Stand: 18.12.2019 19:00 Uhr

Gekaufte Likes: Habe Geld, brauche Fans

von Eva Köhler, Svea Eckert, Isabel Lerch, Peter Hornung, Marvin Milatz und Timo Robben

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Der NDR konnte eine Liste der Firma Paidlikes auswerten.

Likes und Herzchen, Fans und Follower: Sie sind die Währung des Internets. Sie drücken Beliebtheit aus, wecken Vertrauen bei den Nutzern und sind Gradmesser für den Erfolg eines Künstlers, einer Politikerin, eines Unternehmens in den Sozialen Medien. Doch diese Liebe ist auch käuflich - mit bezahlten Likes. NDR, WDR und "Süddeutsche Zeitung" erhielten jetzt erstmals Einblick in eine Liste mit knapp 90.000 Links zu Social-Media- und Web-Seiten, die offenbar von gekauften Likes profitiert haben.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Ruhr-Universität Bochum konnten die Daten eines Anbieters für manipulierte Bewertungen, der Magdeburger Firma Paidlikes, auslesen, weil die Seite offenbar nachlässig programmiert war. Das Unternehmen vermittelt Fanseiten im Auftrag seiner Kunden an sogenannte Clickworker - Internetnutzer vorwiegend aus Deutschland, die gegen Zahlung von Cent-Beträgen "Gefällt mir"-Angaben vergeben.

Grauzone: Beliebtheit nur vorgegaukelt

Für die, die Likes kaufen, ist es ein Spiel mit dem Feuer, denn Influencer und Unternehmen machen sich unter Umständen dadurch strafbar, weiß Anwältin Scarlett Lüning. Der Grund: Kunden würde durch gekaufte Likes Beliebtheit und Seriosität vorgegaukelt, die nicht echt ist. Die Rechtsbegriffe dafür: Irreführung und Wettbewerbsverzerrung.

Die Käufer: Die Branchen im Überblick

Dennoch finden sich in der Paidlikes-Liste Fanseiten und Kanäle aus allen Bereichen: Gut ein Drittel der Links, für die Likes gekauft wurden, führen zu Dienstleistern, Künstlern und Produkten aller Art.

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Auch Politiker und Verbände aller großen politischen Parteien stehen in der Liste: CDU/CSU sowie FDP jeweils 17 Mal, SPD 14 Mal, AfD 11 Mal und die Grünen und die Linke drei Mal. Auf Anfrage konnten sich viele den Kauf nicht erklären oder meldeten sich gar nicht zurück.

Wer die Likes für die Profile und Postings gekauft hat und wie viele die Käufer in Auftrag gegeben haben, geht aus der Liste nicht hervor. Das Unternehmen Paidlikes erklärte, es schlage seinen Clickworkern gelegentlich auch bestimmte Seiten zum Liken vor, ohne dass die Seiteninhaber davon wussten oder diese dafür gezahlt haben.

Wiederholungstäter: Hunderte Male in der Liste

Einige der Seiten tauchen mehrere Hundert Mal in der Liste auf. Auf Nachfrage konnten die Seitenbetreiber keine Erklärung für die gekauften Likes geben: Ein Fitnesstrainer aus Bayern erklärt, er habe das an eine externe Agentur ausgelagert. Und auch eine Kinderwunschklinik sowie die Filialen einer Autohauskette verweisen an ihre Social-Media-Agenturen oder wollten keine Stellung nehmen.

NDR, WDR und "Süddeutsche Zeitung" haben insgesamt rund 70 Seiteninhaber kontaktiert, elf gaben den Kauf von Likes zu, der Rest streitet ab, hat keine Erklärung oder ging nicht auf unsere Anfragen ein.

FDP-Politikerin: "Ich wollte meine Reichweite erhöhen"

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FDP-Kommunalpolitikerin Tanja Kühne würde nicht noch einmal Likes kaufen.

Eine Politikerin, die offen mit dem Like-Kauf umgeht, ist Tanja Kühne (FDP) aus dem niedersächsischen Walsrode. Sie hat 2018, im Jahr nach der Landtagswahl, 500 Likes für 80 Euro gekauft - für ihre Facebook-Seite, erinnert sie sich: "Ich wollte meine Reichweite erhöhen." Bekannte hätten ihr empfohlen, Likes zu kaufen, um die Zahlen aufzuhübschen.

Das habe aber am Ende für sie nicht funktioniert, räumt die Kommunalpolitikerin ein. Auf einmal hätten Menschen aus ganz Deutschland auf ihrer Seite den Gefällt mir"-Knopf gedrückt, da sei ihr mulmig geworden. Sie würde es nicht noch einmal tun.

"Manipulation der Meinung im öffentlichen Raum"

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Tobias Schmid, Direktor der Landesanstalt für Medien NRW, findet Like-Käufe von Politikern problematisch.

