Intensivpflegerinnen sind auf der Covid-19-Intensivstation mit der Versorgung von Corona-Patienten beschäftigt. © picture alliance/dpa/Robert Michael Foto: Robert Michael

Intensiv-Neuaufnahmen statt Inzidenz: Die bessere Kennzahl?

Stand: 30.04.2021 11:26 Uhr

Im Café sitzen, shoppen oder nach 22 Uhr noch vor die Tür gehen - ob diese Dinge erlaubt sind, bestimmt eine Zahl, die vor gut einem Jahr kaum jemand kannte: die Sieben-Tage-Inzidenz. Doch ist sie nach wie vor das beste Maß, um die Dynamik der Pandemie abzubilden? Manche Forscher empfehlen eine Alternative.

von Anna Behrend

Die Sieben-Tage-Inzidenz bildet die Corona-Fälle pro 100.000 Einwohner in den letzten sieben Tagen ab. Doch aus der Wissenschaft werden zunehmend kritische Stimmen laut, die fordern, andere Größen verstärkt in den Blick zu nehmen. "Die Sieben-Tage-Inzidenz entkoppelt sich zunehmend von der eigentlichen gesundheitlichen Lage in der Pandemie", findet etwa Gérard Krause, Leiter der Abteilung Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung.

Impfungen und Tests machen Inzidenz weniger aussagekräftig

Zum einen würde inzwischen sehr viel mehr getestet als noch vor einigen Wochen - und das vor allem in Bevölkerungsgruppen, die meist nicht schwer an Covid-19 erkranken. "Das führt zu einer massiven Steigerung der Fallmeldungen, die aber nicht proportional ist zu einer Steigerung der Krankheitslast", so Krause. Zum anderen gebe es durch die zunehmende Zahl an Impfungen zwar auch weniger Infektionen, aber vor allem weniger schwere Erkrankungen. Wie stark die Impfungen die Krankheitslast in der Bevölkerung reduzieren, sei allein an den Fallzahlen also nicht wirklich abzulesen.

In einem Zimmer der Intensivstation wird ein Patient mit einem schweren Covid-19 Krankheitsverlauf behandelt. © picture alliance/dpa Foto: Christophe Gateau
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Neuaufnahmen mehr in die Diskussion einbeziehen

Helmut Küchenhoff, Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Leiter des dortigen Statistischen Beratungslabors, teilt Krauses Kritik an der Inzidenz: "Es geht mir gar nicht darum, die Inzidenz als Indikator ganz abzuschaffen. Wir raten aber dazu, die Zahl der Neuaufnahmen und die Auslastung der Intensivstationen mehr in die Diskussion mit einzubeziehen", so Küchenhoff.

Ein Problem dabei: Wie viele Covid-19-Patienten täglich neu auf Intensivstationen aufgenommen werden, ist derzeit lediglich für Gesamtdeutschland bekannt. Die entsprechende Zahl veröffentlicht die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) täglich in ihren Berichten.

Für die einzelnen Bundesländer oder gar für einzelne Landkreise hingegen gibt es diese Information nicht - ein differenzierter Blick auf die Neuaufnahmen in den einzelnen Regionen der Bundesrepublik ist daher bislang unmöglich.

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Neuaufnahmen in den Bundesländern: Von Forschern errechnet

Statistiker Küchenhoff und seine Kollegen haben deshalb ein Modell entwickelt, das aus der Zahl der durch Covid-Patienten belegten Betten je Bundesland und einer mittleren Liegedauer die täglichen Neuaufnahmen für die Bundesländer berechnet. Und nicht nur das: Die Forscher können auch berechnen, wie hoch die Zahl der Neuaufnahmen täglich maximal sein dürfte, wenn man eine bestimmte Anzahl verfügbarer Betten annimmt.

"Bei unserer Berechnung sind wir davon ausgegangen, dass ungefähr 30 Prozent der Intensiv-Kapazitäten für Covid-Patienten reserviert sind", sagt Küchenhoff. Somit kommen er und seine Kollegen auf einen Grenzwert von rund 0,7 Neuaufnahmen pro Tag und 100.000 Einwohner. Das heißt, werden mehr als 0,7 Patienten pro Tag pro 100.0000 Einwohner eingeliefert, droht unter diesen Annahmen eine Überlastung der deutschen Intensivstationen.

"Das stammt aus einer vorläufigen ersten Rechnung und ist noch kein Konsenswert", betont der Münchner Wissenschaftler. Ändere man den Anteil der für Covid-Patienten reservierten Intensivbetten in der Berechnung, erhalte man andere Grenzwerte. "Aber im Unterschied zu den Grenzwerten bei der Inzidenz kann man das begründen und diskutieren", so Küchenhoff. "Das ist der große Vorteil."

Neuaufnahmen auf Intensivstationen: So steht der Norden da

Der Norden Deutschlands steht laut den Berechnungen der Münchner Wissenschaftler im Bundesvergleich gut da: Die von ihnen errechnete Zahl täglicher Neuaufnahmen ist in den norddeutschen Bundesländern vergleichsweise gering.

