Ein Feld für Gemüse-Anbau des Bio-Unternehmens Westhof © Westhof
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AUDIO: Wie nachhaltige Geldanlage wirklich was bringt (40 Min)

Wie Geld die Welt klimafreundlicher machen kann

Stand: 01.11.2022 06:00 Uhr

Deutschland will innerhalb weniger Jahrzehnte klimaneutral werden. 2045 soll es so weit sein. Bis dahin sind für die Energiewende und den Umbau der Wirtschaft riesige Investitionen erforderlich. Nicht nur der Staat ist gefragt, sondern auch Banken und private Anleger.

von Verena von Ondarza und Susanne Tappe

Rainer Carstens hat Großes vor - als Chef des Bio-Landwirtschafts-Betriebs Westhof in Friedrichsgabekoog. Das Unternehmen im Kreis Dithmarschen will seine Geschäfte mit Bio-Gemüse ausbauen, indem die Produktion von Tiefkühl-Gemüse in etwa verfünffacht wird. Deshalb muss eine neue Frosterei her. Das ist eine Fabrikhalle, in der das Bio-Gemüse gewaschen wird, kurz mit kochendem Wasser übergossen, abgeschreckt und dann schockgefrostet wird. "Das ganze Gebäude wird am Ende 10.000 Quadratmeter groß sein", erzählt Carstens in der neuen Folge des NDR Info Podcasts "Mission Klima - Lösungen für die Krise". Da ihm nachhaltiges Wirtschaften wichtig ist, soll das Neubau-Projekt dabei helfen, jedes Jahr mehr als 6.000 Tonnen klimaschädliches CO2 einzusparen. Die Kosten liegen bei rund 70 Millionen Euro.

"Früher bin ich einfach zu meiner örtlichen Bank gegangen"

Einen Geldgeber zu finden, gestaltete sich aber schwieriger als gedacht. "Früher bin ich zu meinem örtlichen Bankdirektor gegangen und habe gesagt, ich brauche so und so viel Geld", meint Westhof-Chef Carstens. "Und dann hat der Bankdirektor vielleicht noch mal nachgefragt, ob das wirklich Not tut, und dann hat man den Kreditvertrag unterschrieben. So etwas gibt es heute irgendwie gar nicht mehr."

20 Millionen Beutel mit Möhren

Dabei ist der Westhof ein großer Name in der Bio-Landwirtschaft. Carstens hatte den Hof im Jahr 1989 auf biologischen Landbau umgestellt. Heute ist der Betrieb einer der wichtigsten Lieferanten für Bio-Gemüse in deutschen Supermärkten. Auf mehr als 1.000 Hektar wird allerlei Gemüse angebaut - zum Beispiel Möhren, Brokkoli, Erbsen und viele Kohlsorten. Westhof verarbeitet dieses Gemüse auch selbst weiter, zu abgepacktem Gemüse und Tiefkühl-Gemüse. Bei den Möhren beispielsweise haben sie im Bio-Segment einen Marktanteil von 20 Prozent. "Wir verpacken allein 20.000 Tonnen Möhren im Jahr", berichtet Carstens. "Das sind 20 Millionen Beutelchen, die hier eingepackt werden."

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Auch ein riesiger Energiespeicher ist geplant

Den örtlichen Banken war das Frosterei-Projekt für eine Finanzierung zu groß und zu riskant. Zumal Carstens neben der Fabrikhalle auch noch einen neuartigen Energiespeicher bauen will: einen Hochtemperatur-Speicher, der in dieser Größenordnung noch nirgendwo steht. Bislang gibt es nur einen kleinen Prototypen in Berlin. In einem solchen Hochtemperatur-Speicher werden Stahl-Stangen auf 650 Grad erhitzt, später wird diese Wärme wieder abgeben. "Ich habe mir den Speicher in Berlin angeschaut, und dort funktioniert es auch. Ich kann mir vorstellen, dass der Energiespeicher auch im großen Maßstab funktioniert. Aber den Beweis wollen wir hier jetzt antreten." Mithilfe des Speichers will Carstens umweltfreundliche Energie aus Windparks für seine Produktion nutzen - zum Beispiel für das Blanchieren von Gemüse.

"Man kann als Bank nicht alle Risiken abfedern"

Vom Bund erhält der Westhof dafür eine Förderung in Höhe von sechs Millionen Euro. Zudem gibt die GLS Bank, die sich als nachhaltige Bank bezeichnet, einen Millionen-Kredit für das Projekt. "Wir wollen diese Transformation, wir wollen die Energiewende, wir wollen eine nachhaltige Wirtschaft", sagt Dirk Grah von der GLS Bank. "Und dann muss die GLS Bank auch bereit sein, das dadurch zu dokumentieren, dass sie solche Finanzierungen bereitstellt. Man kann als Bank nicht alle Risiken abfedern, sondern man muss als Bank bereit sein, Risiken einzugehen."