Tobias Schmid ist Direktor der Landesanstalt für Medien NRW. Er verurteilt den Kauf von positiven Reaktionen gerade im politischen Bereich: Für ihn sei das die problematischste Gruppe der Like-Käufer. "Ich versuche in diesem Fall auf die allgemeine Meinungsbildung Einfluss zu nehmen, sodass ein Dritter denkt: 'Ach guck mal, so viele finden seine Aussagen gut'", erklärt er und fügt hinzu: "Das ist Manipulation der Meinung im öffentlichen Raum."

TV-Bekanntheiten: "Likes kaufen, das machen alle"

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Die gekauften Likes bereiteten der TV-Familie Lochmann hinterher eher Schwierigkeiten.

Auch die TV-Familie Lochmann, die ihr Familienleben regelmäßig im TV und in sozialen Medien präsentiert, findet sich in der Liste. Vater René spricht offen über die Like-Käufe: Er kenne sich nicht aus und habe deshalb auf die Tipps seines Umfelds gehört und ganze Like-Pakete gekauft, damit die Social-Media-Kanäle wachsen. "Wir waren naiv", sagt er heute.

Facebook: "Niemand mag unechte Likes"

YouTube und Facebook verurteilen das Geschäftsmodell des Magdeburger Like-Verkäufers. Ein Google-Sprecher betont, der Konzern investiere weiterhin in Technologien, um künstliche Aufblähung der Reichweite eines Videos zu verhindern. "Wir stoppen alle Kanäle, die versuchen, unsere Systeme zu umgehen", heißt es in einem ersten Statement.

Auch Facebook bewertet das Vorgehen kritisch. Ein Unternehmenssprecher erklärt: "Niemand mag unechte Likes, Kommentare oder Abonnenten." Täglich würde der Konzern Millionen Fake-Accounts löschen: "Wenn wir Anbieter und Accounts identifizieren, die anbieten, durch unechte Likes, Kommentare und Abonnenten die Popularität eines Accounts oder Profils zu vergrößern, entfernen wir diese", erkärt ein Unternehmenssprecher.

Und setzt die Worte direkt um: Denn Paidlikes wertet die Klicks seiner Nutzer über eine App aus, die sich als Persönlichkeitstest ausgibt. Jetzt, nach Anfrage des NDR, WDR und der "Süddeutschen Zeitung", hat Facebook die Schnittstelle abgeschaltet und behält sich vor: "Menschen oder Services, die wiederholt unsere Richtlinien verletzen, werden dauerhaft gesperrt und wir behalten uns vor, rechtliche Schritte gegen sie einzuleiten."

Paidlikes-Chef sieht keinen Betrugsversuch

Für Paidlikes-Chef Alexander Räss hingegen ist die Sehnsucht nach Ruhm im Netz ein legales und legitimes Geschäftsmodell: Den Vorwurf des Betrugs kann er nicht nachvollziehen und auch als Augenwischerei möchte er sein Geschäftsmodell nicht sehen. "Der nachhaltige Aufbau von neuen Fans, Followern oder Reichweite ist nicht als unlauter zu werten, da die Vergabe von sozialen Interaktionen auf Freiwilligkeit beruht: Teilnehmer auf Paidlikes können angezeigte Kampagnen mit 'Gefällt mir', 'Folgen', 'Abonnieren' oder einem Herz markieren." Gefalle den Teilnehmern eine Seite nicht, oder möchten sie aufgrund des dargebotenen Inhalts keine Interaktion abgeben, so könnten sie die Kampagne auch ausblenden.

Gekaufte Likes: Ein kaputtes Bewertungssystem?

Das Problem, das der norddeutsche TV-Familienvater René Lochmann sieht: "Jeder kauft Likes. Das ganze System auf den sozialen Netzwerken ist so gepusht, dass es ohne scheinbar nicht mehr geht." Er beschreibt ein korrumpiertes Bewertungssystem: Statt sich die Liebe der Fans zu erarbeiten, sich den Applaus wirklich zu verdienen, kaufen sich Firmen, Influencer, Organisationen und auch Politiker Zuneigung für ein paar Euro - und erschüttern so das Vertrauen, das Likes, Fans und Follower in der Welt der sozialen Medien eigentlich vermitteln sollten.

Anmerkung der Redaktion: Auch ein Link zur Webseite von NDR.de befindet sich in der Liste. Dies war dem NDR nicht bekannt, bevor die Liste vorlag. Der NDR bezahlt grundsätzlich nicht für Likes und nimmt keine Hilfe von Firmen wie Paidlikes in Anspruch.

Weitere Informationen
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"Gefällt mir": Das Geschäft mit den gekauften Likes

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Dieses Thema im Programm:

Panorama | 19.12.2019 | 21:45 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/nachrichten/info/Gekaufte-Likes,paidlikes124.html

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