Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (STIKO), bei einer Pressekonferenz. © dpa bildfunk Foto: Kay Nietfeld

Stiko-Chef Mertens: Kinderimpfung ist kein Lakritzbonbon

Stand: 01.06.2021 17:57 Uhr

Sollten alle Kinder ab zwölf Jahren in Deutschland gegen das Coronavirus geimpft werden? Im NDR Info Podcast Coronavirus-Update spricht die Virologin Sandra Ciesek darüber, gemeinsam mit Stiko-Chef Thomas Mertens.

von Ines Bellinger

Der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (Stiko) geht davon aus, dass sich das Gremium Anfang der kommenden Woche zu Kinderimpfungen äußern wird - nach dem Studium aller derzeit verfügbaren Daten. Und das sind laut Mertens noch zu wenige, um belastbare Aussagen darüber zu treffen, ob der Nutzen einer Impfung höher ist als das Risiko einer schweren Covid-19-Erkrankung, die bei Kindern nach derzeitiger Datenlage extrem selten auftritt. "Was haben die Kinder für einen Vorteil von einer Empfehlung? Diese Frage muss, so gut das eben möglich ist, gelöst werden", sagt Mertens. "Den Kindern bietet man ja kein Lakritzbonbon an, sondern es ist ein medizinischer Eingriff und der muss entsprechend indiziert sein."

Das Coronavirus © CDC on Unsplash Foto: CDC on Unsplash
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Mertens über Stiko: Diskutieren Daten, keine Meinungen

Auch das im Zusammenhang mit Coronavirus-Infektionen aufgetretene multisystemische Entzündungssyndrom (PIMS) stelle keine klare Indikation für eine Impfung aller gesunden Kinder und Jugendlichen ab zwölf Jahren dar. "Das Risiko für PIMS ist gering, die Prognose gut", sagt Mertens und verweist auf die Meldestatistik der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI).

"Den Kindern bietet man ja kein Lakritzbonbon an, sondern es ist ein medizinischer Eingriff und der muss entsprechend indiziert sein." Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission

Mertens, der Virologe ist, in der Stiko aber mit Medizinern aus allen Fachrichtungen über Impfempfehlungen berät, betont, dass es in dem Gremium nicht darum gehe, Meinungen zu diskutieren. "Es geht immer nur darum, alle verfügbaren Daten zu prüfen und daraus Schlüsse für Empfehlungen zu ziehen", sagt Mertens.

EU-Kommission hat Biontech-Impfstoff ab zwölf Jahren zugelassen

Die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) hat den Biontech/Pfizer-Impfstoff als sicher für Kinder ab zwölf Jahren eingestuft. Von der EU-Kommission wurde das Vakzin am Montag für diese Altersgruppe zugelassen. Die Stiko nimmt offenbar eine eher zurückhaltende Position ein. Gut möglich, dass sich das Gremium an der Vorgehensweise bei der Grippe orientiert: In Deutschland gibt es keine generelle Impfempfehlung gegen Influenza für Kinder, wohl aber für Kinder mit bestimmten Vorerkrankungen.

Impfempfehlung für Kinder mit Vorerkrankungen wahrscheinlich

Man werde sicherlich eine Empfehlung aussprechen, Kinder mit definierten Vorerkrankungen auch gegen Sars-CoV-2 zu impfen. "Daran kann kein vernünftiger Zweifel bestehen", sagt Mertens. Es gebe jedoch keine Hinweise darauf, dass in dieser Altersgruppe das Risiko, an Covid-19 zu erkranken, über das einer Influenza-Erkrankung hinausgeht. Auch fehlten noch Daten über mögliche Spätfolgen einer Covid-19-Impfung bei Kindern und Jugendlichen oder ob beispielsweise eine Impfung eine Autoimmunreaktion anstoßen könnte.

Ciesek: "Wünsche mir eine rationale Sicht der Dinge"

Die Virologin Sandra Ciesek wünscht sich eine sachlichere Diskussion über Kinderimpfungen in der Pandemie. "Bei der Entscheidung, alle Kinder zu impfen oder nicht, gibt es von beiden Seiten berechtigte Argumente", sagt sie. Es müsse darum gehen, diese Positionen auszutauschen, ohne sich beispielsweise auf Social-Media-Kanälen gegenseitig zu beschimpfen: "Es ist gar nicht nötig, dass die Debatte so aggressiv geführt wird. Ich wünsche mir eine rationale Sicht der Dinge."

Corona-Schutzimpfung für Kinder individuelle Entscheidung

Weder werde es eine Impfpflicht für Kinder geben, noch werde es jemandem grundsätzlich verwehrt werden, sein Kind ab zwölf Jahren impfen zu lassen. "Es ist eine freie, individuelle Entscheidung, abhängig von der Lebenssituation", sagt Ciesek. So könne etwa für einen Jugendlichen, in dessen Familie Geschwister oder Eltern mit einem geschwächten Immunsystem leben, eine Impfung eine Erleichterung für den Alltag bedeuten.

