Stand: 20.03.2020 11:23 Uhr

Hält das Internet die Coronavirus-Krise aus?

von Isabel Lerch, NDR Info
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Aktuell nutzen viel mehr Menschen als sonst das Internet - im Homeoffice oder als Zeitvertreib beim Streamen.

Wir benutzen es alle eh schon jeden Tag, doch in diesen Tagen strapazieren wir es noch viel mehr als sonst: das Internet. Kein Wunder, denn die gesellschaftliche und wirtschaftliche Krise, die das Coronavirus ausgelöst hat, zwingt viele von uns, daheim zu bleiben. Und dort müssen oder wollen wir dann vermehrt auf das Internet zugreifen - für berufliche Tätigkeiten im Homeoffice oder weil wir einfach unsere Zeit vertreiben wollen, mit Freizeitaktivitäten, wie etwa Filme oder Serien streamen.

Doch wenn alle jetzt ständig im Internet unterwegs sind, stellt sich die Frage: Hält das Internet die Corona-Krise aus?

Telekom: "Beobachten die Lage ganz genau"

Wenn es nach der Deutschen Telekom, Deutschlands größtem Internetanbieter, geht, sind die Sorgen um das überlastete Internet übertrieben. Sprecherin Marion Kessing gibt Entwarnung: "Unser Netz ist gut vorbereitet und zum jetzigen Zeitpunkt auch sehr stabil. Unsere Experten spielen natürlich alle möglichen Last-Szenarien durch für die nächsten Tage und Wochen. Wir beobachten die Lage ganz genau, wir haben Sonder-Teams, die das Netz rund um die Uhr beobachten, um bei Bedarf und wo immer nötig direkt nachzusteuern."

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Internet durch millionenfache Nutzung unter Druck

Das Internet wird demnach nicht unter der Last des Coronavirus zusammenbrechen. Doch es ist zumindest unter Druck. Denn die meisten Menschen sitzen seit ein paar Tagen zu Hause. Durch millionenfaches Arbeiten im Homeoffice und das private Surfen vieler Menschen ist die Internetauslastung stark angestiegen.

"Zwei Millionen Menschen gucken gleichzeitig YouTube oder Netflix"

"Wir haben in den letzten Tagen einen massiven Traffic-Anstieg gesehen, etwa um zehn Prozent", so Thomas King, Technischer Direktor von DE-CIX, dem größten Internet-Knoten Deutschlands, in Frankfurt am Main. "Wir sind jetzt bei einem Peak von 9,1 Terabit pro Sekunde. Das entspricht etwa zwei Millionen gleichzeitigen HD-Videostreams. Das heißt, zwei Millionen Menschen gucken gleichzeitig ein YouTube- oder Netflix-Video."

Die Glasfaserkabel glühen förmlich

Es ist ein neuer Weltrekord. Noch nie wurden an einem Internet-Knoten zu Spitzenzeiten so viele Daten ausgetauscht. Normalerweise wächst der weltweite Internet-Verkehr in einem Jahr um 30 Prozent. Nun ist er innerhalb von nur einer Woche um satte zehn Prozent gestiegen - dank Corona glühen die Glasfaserkabel förmlich.

Doch die Deutsche Telekom war vorbereitet, sagt Sprecherin Marion Kessing. "Wir haben bei der Telekom im Bereich Technik bereits bei den allerersten Meldungen aus China interne Gruppen gebildet und Notfallpläne vorbereitet. Oberstes Ziel ist für uns die Sicherstellung und die Aufrechterhaltung unserer kritischen Infrastruktur."

Große Zunahme bei den Videokonferenzen

Dazu zählten Sprach- und Datendienste, wie die normale Telefonie, aber auch soziale Netzwerke, Streamingdienste, Mediatheken und Musikangebote. DE-CIX in Frankfurt hat ausgewertet, wo genau der Datenverkehr so stark zugenommen hat: Vor allem bei Videokonferenzen gab es ein großes Plus von etwa 50 Prozent.

Mehr Verbindungen ins Firmen-Netzwerk

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Die Verbindungen ins Firmen-Netzwerk haben durch die Verlagerung der Arbeit ins Homeoffice stark zugenommen.

"Wir sehen aber auch, dass etwa mit 25 Prozent die Nutzung von Online-Spielen zugenommen hat", so Thomas King. Das sei wohl darauf zurückzuführen, dass die Schulen zu sind, die Schüler zu Hause auch gerne mal ein Online-Spiel spielten. "Zudem sehen wir eine starke Zunahme bei den VPN-Verbindungen, damit die Homeoffice-Arbeitenden sich mit ihrem Firmen-Netzwerk verbinden können."

Nur mit punktueller Überlastung einzelner Dienste zu rechnen

Zudem gebe es eine starke Zunahme der Kommunikation über soziale Netzwerke. Trotz dieses raschen Wachstums des Datenverkehrs sieht Thomas King die deutsche Netz-Infrastruktur gut gerüstet. Doch könne es aufgrund der stärkeren Nutzung des Internets und der digitalen Infrastruktur dazu kommen, dass punktuell einzelne Dienste überlastet sind. "Grundsätzlich glauben wir aber nicht, dass das eine flächendeckende Auswirkung haben wird, sondern es wird nur sehr punktuell sein und vielleicht nur einen einzelnen Dienst oder eine einzelne Region betreffen", so King.

"Natürlich kann es jetzt aufgrund der stärkeren Nutzung des Internets und der digitalen Infrastruktur dazu kommen, dass hier punktuell mal einzelne Dienste überlastet sind. Grundsätzlich glauben wir aber nicht, dass das jetzt eine flächendeckende Auswirkung haben wird, sondern es wird wie gesagt nur sehr punktuell sein und vielleicht nur einen einzelnen Dienst oder eine einzelne Region betreffen."

Netflix drosselt Übertragungsrate in Europa

Die beliebte Streaming-Plattform Netflix zog nun erste Konsequenzen aus diesem raschen Wachstum des Datenverkehrs. Donnerstagabend gab das Unternehmen bekannt, die Übertragungsrate in Europa um ein Viertel zu drosseln, um das Internet während der Corona-Pandemie nicht zu überlasten. Netflix reagierte damit auf das Drängen der EU-Kommission.

Online solidarisch verhalten: Von HD auf SD reduzieren

Wer zudem selbst einen kleinen symbolischen Beitrag leisten und sich auch online solidarisch verhalten möchte, für den hat der IT-Sicherheitsexperte Timo Kob einen einfachen Tipp: "Schalte in deinem Netflix den Hebel von HD-Qualität auf SD-Qualität, also auf geringere Auflösung. Das reduziert dein Datenvolumen um 50 Prozent und mehr."

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NDR Info | 20.03.2020 | 09:50 Uhr