Stand: 23.12.2019 14:45 Uhr

Kommentar: Unbegleitete Flüchtlinge aufnehmen!

Die Bundesregierung will weiterhin keine unbegleiteten Minderjährigen aus überfüllten griechischen Flüchtlingslagern im Alleingang in Deutschland aufnehmen. Sprecher von Regierung und Bundesinnenministerium erklärten, man suche nach einer europäischen Lösung. Die Lage der Flüchtlinge sei zwar prekär und nicht tragbar, es bestehe aber nicht unmittelbar Lebensgefahr, sagte ein Ministeriumssprecher. Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR leben in Lagern auf den Inseln Lesbos, Samos und Kos mehr als 4.400 unbegleitete Kinder, von denen nur jedes vierte altersgerecht untergebracht sei.

Ein Kommentar von Christoph Prössl, NDR Info

NDR Info Redakteur Christoph Prössl. © NDR Foto: Reiner Freese
Christoph Prössl sieht es als eine moralische Pflicht, Schutzbedürftigen zu helfen.

Die Bilder der Flüchtlinge auf den griechischen Inseln sind erschütternd. Die Menschen stehen im Schlamm, hausen unter Planen und schlafen im Kalten. Besonders Kinder leiden unter diesen Verhältnissen. Tausende dieser Kinder wurden von Eltern und Verwandten in Kriegs- und Krisenregionen losgeschickt, in der Hoffnung, dass diese Kinder es einmal besser haben oder sogar irgendwann die ganze Familie nachkommen darf. Wenn ich diese Bilder sehe und von den Zuständen lese, ist für mich klar: Wir müssen hier helfen.

Kritik an Pistorius' und Habecks Hilfsangeboten ist zynisch

Die Debatte darüber, wie Deutschland, wie Europa nun mit diesen Kindern und Jugendlichen umgehen sollte, befremdet mich zutiefst. Boris Pistorius, der niedersächsische Innenminister, SPD, hat längst angekündigt, Niedersachsen sei bereit, weitere Flüchtlinge aufzunehmen. Robert Habeck, Parteichef der Grünen, forderte am Wochenende, dass Deutschland unbegleitete Flüchtlinge aufnehmen sollte.

Der Kommentator der Tageszeitung "Welt" kritisiert die "Hypermoral" des grünen Politikers. Und die FDP wirft Habeck vor, seine Äußerungen seien eine PR-Aktion. Beides ist zynisch. Beides ist falsch. Dem politischen Gegner vorzuwerfen, er sei ein "Gutmensch" oder aber eben übertrieben moralisch, geht mit dem Vorwurf einher: Sei nicht so naiv, der Anspruch, die Welt zu retten, ist eh nicht zu erfüllen.

Grundsatz unserer Kultur: Schutzbedürftigen helfen

Der Vorschlag, unbegleitete Kinder und Jugendliche aus dem Schlamm und aus der Kälte zu holen, ist jedoch sehr konkret und umsetzbar. Ich sehe sogar eine moralische Verpflichtung. Schutzbedürftigen zu helfen, ist der vielleicht wichtigste Grundsatz unserer Kultur, unserer Lebensweise. Viele, die von Identität und Leitkultur sprechen, vergessen diese christlichen Werte aber, wenn es um Flüchtlinge geht, und werden morgen Abend ohne Scham in der Christmette sitzen.

Deutschland handelt zu spät

CDU und CSU argumentieren jetzt, Deutschland tue viel vor Ort. Hilfslieferungen seien unterwegs. Ja und nein. Deutschland handelt vor allem zu spät - nicht nur bei der Unterstützung mit Gütern. Die katastrophalen Verhältnisse in griechischen Lagern sind seit Jahren bekannt. Der Druck auf griechische Behörden hat wenig bewirkt. Auf Lesbos scheitern der griechische Staat und die europäische Staatengemeinschaft.

Migranten warten darauf, in einem Zwischenlager neben dem Lager Moria auf der Insel Lesbos Brot zu kaufen. © dpa bildfunk Foto: Angelos Tzortzinis
Die Situation in den Flüchtlingslagern in Griechenland ist katastrophal.
In griechischen Lagern ist Eile geboten

Deutschland sollte nicht alleine voranschreiten, heißt es jetzt von Kritikern. Andere europäische Staaten müssten sich bei der Aufnahme beteiligen. Schön wäre es. Bundesinnenminister Seehofer gelang dies ja wenigstens bei den Verhandlungen um die Bootsflüchtlinge. In Griechenland ist jetzt aber Eile geboten. Und wenn die EU unfähig ist zu handeln, dann sollte Deutschland in diesem sehr konkreten Fall rasch helfen. Dies als Signal zu interpretieren, wenn Deutschland voranschreite, müsse ja niemand anderes reagieren, ist falsch. Der Umgang mit Flüchtlingen wird die Staaten der Europäischen Union über die nächsten Jahre weiterhin beschäftigen. Deutschland muss Treiber sein für eine Europäische Flüchtlingspolitik, Druck ausüben, damit Aufnahmen und Umgang solidarisch geregelt werden können.

Kritiker erwähnen auch gerne, wenn Deutschland jetzt Flüchtlinge aufnimmt, entsteht eine Sogwirkung, weitere könnten kommen. Ist das ernsthaft ein Argument, Kinder und Jugendliche weiterhin in Kälte und Nässe ausharren zu lassen, wo verzweifelte Menschen in der Auseinandersetzung um Essensrationen mit dem Messer aufeinander losgehen? Die Antwort ist Nein. Deutschland sollte handeln. Rasch.

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Aufgeklappter Laptop © Fotolia | Minerva Studio

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 20.12.2019 | 17:10 Uhr

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