VIDEO: Plastik-Müll: Wie kann Kunststoff nachhaltiger werden? (10 Min)

Plastik-Produkte sind auch klimafreundlich möglich

Stand: 12.11.2022 10:00 Uhr

Plastik als ein Klimakiller: Weltweit wird bislang mehr als 99 Prozent des Plastiks mit fossilen Rohstoffen hergestellt. Aber es gibt andere Wege, die umweltschonender sind. In Zukunft könnte Plastik sogar ein Teil der Lösung für mehr Klimaschutz werden.

von Karen Münster, Arne Schulz und Marc-Oliver Rehrmann

Kunststoffe sind nicht wegzudenken aus unserem Leben: beim Bau von Häusern beispielsweise, für Autos und ihre Reifen, in Schuhsohlen, Haushaltsgeräten, Kosmetik, Kleidung oder im Supermarkt. Allein Plastik-Verpackungen machen ein gutes Drittel der Kunststoffe in Deutschland aus. Problematisch ist nicht nur die Umweltverschmutzung durch Plastik-Produkte, die zum Beispiel für die Weltmeere und die Tierwelt ein großes Problem sein können. Auch die Herstellung ist bedenklich: Die Produktion eines Kilogramms Kunststoff verursacht rund zwei Kilogramm des klimaschädlichen Gases Kohlendioxid.

Plastik-Herstellung verursacht 4,5 Prozent des Treibhausgas-Ausstoßes

Laut einer Studie im Fachmagazin "Nature" war die Plastik-Industrie im Jahr 2015 für 4,5 Prozent des globalen Treibhausgas-Ausstoßes verantwortlich - also für ähnlich viel CO2 wie die gesamte globale Schifffahrt oder die gesamte globale Luftfahrt. Was gegen die Plastik-Flut hilft: mehr Recycling, ein Umstieg auf eine umweltfreundlichere Kunststoff-Herstellung - und der Verzicht auf den Kauf neuer Plastik-Produkte.

Ein Papierkorb gefüllt mit Plastikverpakungen- und Flaschen. © photocase.de Foto: przemekklos
AUDIO: Podcast "Mission Klima - Lösungen für die Krise": Wie Plastik wirklich nachhaltig werden kann (27 Min)

Wie es im Alltag auch ohne Plastik geht

Petra Beck steht vor einem Teich. © privat
Petra Beck aus Preetz verzichtet im Alltag weitgehend auf neue Plastik-Produkte - und schreibt darüber in einem Blog.

Dass im Alltag viele Plastik-Produkte längst nicht mehr alternativlos sind, zeigt die Norddeutsche Petra Beck. Die Pflegefachkraft lebt zusammen mit ihrem Ehemann in Preetz in der Nähe von Kiel - in einer Wohnung im Mehrfamilienhaus. Beck vermeidet Plastik, wo es nur geht. Im Kühlschrank liegen die meisten Lebensmittel lose herum beziehungsweise auf Tellern und in Blechdosen. Statt Spülmittel und Schwamm verwendet das Paar einen selbsthergestellten Reiniger und eine Bürste mit Naturfasern. In den Schränken stehen außerdem viele Einmachgläser, in denen Lebensmittel wie Nudeln oder Hülsenfrüchte lagern. "Das hängt ja alles mit dem Klima zusammen", sagt Petra Beck. "Ich sehe das auch nicht als Verzicht auf irgendwas, das ist einfach existenziell!"

Die Fleece-Jacken hängen noch im Kleiderschrank

Ihre Suche nach Plastik-Alternativen beschränkt sich nicht auf die Küche. "Ich versuche gerade, meine ganze Kleidung auf Leinen umzustellen", erzählt Beck. Auch wenn dieser Schritt für die Winterzeit nicht ideal ist. "Leinen wärmt nicht so wie Wolle, das ist nun mal so, dann muss man halt mehr Schichten anziehen." Zudem achtet die Schleswig-Holsteinerin darauf, neue Schuhe nur mit recyceltem Plastik zu kaufen. Sie sagt aber auch: "Perfektionismus bringt gar nichts. Klar, man kann sich kasteien, um den Müll eines Jahres in ein Weckglas zu bekommen. Das wird man aber nicht hinbekommen." Deshalb habe sie auch noch ein paar alte Tupperwaren aufbewahrt und Kunststoff-Fleece-Jacken im Kleiderschrank hängen. "Die Sachen werfe ich nicht weg, weil ich ja nicht unnütz Müll produzieren will."

Plastik-Recycling spart viel klimaschädliches CO2

Allein bei der Herstellung der in Deutschland verwendeten Plastik-Produkte gelangten zuletzt pro Jahr 30 Millionen Tonnen CO2 in die Atmosphäre. Bei recyceltem Kunststoff ist der Ausstoß im Durchschnitt nur halb so groß, bei einzelnen Produkten kann es bis zu 80 Prozent weniger sein. Zudem wird durch das Recycling auch die Menge an Kohlendioxid eingespart, die sonst durch das Verbrennen von Plastik in Müllverbrennungsanlagen entsteht: In Deutschland sind das pro Jahr neun Millionen Tonnen CO2. Bislang werden aber weltweit nur rund zehn Prozent des Plastiks recycelt.

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Und so werden weiterhin für die allermeisten Plastik-Produkte neue Kunststoffe verwendet, die derzeit fast ausschließlich aus fossilen Rohstoffen hergestellt werden - vor allem aus Erdöl. In der Natur schaden zudem weggeworfene Plastiktüten dem Klima. Dort werden Treibhausgase freigesetzt, wenn die Sonne auf sie scheint. Das wohl größte Problem liegt aber darin, dass die Fabriken sehr viel Energie benötigen. Und etwa die Hälfte der Kunststoffe kommt aus Asien, wo in den Fabriken besonders häufig auf Kohle als Energiequelle gesetzt wird.

