Stand: 18.06.2020 06:20 Uhr

Umfrage bei Eltern: Stress durch Homeschooling

von Isabel Lerch

An normalen Schulunterricht ist trotz diverser Lockerungen immer noch nicht zu denken. Deshalb müssen Eltern ihren Nachswuchs weiterhin - wie ja bereits schon seit mehreren Monaten - selbst zu Hause unterstützen. Wie gehen Eltern in Norddeutschland mit dieser Herausforderung um? Der NDR hat dafür eine Online-Umfrage durchgeführt, an der mehr als 2.500 Menschen in ganz Norddeutschland teilgenommen haben.

Mehr als 70 Prozent der befragten Eltern sind mit der aktuellen Betreuungssituation ihrer Kinder nicht oder eher nicht zufrieden. Die NDR Umfrage ist zwar nicht repräsentativ, doch sie zeigt: Enttäuschung und Stress sind bei Eltern sehr groß, denn in der Corona-Pandemie müssen sie häufig arbeiten und gleichzeitig ihre Kinder zu Hause betreuen. Ein Elternteil beschreibt seinen Frust: "Was gut läuft? Nichts! Die Alltagsstrukturen sind weggebrochen, das Kind wird von A nach B geschoben und die Leistungen sind mittlerweile auch im Keller. Wir als Eltern bangen permanent um unseren Job."

Doppelbelastung durch Homeoffice und Kinderbetreuung

Es sind vor allem die Mehrfachbelastungen, die Eltern zu schaffen machen. So berichtet ein sichtlich erschöpft klingender Umfrage-Teilnehmender: "Ich fühle mich sehr zerrissen, weil ich mit zwei Tagen Notbetreuung und drei Tagen Homeoffice niemanden gerecht werden kann. Ich laufe ständig den Bedürfnissen und Anforderungen von Familie, Beruf, Haushalt und sonstigen Aufgaben hinterher. Ich komme mir manchmal wie ein Roboter vor."

Eine Mutter macht ihren beiden Kundern Schulaufgaben © picture-alliance/dpa Foto: Mascha Brichta

AUDIO: Corona-Umfrage: Eltern durch Homeschooling gestresst (3 Min)

Einige Eltern sind zufrieden mit aktueller Situation

Obwohl insgesamt die Berichte über Erschöpfung, Überforderung, Stress, familiäre Reibereien und fehlende Motivation bei den Kindern überwiegen, gibt es auch andere Stimmen. So ist knapp ein Drittel der befragten Eltern zufrieden oder eher zufrieden mit der aktuellen Situation: "Die Kinder sind ausgeglichener, der Familienalltag ist entspannter, sie lernen mehr als zu Schulzeiten."

Unterschiede bei der Anzahl der Betreuungsstunden

Ein Blick in die Umfrage-Ergebnisse verrät, dass sich die Anzahl der Betreuungsstunden zum Teil stark unterscheidet. So wurde laut NDR Umfrage die Hälfte der Kinder bis zu fünf Stunden die Woche betreut - doch es gibt auch Fälle mit 30 Stunden pro Woche.

Kritik am Stand der Digitalisierung in den Schulen

Ein anderes Thema, das die teilnehmenden Eltern beschäftigt: die Digitalisierung in den Schulen. Eine frühere Umfrage von NDR Info hatte zum Ergebnis, dass digitaler Unterricht noch sehr selten im Norden stattfindet. Außerdem treten die meisten Lehrkräfte vor allem über E-Mail mit ihren Schülerinnen und Schülern in Kontakt. 

Weitere Informationen
Ein Junge löst am Computer in seinem Kinderzimmer Aufgaben, die ihm seine Lehrer geschickt haben. © picture alliance/dpa Foto: Ulrich Perrey

Schlechte Noten für digitalen Unterricht

Norddeutschland ist bei der Digitalisierung der Schulen abgehängt: Nach NDR Recherchen findet in der Corona-Zeit kaum digitaler Unterricht statt. Lehrer kommunizieren vor allem per E-Mail. mehr

In der aktuellen Umfrage zeigen sich die befragten Eltern oft frustriert darüber, dass die digitalen Möglichkeiten nicht voll ausgeschöpft werden. So findet ein Befragter, dass die digitale Infrastruktur in Niedersachsen "Dritte-Welt-mäßig ohne Aussicht auf Besserung" sei. Andere Eltern beklagen, dass die Lehrkräfte teils nur schwer zu erreichen sind oder dass es oft nur wenig Informationen von Seiten der Schulen gibt. Eine Kritik war, dass einige der Lehrer und Lehrerinnen die Aufgaben nicht nach Plan liefern würden und dadurch sei es schwer den Tagesablauf für das Kind zu strukturieren. Durch die unterschiedliche Qualität der Aufgaben und des Engagements der Lehrerinnen und Lehrer werde man zwangsweise zum Hilfslehrer: "Homeoffice ist dadurch kaum möglich."

Die NDR Umfrage zeigt: Die große Mehrheit der befragten Eltern wünscht sich eine Rückkehr zur Betreuung in Kitas und Schulen. Knapp ein Viertel ist der Ansicht, dies sollte nur mit Abstand und in kleinen Gruppen passieren. Doch mehr als die Hälfte der Befragten wünscht sich den normalen Schulbetrieb zurück - und zwar für alle Schülerinnen und Schüler.

Methode der Umfrage zur Kinderbetreuung

In der NDR Umfrage "Corona: Kinderbetreuung in Kita und Schule" haben wir im Zeitraum vom 2. bis zum 14. Juni 2020 online die aktuelle Situation der Kinderbetreuung abgefragt. Die Umfrage ist nicht nach wissenschaftlichen Standards durchgeführt worden und ist daher nicht repräsentativ. Insgesamt wurden 8.253 Antworten eingereicht, von denen allerdings nur 2.585 vollständig waren. Die Auswertung der Umfrage erfolgte ausschließlich auf der Grundlage dieser vollständigen Antworten. Methodisch setzte sich die Umfrage aus qualitativen und quantitativen Elementen - in Form von offenen und geschlossenen Fragen - zusammen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 18.06.2020 | 06:20 Uhr

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