafos zu Windturbinen montiert. Neun Stunden dauert es, bis aus rund 28.000 Einzelteilen eine komplette Gondel wird. Aktuell wird dort die acht Megawatt-Turbine gefertigt. Demnächst sollen es elf Megawatt-Turbinen sein, sagt Alexander Schulenburg, einer der beiden Produktionsleiter bei Siemens-Gamesa in Cuxhaven bei einer Werksführung, an der auch der niedersächsische Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) teilnimmt.

Wichtiger Wirtschaftsfaktor für Niedersachsen

Bernd Althusmann (CDU) spricht im Interview. © NDR
Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) hält das Deutsche Planungs- und Genehmigungsrecht der Bundesrepublik für nicht angemessen.

Für Niedersachsen ist die Windenergie ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Wenn das Ziel, 65 Prozent der Energie in Deutschland bis 2030 regenerativ herzustellen, erreicht werden soll, wird Windenergie laut Althusmann bei der sogenannten Energiewende die zentrale Rolle spielen.

Kaum Bestellungen aus Deutschland

Die Offshore-Windenergie - also die Stromproduktion auf hoher See - spielt dabei eine wichtige Rolle. 20 Gigawatt sollen es in zehn Jahren sein, hat die Bundesregierung beschlossen. Das entspricht ungefähr der Leistung von vierzehn mittelgroßen Atomkraftwerken. Ein wichtiges Geschäftsfeld also für Siemens-Gamesa und die mehr als 600 Beschäftigten in Cuxhaven. Zurzeit aber liefere das Unternehmen kaum Turbinen für Deutschland, sie gingen nach Taiwan, England oder Holland, sagt der CEO der Offshore-Windenergiesparte von Siemens-Gamesa, Andreas Nauen.

Langwierige Verfahren bremsen Produktion aus

Denn noch sind die Ausbauziele auf 20 Gigawatt nicht Gesetz, noch gibt es keine Ausschreibungen und keine Turbinenbestellungen: "Wir können erst anfangen zu fertigen, wenn wir einen Auftrag haben. Aber wenn man mal nachrechnet, wie lange das alles dauert: Das muss erstmal ins Gesetz, das Gesetz muss dann in Auktionen umgewandelt werden, Auktionen müssen Gewinner haben, Gewinner müssen Turbinen kaufen." Wenn man für jeden dieser Schritte zwei Jahre rechne, wäre 2030 plötzlich furchtbar nah, gibt Nauen zu bedenken.

In anderen Ländern läuft es zügiger

Die langwierigen Prozesse beklagt auch der niedersächsische Wirtschaftsminister. Er wünscht sich sowohl für Windpark-Genehmigungen an Land als auch auf hoher See mehr Tempo: "Das Planungs- und Genehmigungsrecht in Deutschland ist eines Industriestaates wie der Bundesrepublik Deutschland nicht angemessen", so Althusmann. "Man könnte auch sagen, nicht würdig." Die Wege durch die Instanzen müssten seiner Ansicht nach verkürzt werden. "Manche Staaten, wie Dänemark oder die Niederlande, machen es anders: Die Bürgerbeteiligung ist sehr transparent und am Anfang sehr offen. Da ist noch eine ganze Menge machbar und möglich", mahnt Niedersachsens Wirtschaftsminister.

"Müssen über 2030 hinaus denken"

Der Geschäftsführer der Deutschen Energie-Agentur Andreas Kuhlmann ist zuversichtlich, dass die Ausbauziele bis 2030 erreicht werden können. Er warnt aber davor, sich damit zufrieden zu geben: "2030 kann das Ende nicht sein. Wir müssen jetzt schon darüber nachdenken, wie wir die Zeit zwischen 2030 und 2050 gestalten." Schließlich handele es sich um Groß-Industrieprojekte: "Da geht es um gigantische Investitionen, um ganze Industrien - insbesondere in Norddeutschland. Darüber müssen wir jetzt schon nachdenken", so Kuhlmann. Siemens-Gamesa hofft darauf und kann die Kapazitäten in Cuxhaven bei Bedarf deutlich erhöhen.

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NDR Info | Wirtschaft | 09.03.2020 | 06:41 Uhr

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