Stand: 27.02.2020 09:39 Uhr

Geteiltes Echo auf Urteil zur Sterbehilfe

Die Mitglieder des zweiten Senats am Bundesverfassungsgericht Christine Langenfeld (l-r), Doris König, Monika Hermanns, Sibylle Kessal-Wulf, Vorsitzender Andreas Voßkuhle, Peter M. Huber, Johannes Masing und Ulrich Maidowski fassen sich an ihre Hüte und nehmen im Gerichtssaal platz. © dpa - Bildfunk Foto: Uli Deck
Die Verfassungsrichter haben entschieden, dass das Verbot der geschäftsmäßigen Sterbehilfe gegen das Grundgesetz verstößt.

Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Sterbehilfe hat in Niedersachsen ein geteiltes Echo hervorgerufen. Die Karlsruher Richter hatten entschieden, dass sich sterbenskranke Menschen beim Weg in den Tod Hilfe holen dürfen. Das vor fünf Jahren verabschiedete Verbot der "geschäftsmäßigen" Sterbehilfe verstoße gegen das Grundgesetz. Niedersachsens Gesundheitsministerin Carola Reimann (SPD) begrüßt das Urteil. Sterben sei etwas zutiefst Persönliches, es sei nicht Aufgabe des Staates, Patienten in dieser Phase Vorschriften zu machen. Menschen müssten in Frieden sterben können, ohne ins Ausland fahren zu müssen oder sich an selbst ernannte Sterbehelfer zu wenden, so Reimann.

VIDEO: Urteil: Sterbehilfe-Verbot ist verfassungswidrig (6 Min)

Angst vor Kommerzialisierung der Sterbehilfe

Die Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen, Martina Wenker, zeigte sich wenig erfreut über das Urteil: Die Gesellschaft brauche mehr Informationen über Schmerztherapie, aber keine offene Tür für geschäftsmäßige Beihilfe zum Suizid. Deutliche Kritik kam von den Kirchen im Land und auch die Diakonie in Niedersachsen hätte sich eigenen Angaben zufolge ein anderes Urteil gewünscht. Diakonie-Vorstand Hans-Joachim Lenke sagte, die Diakonie setze sich für menschenwürdige Pflege bis zum letzten Atemzug ein. Sterbehilfe dürfe jetzt nicht zu einem Markt werden. Winfried Hardinghaus, Vorsitzender des deutschen Hospiz- und Palliativverbandes und ärztlicher Leiter der Palliativstation am Osnabrücker Marienhospital, fürchtet, dass durch das Urteil der Druck auf Menschen steigen wird, Suizid zu begehen. Zum Beispiel, dass Kinder Druck auf ihre Eltern oder Großeltern ausüben könnten, weil diese möglicherweise zur Last werden.

Sterbehilfe - Namen und Definitionen

Die geschäftsmäßige Sterbehilfe hat - trotz ihres Namens - erst einmal nichts mit Geld zu tun. Geschäftsmäßig bedeutet, dass eine Selbsttötung für Patienten regelmäßig und mehrmals angeboten wird. Der Terminus bedeutet also "auf Wiederholung angelegt". Aktive Sterbehilfe - also eine Tötung auf Verlangen, etwa durch eine Spritze - bleibt auch nach dem neuen Urteil des Bundesverfassungsgerichtes verboten. Bei der sogenannten assistierten Sterbehilfe wird das tödliche Medikament nur zur Verfügung gestellt - der Patient nimmt es selbst ein.

Urteil schafft Klarheit für Ärzte

Dagegen begrüßt Niedersachsens Justizministerin Barbara Havliza (CDU) das Urteil vor allem deshalb, weil es für Mediziner Klarheit schaffe. Entscheidend sei aber auch, dass es für den jeweiligen Arzt oder Assistenten immer eine freie Entscheidung bleiben müsse, jemanden beim Suizid zu unterstützen. "Es kann niemand verpflichtet werden zu helfen, obwohl er das vor sich selbst nicht vertreten mag", sagte Havliza. Die erste Vorsitzende des Ambulanten Hospizdienstes Lüneburg, Rebecca von Brockhusen, erklärte bereits, dass so etwas für sie nicht infrage käme. Im Hospiz begleite man "den letzten Lebensweg und nicht den letzten Weg zum Tod".

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 27.02.2020 | 09:00 Uhr

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