Ein Doorsch, Kabeljau (Gadus morhua) im Ozeaneum, Hansestadt Stralsund © picture alliance / imageBROKER Foto: Ingo Schulz

Kann Dorsch-Nachzucht durch Aquakultur die Fischerei retten?

Stand: 22.11.2021 06:26 Uhr

In Mecklenburg-Vorpommern gibt es wieder Bestrebungen, Jungdorsche zum Auswildern aufzuziehen. Ein solches Nachzuchtprogramm war bereits vor 14 Jahren angedacht, damals aber gescheitert.

Ende 2007 war das Projekt nahezu unterschriftsreif: 28 Millionen Euro waren veranschlagt für die Aufzucht. Aus Dorsch-Eiern sollten bis zu knapp sechs Zentimeter große Jungfische wachsen und zwar in einer Anlage in Nachbarschaft zum Rostocker Steinkohlekraftwerk. Die EU hatte signalisiert 88 Prozent der geplanten Kosten beizusteuern. Doch dann bekam Fischerei- und Umweltminister Till Backhaus (SPD) nach eigener Aussage völlig überraschend aus Brüssel eine Absage: "Und zwar insbesondere aus dem Bereich Umwelt. Die Umwelt hat gesagt, das ist ja ein Projekt, das sich ausschließlich nur an die Fischer wendet. Und das ist aus ihrer Sicht nicht tragbar", so der Minister.

Fischer wollten auch investieren

Die Fischer hierzulande hatten große Hoffnungen in das Projekt gesetzt. Die Pläne zur Aufzucht der Dorsche hätten ihnen den Fortbestand ihrer traditionsreichen Betriebe sichern können, so die Meinung vielerorts. Und sie hätten sich auch an den Kosten des Aufzuchtprogramms beteiligt. Indem sie Areale, in denen die Jungdorsche ausgesetzt werden, pachten, sagt Minister Backhaus: „Diese Pachteinnahme sollte dann diese ständige Besatzmaßnahme finanzieren.“

Idee vom künstlichen Biotop funktioniert

Zunächst gab es Befürchtungen, dass die ausgesetzten Jungdorsche nicht standorttreu sein könnten und abwandern würden. Doch die hatten sich nicht bestätigt. Vor Nienhagen - unweit von Rostock - war bereits 1998 ein künstliches Riff angelegt worden, aus Betonelementen, um das sich schnell Pflanzen angesiedelt hatten und das viele Fischarten anzog. Das Biotop gefiel auch dem Dorsch. So hat es Thomas Mohr festgestellt, der das Geschehen rund ums Riff bis heute protokolliert: „Wir haben zusätzlich festgestellt, dass markierte Dorsche wieder zurückkommen an den Ort, wo sie markiert worden sind.“

Beispiel Norwegen als Grund für die Ablehnung?

Kay Schmekel, Fischerei-Referent im Schweriner Ministerium vermutet das ein ähnliches Projekt in Norwegen seinerzeit die EU zur Ablehnung bewogen hat. „Die Aquakultur in Norwegen hat damals einen Einbruch erlitten. Das war sozusagen der technologische Background, weil die Preise für Kabeljau damals wieder nach oben gingen und die ersten Versuche dort doch nicht so erfolgreich waren, wie man sich das gedacht hat.“ Der Kabeljau, wie der Dorsch auch genannt wird, gehört seit Jahrzehnten zu den wichtigsten Speisefischen.

Hätte das Projekt Existenzen gerettet?

Heute, 14 Jahre später, sieht vieles anders aus. Minister Backhaus will das Projekt aus der Schublade holen und es größer fassen. Sogar international will der Minister agieren: „Ob Dänemark, Schweden oder die baltischen Republiken – dass wir ein Interreg-Projekt entwickeln mit dem Ziel, das im Ostseeraum zu etablieren." Und auch Riffexperte Thomas Mohr sieht durchaus eine Chance, das die Idee von der Aquakultur-Nachzucht von Dorschen letztlich doch noch Realität wird: „Ich denke, dass unsere Arbeiten mit dazu beitragen, auch zu wissen, was für einen Wert wir damit schaffen.“

Nach Fangverboten: Soweit hätte es nicht kommen müssen

Den verbliebenen Kutter- und Küstenfischern könnte eine Wiederauflage des Dorsch-Aufzuchtprojekts eine neue Perspektive eröffnen. Im Oktober hatten sie erfahren, dass sie Dorsch in der westlichen Ostsee nicht mehr zielgerichtet fangen dürfen. Viele von ihnen wollen deshalb komplett aufhören. Und einige Stimmen betonen angesichts des vor 14 Jahren gescheiterten Aufzuchtprojekts auch: Soweit hätte es gar nicht kommen müssen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Die Nachrichten | 22.11.2021 | 12:00 Uhr

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