Stand: 28.02.2020 16:52 Uhr

Inside Treuhand: Die überforderte Behörde

Am 1. März 1990 gründete die vorletzte DDR-Regierung unter Hans Modrow die "Anstalt zur treuhänderischen Verwaltung des Volkseigentums", aus der wenige Monate später die Treuhandanstalt wurde. Doch 30 Jahre später bleibt die Arbeit der Privatisierungs-Behörde umstritten.

von Lena Gürtler, Christoph Heinzle, Marc Hoffmann

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Die Treuhand hat 45 Regalkilometer an Akten produziert

Nach dem Mauerfall stehen die Zeichen auf Wiedervereinigung, politisch und wirtschaftlich: Es ist die vorletzte DDR-Regierung unter Hans Modrow, die am 1. März 1990 die "Anstalt zur treuhänderischen Verwaltung des Volkseigentums" gründet. Monate später im Sommer verspricht Helmut Kohl blühende Landschaften und die Treuhandanstalt wird Eigentümerin aller volkseigenen DDR-Betriebe. Der spätere Treuhandchef Detlef Karsten Rohwedder formuliert das unmissverständliche Ziel "die Kombinate, die VEBs, zu privatisieren, wo eben möglich, zu sanieren, wo eben möglich und zu liquidieren, wo unabweisbar."

Treuhandarbeit – ein "patriotischer Akt"

Auch der Industriemanager Wolf Klinz fühlt sich damals berufen, an der wirtschaftlichen Wiedervereinigung mitzuwirken. Seinen Job in der Schweiz hängt er an den Nagel und übernimmt 1990 einen der Vorstandsposten in der neuen Superbehörde. Er spricht heute von einem "patriotischen Akt". Doch wie er berichtet, fällt sei erster Arbeitstag wenig glamourös aus. Es fehlten Computer, Telefone und Faxgeräte, "den Waschraum haben sie am besten gar nicht betreten. Es war wirklich eine Situation, wo ich mich zunächst einmal wirklich gefragt habe, hast du wirklich richtig entschieden", so Klinz.

Unter solchen Startbedingungen sucht die Treuhand für mehr als 8.000 ostdeutsche Betriebe neue Investoren. Nach Aktenlage entscheidet der Vorstand über das Schicksal Tausender Arbeitsplätze. Mit der Zahl der Arbeitslosen steigt auch der Unmut. Vor der Berliner Treuhandzentrale und in betroffenen Betrieben protestieren Betroffene und fordern, statt Liquidation und Privatisierung ein stärkeres Augenmerk auf die Sanierung der angeschlagenen Betriebe.

Aufbau Ost

Doch dafür fehlt der Treuhand Zeit, Geld und offenbar auch das Know How, berichtet Hans J. Moock, der ab 1990 als Direktor in der Dresdner Treuhandniederlassung wird. "Das Sanieren ist ja nicht einfach. Da brauchen sie Leute, die wissen, wie das geht, Profis. In der Treuhand haben sie die nicht."

Die Währungsunion im Sommer 1990 bricht vielen Ostbetrieben das Genick. Hinzu kommt der Zusammenbruch der osteuropäischen Märkte und der knallharte kapitalistische Wettbewerb. Investoren zumeist aus Westdeutschland und dem Ausland sollen den maroden Betrieben eine Chance geben. Die Treuhandmanager hangeln sich bei der Auswahl der richtigen Käufer an verschiedenen Kriterien entlang - Kaufpreis, Arbeitsplatz- und Höhe der versprochenen Investitionen.

Blackbox Treuhand

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Marcus Böick von der Ruhr-Uni Bochum kritisiert die mangelnde Transparenz der Treuhand.

Unter den Investoren befinden sich auch windige Geldmacher und Kriminelle, wenn auch in der Minderheit. Aber hierin liegt der Stoff für die Mythen, die sich noch heute rund um die Treuhand ranken, sagt Marcus Böick, Historiker an der Ruhr-Universität Bochum. Dass die Treuhand nicht sehr transparent arbeitete ist für den Treuhandexperten Böick ein weiterer Faktor. Die Privatisierungsentscheidungen waren"ein hochgradig interner Prozess und das war natürlich nach außen oftmals überhaupt nicht zu verstehen", so Böick.       