Crowd-Funding soll 15 Millionen Euro bringen

Aber auch mit der Förderung des Bundes und dem Bank-Kredit steht die Finanzierung noch nicht. Und so will Carstens zumindest einen Teil der Investitionssumme - nämlich 15 Millionen Euro - über ein Crowdfunding einsammeln. Das heißt: Private Anleger können Anleihen kaufen. Mindestens 1.000 Euro sind aufzubringen. Wer investiert, wird für eine bestimmte Zeit zum Kreditgeber des Unternehmens und bekommt dafür einen festen Zins. In diesem Fall sind es zehn Jahre und viereinhalb Prozent Zinsen pro Jahr. Das ist mehr, als Zinsen auf einem Giro- oder Tagesgeld-Konto bringen. Aber es ist auch eine Anlage mit einem gewissen Risiko. Für den Fall, dass der Energiespeicher nicht funktioniert und Westhof pleitegeht, ist das Geld wahrscheinlich verloren. Aber trotz des Risikos interessieren sich Menschen für diese Art der Geldanlage: Carstens hat bislang etwa acht Millionen Euro zusammen.

Für den Westhof hat das Crowdfunding Vorteile für die Buchhaltung, sagt Carstens. Denn das so eingeworbene Geld gilt in der Buchhaltung als Eigenkapital - und wie viel man davon hat, ist wichtig, wenn es um andere Finanzierungen geht. Vor ein paar Jahren hat der Westhof schon einmal ein Gewächshaus über ein Crowd-Investing finanziert - und gute Erfahrungen damit gemacht. Die Beteiligungen hat der Westhof damals noch regional und selbst vergeben. Diese Mal hilft die GLS Bank beim Anwerben des Geldes.

GLS Bank will eine nachhaltige Wirtschaft fördern

Bei der GLS Bank spielt die Frage, was eine Investition dem Klima bringt, immer eine Rolle bei der Kreditvergabe, sagt Dirk Grah. Jede größere Investition werde geprüft. "Wir schauen uns natürlich an, wie viel Kohlendioxid eingespart wird. Wir müssen einfach überzeugt sein, dass ein Projekt wirklich eine zukunftsweisende Investition ist."

Wer sein Konto bei der GLS Bank eröffnet, kann festlegen, in welche Kredite das eigene Geld fließen soll. Und die Bank stellt alle Firmenkredite, die sie vergibt, einmal pro Quartal ins Internet. Das machen viele andere Banken nicht. Allerdings ist ein Konto bei der GLS Bank vergleichsweise teuer. Trotzdem: Immer mehr Leute legen offenbar Wert auf eine nachhaltige Geldanlage. Die GLS Bank ist in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen: Die Zahl der Kundinnen und Kundinnen hat im Jahr 2021 um 15 Prozent zugelegt. Allerdings auf einem sehr niedrigem Niveau - im Vergleich zu den Großbanken in Deutschland.

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Banken vergeben zu wenig "grüne Kredite"

Viele Banken werben inzwischen damit, dass sie "grüne" Projekte finanzieren. Aber es ist nach wie vor nicht das Kerngeschäft der Banken - und auch nicht eines ihrer wichtigsten Anliegen. Beim "Klimastresstest" der Europäischen Zentralbank (EZB) ist in diesem Sommer herausgekommen, dass zwei Drittel der Banken die Klimakrise noch gar nicht in ihrer Strategie berücksichtigen. Und eine aktuelle Untersuchung von Greenpeace und anderen NGOs zeigt, dass die vier größten deutschen Vermögensverwalter nach wie vor Milliarden in Unternehmen investieren, die ihr Geschäft mit Gas, Öl und Kohle sogar noch ausbauen. Die EZB bemängelt, dass die konventionellen Banken zu wenig "grüne Kredite" vergeben.

Nachhaltige Geldanlagen sind auf dem Vormarsch

Immerhin: Das Geschäft mit nachhaltigen Geldanlagen wächst. In Deutschland hat sich das Investitionsvolumen in den zurückliegenden vier Jahren mehr als verdoppelt und liegt nun bei rund 500 Milliarden Euro. Der größte Teil davon kommt von institutionellen Investoren - also zum Beispiel Banken, Versicherungen, Fonds-Gesellschaften oder Rentenkassen. Aber auch die Investitionen von Privatleuten in nachhaltige Anlagen nehmen zu. Im Jahr 2021 haben sie sich mehr als verdreifacht, auf rund 130 Milliarden Euro. Aber der Anteil nachhaltiger Geldanlagen am Gesamtmarkt beträgt nur knapp sieben Prozent. Zu wenig, um in der Klimakrise den Umstieg auf eine nachhaltige Wirtschaft schnell zu schaffen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 28.10.2022 | 17:00 Uhr

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