Neuaufnahmen in Hamburg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen

Da der Wohnort der Patientinnen und Patienten nicht bekannt ist und erfahrungsgemäß auch Menschen aus dem Umland in Städten wie Bremen oder Hamburg behandelt werden, fassen Küchenhoff und seine Kollegen die Stadtstaaten bei der Berechnung mit Niedersachsen beziehungsweise Schleswig-Holstein zusammen.

"In Hamburg und Schleswig-Holstein sind wir noch unter 0,5 Neuaufnahmen pro Tag und 100.000 Einwohner", so Küchenhoff. Das gelte auch für Bremen und Niedersachsen. Diese norddeutschen Bundesländer liegen also noch deutlich unter dem von den Münchner Forschern vorläufig errechneten Grenzwert von 0,7 täglichen Neuaufnahmen pro 100.000 Einwohner.

Entwicklung in Mecklenburg-Vorpommern ist etwas kritischer

"In Mecklenburg-Vorpommern ist der Wert ein bisschen höher, aber im Vergleich zu anderen Bundesländern auch immer noch niedrig", so Statistiker Küchenhoff." Auch die Gesamtzahl der belegten Betten spiegelt wider, dass der Norden Deutschlands noch besser dran ist als die anderen Bundesländer." Besonders ungünstig sei die Situation hingegen in Ländern wie Sachsen oder Thüringen.

Momentan geschehen diese Schätzungen auf Basis von Modellrechnungen. Doch die Münchner Forscher gehen davon aus, dass die DIVI die Zahl der Neuaufnahmen demnächst auch für die Bundesländer veröffentlichen wird. "Wir sind mit der DIVI in Kontakt und optimistisch, dass wir bald regional aufgeschlüsselte Daten kriegen werden", sagt Küchenhoff.

Kombination aus Inzidenz und Intensiv-Neuaufnahmen

Hat die Inzidenz als bestimmender Indikator unseres Alltags also bald ausgedient? Werden wir demnächst stattdessen auf die Zahl der Neuaufnahmen in den Intensivstationen schauen, wenn wir wissen wollen, ob Kitas, Schulen und Geschäfte öffnen dürfen?

Ganz so klar ist die Situation nicht. Auch die Zahl der Neuaufnahmen habe Nachteile als Kenngröße, räumt Küchenhoff ein: "Wir können sie regional nicht sinnvoll auf Landkreisebene aufschlüsseln. Nicht nur, weil wir den Wohnort der Patientinnen und Patienten nicht kennen, sondern auch, weil die Zahlen einfach zu klein sind."

Ob es in einem Landkreis drei oder fünf Neuaufnahmen gebe, könne für das Über- oder Unterschreiten des Grenzwerts schon den entscheidenden Unterschied machen. "Das ist nicht sinnvoll", so der Statistiker. Deswegen brauche es auch andere Maße wie die Inzidenz als zusätzliche Informationen - und zwar laut Küchenhoff insbesondere die Inzidenz bei den über 60-Jährigen, da diese Bevölkerungsgruppe ein erhöhtes Risiko hat, an Covid-19 zu sterben.

Kritik an Kennzahl der Neuaufnahmen: Zu großer Zeitverzug

Stefan Kluge, Leiter der Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf, hält die Zahl der täglichen Neuaufnahmen zumindest als Frühwarn-Indikator für gänzlich ungeeignet. Im NDR.de Interview sagte er kürzlich: "Würde man sich nur an der Anzahl der Neuaufnahmen auf der Intensivstation orientieren, würde das Infektionsgeschehen mit einer Verzögerung von circa zehn bis 14 Tagen dargestellt werden. Weil diese Zahl immer hinterherhinkt, ist sie als Frühindikator nicht brauchbar."

Statistiker Küchenhoff und Epidemiologe Krause hingegen sehen in dem zusätzlichen Zeitverzug im Vergleich zur Inzidenz kein größeres Problem. "Dieser Zeitverzug ist nicht sehr viel größer als der Zeitverzug zwischen Ansteckung und Meldung beim RKI", so Küchenhoff. Bis der Test gemacht, ausgewertet und das Ergebnis ans Robert Koch-Institut (RKI) gemeldet sei, dauere es auch einige Zeit. Der Unterschied betrage also höchstens ein paar Tage.

Drosten: Inzidenz noch wichtigste Kenngröße

Der Virologe Christian Drosten sagte kürzlich im NDR Info Podcast Coronavirus-Update, für ihn sei die Inzidenz nach wie vor die entscheidende Größe. Für die Zukunft über andere Kenngrößen wie die Zahl der Neuaufnahmen nachzudenken, hält Drosten jedoch durchaus für richtig. Denn die Krankenhausbelastung werde sich künftig noch stärker von der Infektionstätigkeit in der Bevölkerung ablösen, betonte der Charité-Forscher.

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NDR Info | Infoprogramm | 30.04.2021 | 07:50 Uhr

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