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Mertens: Daten der Biontech-Studie reichen nicht

Für die Einschätzung des Risikoprofils bei Kinderimpfungen gegen Covid-19 gibt es nach wie vor zu wenige ausgewertete Daten, obwohl in den USA bereits mehr als zwei Millionen Kinder über zwölf Jahre geimpft wurden. Der Hersteller Biontech/Pfizer hat eine Zulassungsstudie mit rund 2.000 Jugendlichen vorgelegt, die über wenige Wochen nachbeobachtet wurden. "Das ist eine sehr kurze Zeit und eine sehr kleine Zahl von Kindern", sagt Mertens. 1,3 Prozent zeigten laut Studie schwere Impfreaktionen. Diese müssten nicht zu Schäden führen, betont Mertens. Mögliche Spätfolgen oder seltene Nebenwirkungen habe man aber nicht erfassen können.

Jüngere bilden mehr neutralisierende Antikörper

Ciesek verweist auf weitere Erkenntnisse des im "New England Journal of Medicine" erschienenen Papers. So wurde den zwölf bis 15 Jahre alten Teilnehmern aus den USA dieselbe Dosis wie Erwachsenen verabreicht (30 Mikrogramm). Auch der Impfabstand von 21 Tagen zwischen erster und zweiter Dosis wurde eingehalten. Ein Vergleich mit einer älteren Gruppe von 16- bis 25-Jährigen aus mehreren Ländern ergab wenige Unterschiede bei Impfreaktionen. Dafür zeigte sich bei einer Subgruppe innerhalb der Studie (190 versus 170 Teilnehmer), dass die jüngeren Geimpften etwa doppelt so viele neutralisierende Antikörper bildeten wie die etwas älteren Teilnehmer.

Asymptomatische Corona-Infektionen nicht untersucht

Schwächen sieht Ciesek in der Studie bei den Angaben zur Effizienz des Impfstoffs. Sieben Tage nach der zweiten Impfung wurden bei der mit Biontech geimpften Gruppe keine Infektionen festgestellt, bei den mit Kochsalzlösung Geimpften gab es 16 Fälle. Allerdings wurden die Kinder nur PCR-getestet, wenn sie entsprechende Symptome hatten. "Wir können also nur sagen, dass die Impfung vor einer symptomatischen Infektion schützt", sagt Ciesek. "Asymptomatische Infektionen wurden leider gar nicht untersucht."

Mertens: Kinderimpfungen nicht mit Schulöffnungen verknüpfen

Egal, wie die Empfehlung der Stiko für Deutschland aussehen wird: Das Problem, Schulunterricht dauerhaft abzusichern, bleibt. Zwar sinken die Infektionszahlen derzeit rasant, aber eine neue Welle im Herbst oder Winter ist nicht auszuschließen. Impfungen für Kinder mit der Diskussion über Schulöffnungen zu verknüpfen, hält Stiko-Chef Mertens nicht für sinnvoll, allein schon, weil Kinder unter zwölf Jahren derzeit gar nicht für eine Impfung infrage kommen. "Eine Impfung als Voraussetzung für ein normales Leben der Kinder halten wir für einen Irrweg", sagt er.

Ciesek: Konzepte für den Herbst sind wichtig

Ciesek rät dazu, den Sommer nicht zu verschlafen. Kitas und Schulen könnten im Herbst ein zentraler Bereich des Infektionsgeschehens sein, weil dort viele Menschen aufeinandertreffen, die nicht geimpft sind. "Da sollte man gute Konzepte in der Hinterhand haben", sagt die Virologin. Studien der US-amerikanischen Seuchenschutzbehörde CDC aus Utah und Georgia ließen auch Schlussfolgerungen für den Schulbetrieb hierzulande zu. Wichtig bleibe etwa, eine Teststrategie in Kitas und Schulen zu verfolgen und Maßnahmen wie Abstand halten, Maske tragen und Lüften beizubehalten. Auch Luftfilter könnten eine große Rolle spielen.

Man werde im Herbst womöglich wieder mehr Ausbrüche dort sehen, wo es zu großen Menschenansammlungen mit nicht Geimpften kommt, sagt Ciesek: "Wo das Virus einen Wirt findet, wird es auch versuchen, den zu infizieren."

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Ein klassischer analoger Impfpass steht neben einer Impfdosis und einer Spritze auf einem Tisch. Bild: picture alliance / Geisler-Fotopress | Dwi Anoraganingrum/Geisler-Fotop © picture alliance / Geisler-Fotopress | Dwi Anoraganingrum/Geisler-Fotop Foto: Geisler-Fotopress

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NDR Info | 01.06.2021 | 18:05 Uhr

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