Umweltpreis überreicht: Steinmeier fordert mehr Klimaschutz

Stand: 10.10.2021 12:09 Uhr

Für seine wegweisenden Erkenntnisse wurde der Moorforscher Hans Joosten mit dem Deutschen Umweltpreis geehrt - neben der Ökologin Katrin Böhning-Gaese. Joosten forscht seit 1996 in Greifswald.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat bei der Verleihung des Deutschen Umweltpreises ein schnelleres und entschlosseneres Handeln beim Klimaschutz angemahnt. Verheerende Regenfälle in Mitteleuropa sowie sengende Hitze und Waldbrände am Mittelmeer hätten auch den letzten Skeptikern gezeigt, dass der Klimawandel in Europa angekommen sei, sagte Steinmeier am Sonntag bei einem Festakt in Darmstadt. Er überreichte den mit insgesamt 500.000 Euro dotierten Preis an die Frankfurter Wissenschaftlerin Katrin Böhning-Gaese und den Greifswalder Forscher Hans Joosten.

"Moorpapst" mit Hunderten Veröffentlichungen

Moorforscher Hans Joosten (l.) von der Universität Greifswald und seine Mitstreiter bei der Entnahme von Torfprofilen im Nordost-Sibirien in der Tundra Jakutiens. © Greifswald Moor Centrum/DBU/dpa Foto: Greifswald Moor Centrum/DBU/dpa
Moorforscher Hans Joosten (l.) von der Universität Greifswald und seine Mitstreiter bei der Entnahme von Torfprofilen im Nordost-Sibirien in der Tundra Jakutiens.

"Moorpapst", "Moorprofessor" oder auch "Der Mann im Moor" - dem Greifswalder Forscher Hans Joosten sind im Laufe seines beruflichen Lebens schon etliche Titel zugeschrieben worden. In mehr als 600 wissenschaftlichen Publikationen hatte der 66-Jährige immer wieder auf die komplexen Zusammenhänge im Lebensraum Moor hingewiesen und neue Entdeckungen gemacht. Joostens Habilitation "Wise Use of Mires and Peatlands - Background and Principles" von 2002 gilt mittlerweile als Standardwerk. Forschungsreisen führten den Wissenschaftler in die Moorgebiete der Welt - von Alaska bis nach Nordkorea.

Trockengelegte Moore tragen zur Klimaerwärmung bei

Mit drei Wörtern lässt sich Joostens lebenslange Mission umreißen: "Moor muss nass!". Viele Moore wurden in den vergangenen Jahrhunderten trockengelegt, um die Flächen landwirtschaftlich nutzbar zu machen. Doch die Entwässerung hat Folgen: Das Moor kann weniger Wasser speichern oder zurückhalten, Kohlendioxid wird freigesetzt. Auch die biologische Vielfalt nimmt ab. Trockengelegte Moore seien für fast sieben Prozent der Treibhausgas-Emissionen in Deutschland verantwortlich - mehr, als alle Windräder in Deutschland einsparen, erklärt Joosten.

Moore wiedervernässen und trotzdem weiter nutzen

Seit 1996 bis zu seinem Ruhestand im Frühjahr dieses Jahres leitete Joosten am Institut für Botanik und Landschaftsökologie der Universität Greifswald die Arbeitsgruppe Moorkunde und Paläoökologie. In dieser Zeit habe er Greifswald zu einem "Moor-Ort" gemacht, sagte die damalige Hochschulrektorin bei seiner Verabschiedung. Doch auch im Ruhestand bleiben für ihn die großen Herausforderungen bestehen. Joosten forscht gemeinsam mit seinem Team daran, wie wiedervernässte Flächen landwirtschaftlich und nachhaltig genutzt werden können. Dafür hat er den Begriff "Paludikultur" geprägt. "Wir können den Landwirten nicht einfach nur sagen: So geht es nicht weiter, ihr tragt zur Klimakatastrophe bei." Vielmehr müsse die Wissenschaft Alternativen aufzeigen. "Das Umschalten auf eine nasse Landwirtschaft ist etwas Komplizierteres als die Umstellung von Kartoffeln auf Möhren."

Würdigung für einen erfolgreichen Forscher

Der Deutsche Umweltpreis wird vergeben von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU). DBU-Generalsekretär Alexander Bonde sagte zur Arbeit des Greifswalder Wissenschaftlers: "Er steht wie kaum ein anderer dafür, dass wir die Moore als Landschaftstyp und Klimaschützer brauchen - und deshalb vor Entwässerung schützen müssen." Die Auswirkungen auf die Erderwärmung sind laut Bonde dramatisch. Wiedervernässung und Wiederherstellung der Lebensräume seien "das Gebot der Stunde" und "ein entscheidender Schlüssel", um auf natürlichem Weg Kohlendioxid zu binden. Der Umweltpreis soll deshalb ein Signal sein: "Wir haben nur eine Erde. Und wir müssen mit der Vielfalt des Lebens behutsam umgehen", so Bonde.

Einer der höchstdotierten Umweltpreise Europas

Mit dem Preisgeld will Joosten die am Greifswald Moor Centrum (GMC) beheimatete und mit etwa 25.000 Publikationen weltweit größte Moorbibliothek "PeNCIL" zu einem globalen Kulturzentrum zu Mooren ausbauen. Der Deutsche Umweltpreis in Höhe von 500.000 Euro ist einer der höchstdotierten Umweltpreise in Europa. Der Greifswalder Moorforscher teilt sich den Preis mit der Wissenschaftlerin Katrin Böhning-Gaese. Die Biodiversitätsforscherin arbeitet unter anderem auf dem Gebiet der Makroökologie: Mit den Methoden dieses modernen Forschungsgebiets untersucht sie ökologische Zusammenhänge lokal, regional, kontinental und global sowie in unterschiedlichen Zeitskalen. Sie ist die Direktorin des Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum mit Sitz in Frankfurt am Main.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 10.10.2021 | 09:00 Uhr

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