Das heute zuständige Bundesfinanzministerium zieht eine positive Treuhandbilanz, mit 15.000 Privatisierungsvorgängen, umgerechnet rund 80 Milliarden Euro sind demnach investiert worden, etwa eine Million Arbeitsplätze wurden den Angaben zufolge geschaffen.

Willkommener Buhmann

Die Treuhandanstalt war eine Einrichtung ohne Blaupause und Vorbereitungszeit, die allerdings bei vielen Ostdeutschen das ungute Gefühl zurückgelassen hat, über den Tisch gezogen worden zu sein. Dass sich der Unmut nach der einschneidenden Wirtschaftsumstellung in Ostdeutschland auf die Treuhand fokussiert, sei der Politik ganz Recht gewesen, sagt Richard Schröder. Der SPD-Politiker hat den Umbruch in der DDR und die Zeit danach aktiv mitgeprägt, als Abgeordneter in der DDR-Volkskammer und später im Bundestag.

Schröder wirft den verantwortlichen Politikern vor, sie hätten es zugelassen, "dass die Treuhand Prügelknabe wird, denn dadurch war sie Blitzableiter. Man konnte immer sagen, die Treuhand war’s, die Treuhand war’s und die Regierung konnte sich hinter der Treuhand verstecken."

Treuhand im neuen Licht - Blick in die Akten

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Was von damals übrig geblieben ist: Die Zentrale des von der Treuhand privatisierten ehemaligen DDR-Baukombinats HMB in Halle.

Bis zu Ende ihrer offiziellen Arbeit Ende im Jahr 1994 hat die umstrittene Treuhandbehörde mehr als 45 Regalkilometer an Akten produziert. Diese lagern heute im Bundesarchiv und werden dort seit einigen Jahren systematisch erfasst und zugänglich gemacht.

Mithilfe einst vertraulicher Dokumente rekonstruierten NDR Info Reporter den Privatisierungsfall eines der größten Baukombinate der ehemaligen DDR. Die umfangreiche Einzelfall-Recherche „Inside Treuhand: Der Fall HMB“ zeigt unter anderem wie komplex und langwierig die Privatisierungsvorgänge sein konnten.

Der graffitibeschmierte Eingang der HMB-Zentrale in Halle. © NDR Foto: Marc Hoffmann

Treuhand-Fall HMB (1): Das Kombinat sucht Käufer

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Eine historische schwarz-weiss-Aufnahme der Zentrale des VEB BMK Chemie (Quelle) © Stadtarchiv Halle

Treuhand-Fall HMB (2): Baufirma baut nicht mehr

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Der Historiker Dierk Hoffmann vom Institut für Zeitgeschichte München-Berlin leitet das derzeit größte Forschungsprojekt zur Treuhandarbeit und wertet die nun zugänglichen Akten aus. Nach erstem Akteneindruck bestätige sich das Bild, so Hoffmann, "dass es sich um eine sehr stark überforderte Behörde gehandelt hat“. Noch bis 2021 läuft das aktuelle Forschungsprojekt. Dreißig Jahre nach der Gründung der Treuhandanstalt könnten die Akten nun ein anderes Licht auf ihre Arbeit werfen.

Akten der Treuhand in einem Regal. © NDR Foto: Marc Hoffmann

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Weiße Sessel stehen um einen Glastisch. © Martin Barraud Foto: Martin Barraud

Streitfall Treuhandanstalt

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Vor 30 Jahren bekam die Treuhandanstalt die Aufgabe, die Wirtschaft der DDR zu privatisieren. Sind die Folgen heute noch gegenwärtig?

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Streitfall Treuhandanstalt

25.02.2020 21:05 Uhr

Vor 30 Jahren bekam die Treuhandanstalt die Aufgabe, die Wirtschaft der DDR zu privatisieren. Sind die Folgen heute noch gegenwärtig? Die Redezeit auf NDR Info. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Das Forum | 25.02.2020 | 20:30 Uhr

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