Christian Drosten © picture alliance Foto: Christophe Gatea

Corona-Podcast: Auch Drosten für harten Weihnachts-Lockdown

Stand: 08.12.2020 21:48 Uhr

Im NDR Info Podcast "Coronavirus-Update" setzt sich der Virologe Christian Drosten für einen harten Lockdown ab dem 24. Dezember ein. Zudem sollten die Schulen im neuen Jahr auf geteilte Klassen umstellen.

von Marc-Oliver Rehrmann

"Wir müssen in Deutschland jetzt unbedingt etwas tun", sagt Christian Drosten in der neuen Podcast-Folge des "Coronavirus-Update". Besser sei es, noch in diesem Jahr zu handeln, "als dann Ende Januar und im gesamten Februar in einen richtigen Lockdown zu gehen, der die Wirtschaft massiv schädigt". Der Virologe der Berliner Charité hat deshalb auch die Stellungnahme der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina unterschrieben, die an diesem Dienstag veröffentlicht wurde - unter dem Titel: "Die Feiertage und den Jahreswechsel für einen harten Lockdown nutzen".

Leopoldina: Keine Schulpflicht, Homeoffice und Geschäfte zu

Dort heißt es: "Aus wissenschaftlicher Sicht ist es unbedingt notwendig, die weiterhin deutlich zu hohe Anzahl von Neuinfektionen durch einen harten Lockdown schnell und drastisch zu verringern." Konkret empfohlen wird: "Ab dem 14. Dezember 2020 sollte die Schulpflicht aufgehoben und nachdrücklich zur Arbeit im Homeoffice aufgefordert werden. Ab dem 24. Dezember 2020 sollten zusätzlich alle Geschäfte schließen, die nicht der Versorgung mit Lebensmitteln, Medikamenten und anderen lebensnotwendigen Waren dienen. Soziale Kontakte sollten auf einen sehr eng begrenzten Kreis reduziert werden."

Das Coronavirus © CDC on Unsplash Foto: CDC on Unsplash
AUDIO: Die neue Podcast-Folge: Harter Lockdown jetzt? (117 Min)

Drosten: Eine letzte Warnung der Wissenschaft

Drosten bezeichnete das Leopoldina-Papier auf NDR Info als "deutliche und letzte Warnung der Wissenschaft". Wenn die Politik sich gegen die darin enthaltenen konkreten Empfehlungen entscheide, "dann hat sich die Politik auch nicht mehr für die Wissenschaft entschieden".

Die Wahrscheinlichkeit, dass in den Weihnachtsferien die Zahl der Infektionen steigt, sei sehr groß. Deshalb sei es wichtig, die Ferienzeit für einen harten Lockdown bis zum 10. Januar zu nutzen. Denn: Während beim ersten "Lockdown" im Frühjahr die Kontakte in der Bevölkerung um 63 Prozent zurückgefahren wurden, sind es dem Datenmaterial der Leopoldina-Stellungnahme zufolge im aktuellen Lockdown nur 43 Prozent. "Das ist zu wenig, um die Infektionszahlen dauerhaft niedrig zu halten", sagt Drosten. Ziel sollte eine Kontakt-Reduzierung um 75 Prozent sein.

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Eine Zehn-Tage-Quarantäne vor Weihnachten

Aus Sicht von Drosten sollten Familien, die weit voneinander entfernt leben, sich fragen, ob sie sich in diesem Jahr unbedingt zu Weihnachten sehen müssen. Wer ältere Menschen besuchen möchte, sollte sich am besten vorher zehn Tage in Quarantäne begeben. Deshalb lautet auch die Empfehlung der Leopoldina an die Politik, die Schulpflicht ab Montag, den 14. Dezember auszusetzen. So könnten diejenigen Familien, die zu Weihnachten Verwandte treffen wollen, eine vorsorgliche Quarantäne einlegen. Ideal sei es, so Drosten, dann am Ende der Quarantäne und unmittelbar vor einem Weihnachtstreffen einen Antigen-Schnelltest zu machen. "Viel sicherer kann man es dann nicht mehr haben", meint der Virologe.