Für die Lösung des Plastik-Problems heißt das: Ein erster, richtig großer Hebel wäre in den Fabriken die Umstellung auf Erneuerbare Energien. Das allein reicht aber noch nicht. Auch ein Verbot von bestimmten Einweg-Plastikprodukten hilft, wie es in der EU beispielsweise für Trinkhalme gilt. Der Markt müsste aber auch auf deutlich mehr Recycling setzen.

"Industrie müsste auf viel weniger Plastiksorten setzen"

Ein Problem bei dem Recycling ist, dass viel zu viele verschiedene Kunststoffe im Umlauf sind. Das sieht auch Michael Braungart so. Er ist Professor für Öko-Design an der Leuphana Universität Lüneburg - und seit den 1990er-Jahren ein einflussreicher Vordenker der sogenannten Kreislaufwirtschaft. "Ich habe mal für einen Supermarkt die vorhandenen Plastiksorten untersucht: Gefunden habe ich 52 verschiedene Sorten. Da ist dann nichts mit Recycling", sagt Braungart im Podcast "Mission Klima - Lösungen für die Krise". Für ein hochwertiges Recycling müssten die Produkte von vornherein aus viel weniger Plastiksorten hergestellt werden - und auch nur aus solchen Sorten, die sich wirklich gut recyceln lassen. "Das heißt: Man muss sich anschauen, welche Materialien wirklich für Kreisläufe geeignet sind. Und dann muss man die Zahl dieser Materialien drastisch reduzieren," fordert Braungart. Für solch ein hochwertiges Recycling brauche es politische Vorgaben: Schwer recycelbare Zusätze müssten verboten werden.

Bei einem Ausbau des Recyclings aus Klimaschutz-Gründen sollte laut Forschenden aber folgender Aspekt mitgedacht werden: Beim Recycling von Plastik können Verunreinigungen auftreten. Dies zeigen Studien. So enthalten recycelte Plastikflaschen teilweise eine Vielzahl Chemikalien, die auch im Trinkwasser nachweisbar sind. Die gute Nachricht: Die Chemikalien-Belastung ließe sich etwa durch spezielle Reinigungsverfahren beim Recycling-Prozess stark senken.

"Biologisch abbaubare Plastik-Produkte viel sinnvoller"

Braungart fordert zudem: "Kunststoffe, wenn sie in die Umwelt gelangen, müssen biologisch abbaubar sein. In anderen Ländern - selbst in Afrika, in Ruanda - sind nur solche Plastiktüten erlaubt, die sich biologisch abbauen. Und das ist viel sinnvoller, als dass hier eine Müllverbrennungsanlagen-Industrie gefördert wird, wo die Kreisläufe immer verloren gehen", sagt der Experte für Kreislaufwirtschaft.

Wie eine Gärtnerei auf umweltfreundliche Tüten setzt

Die norddeutsche Gärtnerei Sannmann hat sich bereits von herkömmlichen Plastiktüten verabschiedet und setzt nun auf biologisch abbaubare Materialien. Es ist ein Familienbetrieb am Rand von Hamburg mit großem Gewächshaus. Wenn Monika Sannmann dort die Salate für Privatkunden verpackt, damit sie bis zum Verzehr frisch bleiben, benutzt sie besondere Folien. "Unsere Tüten bestehen nicht aus herkömmlichem Plastik, sondern aus Zellulose", erzählt Sannmann. Zellulose ist ein natürlicher Stoff, der von Pflanzen produziert wird. Das Material ist biologisch abbaubar.

Wenn der Salat gegessen ist, gehen die Tüten zurück zur Gärtnerei. Sie landen schließlich - wie verdorbenes Gemüse - auf dem Kompostplatz. Dort werden die Zellulose-Folien nach und nach komplett von Mikroorganismen zersetzt. Nach sechs bis acht Wochen ist nichts mehr übrig außer fruchtbarer Kompost-Erde. So gelingt in der Gärtnerei an dieser Stelle der Verzicht auf Wegwerf-Plastik.

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Gut fürs Klima: Plastik mit CO2 aus der Atmosphäre

Denkbar ist aber auch, Kunststoff-Produkte mit Hilfe von Kohlendioxid aus der Luft herzustellen. Theoretisch wäre dieser Vorgang sogar klimapositiv, das heißt: er hätte einen positiven Effekt auf das Klima. Forscher haben bereits gezeigt, dass das Verfahren funktioniert. Und auch große Chemiekonzerne arbeiten daran. Braungart hält die Forschung in diesem Bereich für sehr vielversprechend - auch in Norddeutschland. "Wenn ich lediglich den Recycling-Anteil in der Plastikflasche um drei Prozent erhöhen will, bekomme ich keinen Studenten hinter dem Ofen hervorgelockt", meint der Professor aus Lüneburg. "Wenn ich aber sage: Wir holen uns das CO2 zurück, dann könnte man zum Beispiel sagen: Die Stadt Hamburg verwendet in zehn Jahren nur noch CO2, das aus der Erdatmosphäre gewonnen wird." Man müsse das Kohlendioxid als Nährstoff begreifen, nicht als Schadstoff, so Braungart. "Es ist sozusagen nur der Nährstoff am falschen Platz. Und da können die Kunststoffe einen ganz wesentlichen Beitrag zum Klimaschutz leisten."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Mission Klima – Lösungen für die Krise | 21.10.2022 | 22:00 Uhr

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