Corona-Schnelltests haben nur einen Tag Gültigkeit

Zu beachten sei allerdings, dass ein Schnelltest-Ergebnis nur für einen Tag Gültigkeit hat. "Am besten wäre es also, man testet sich bei einem mehrtägigen Familientreffen jeden Morgen", fügt Drosten hinzu.

Wer sich mit Symptomen wie Schnupfen oder Halsschmerzen einem Antigen-Test unterziehen möchte, sollte dies besser ab dem zweiten Tag der Symptome machen. So empfiehlt es der Coronavirus-Experte. Dann sei das Ergebnis noch genauer. Nach einem positiven Antigen-Test sollten die Betroffenen einen PCR-Test folgen lassen, um Klarheit zu erhalten.

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Coronavirus an Schulen: Besser geteilte Klassen

Drosten macht sich auch dafür stark, dass nach dem Jahreswechsel der Unterricht an den Schulen nicht wie bislang weiterläuft. "Ich will kein Prediger für Schulschließungen sein", sagt er in dem Podcast. "Ich finde es sehr wichtig, dass der Schulbetrieb aufrechterhalten wird." Aber man müsse sich der Realität stellen, dass die Schulen auch Teil des Infektionsgeschehens seien.

Unterricht: Am besten wäre ein 14-tägiger Wechsel der Gruppen

Der Virologe regt deshalb an, dass die Klassen in zwei Hälften geteilt werden. "Teilt man eine Klasse in zwei Teile, verhindert man die Hälfte der Infektionen." Dann könnte eine Gruppe vormittags und die andere nachmittags in der Schule unterrichtet werden. "Am besten wäre aber ein 14-tägiger Wechsel der Unterrichtsgruppen, weil so die eine Gruppe immer eine Art zweiwöchige Quarantäne hätte", meint Drosten.

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Die Freizeit-Kontakte der Schüler im Blick

Wie sollten die Klassen in zwei Gruppen aufgeteilt werden? Am simpelsten wäre eine alphabetische Lösung oder eine Trennung nach Geschlechtern. Drosten bringt jedoch eine andere Auswahl ins Spiel. Das mit Abstand sinnvollste Vorgehen wäre einer sozialwissenschaftlichen Simulation aus Deutschland und den USA zufolge, die Freizeit-Kontakte der Jungen und Mädchen zu berücksichtigen. Wer sich außerhalb der Schule trifft, sollte auch gemeinsam in einer Unterrichtsgruppe sein. "Bei dieser Optimal-Lösung werden die Kontakte zwischen beiden Gruppen auf 17 Prozent reduziert", sagt Drosten. Kontakte außerhalb der Schule sollten weiterhin möglich sein.

Am wichtigsten sei es, diese Maßnahmen an den weiterführenden Schulen - also in den höheren Altersgruppen - einzuführen. "Wenn man es irgendwo weiterlaufen lassen möchte, dann an den Grundschulen", sagt Drosten.

Trotz Impfstoffen: "Pandemie nicht voreilig für beendet erklären"

Mit Blick auf die erste Coronavirus-Impfung in Großbritannien warnt Drosten vor zu viel Euphorie. "Es wird nicht so sein, dass hierzulande bis Ende Januar ganz viele Leute in der Bevölkerung geimpft sind." Noch sei unklar, welche Liefermengen der jeweiligen Impfstoffe in den kommenden Wochen und Monaten zu erwarten sind. Zudem dürfe nicht der Fehler begangen werden, die Pandemie im Sommer voreilig für beendet zu erklären - "nur weil zuvor die meisten Menschen mit Risikofaktoren geimpft worden sind".

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NDR Info | 08.12.2020 | 17:00 Uhr

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