Das Hauptgebäude der Uni Hamburg © NDR Foto: Lennart Bannholzer

Uni Hamburg: Der lange Weg aus der Pandemie

Stand: 30.10.2021 18:17 Uhr

Die Pandemie-Notlage soll nach dem Willen der Ampel-Parteien in knapp einem Monat enden. Harte Maßnahmen wie etwa Schulschließung oder Lockdowns seien mittlerweile unverhältnismäßig. An manchen Orten dauert der Weg zurück in die Normalität lange. So zum Beispiel an der Universität Hamburg.

von Lennart Banholzer

In der Pony Bar findet heute ein Konzert statt - zum ersten Mal seit Beginn der Corona-Pandemie. Die Kneipe liegt direkt am Campus der Hamburger Universität. Unter den Gästen sind üblicherweise viele Studierende. Die Zeit während und nach dem Lockdown war hart, erzählt der Besitzer Joy Kirchhoff: "Wir hatten hier fast zwei Jahre lang einfach gähnende Leere. Nachbarn waren da." Ein paar Angestellte der Uni seien da gewesen. "Aber eben keine jungen Leute."

Menschen in der Pony Bar nahe des Campus der Uni Hamburg © NDR Foto: Lennart Bannholzer
Seitdem die Pony Bar die 2G-Regel nutzt, ist wieder gut was los - ohne Masken und Abstand.

Das hat sich mittlerweile geändert. Gerade kontrolliert Kirchhoff am Eingang seiner Bar Impfausweise. Bei ihm ist wieder gut was los - vor allem, weil es seit ein paar Wochen an der Uni wieder Präsenzveranstaltungen gibt. "Es geht in Richtung Normalität", sagt der Barbesitzer. Die Einführung der 2G-Regel in Hamburg habe geholfen. Seitdem könnten wieder fast normale Bar-Abende stattfinden - ohne Maske, ohne Schutzscheiben, ohne Abstand. "Das ist schon geil."

Viele Lehrveranstaltungen immer noch online

Aber während das Nachtleben am Campus mittlerweile fast wie früher ist: Normales Studieren bleibt für viele weit entfernt. Denn viele Lehrveranstaltungen der Universität Hamburg finden noch immer online statt. Eigentlich hatte die Universität im September angekündigt: Nach zwei komplett digitalen Semestern sollen jetzt wieder zwei Drittel der Lehrveranstaltungen in Präsenz stattfinden. Doch viele Studierende sitzen weiter viel vor dem Laptop.

Bei Studentin Johanna, die heute in der Pony Bar zu Gast ist, ist die Hälfte der Lehrveranstaltungen online. Sie findet: Wenn Bars und Clubs normal öffnen können, müsste da eigentlich mehr gehen. "Ich hab das Gefühl, dass wir in dieser ganzen Krise so ein bisschen vergessen wurden. Und ich glaube, dass da gerade psychisch ziemlich viel kaputt gegangen ist."

"Genauso demotiviert wie die letzten Semester"

Student Jan Mozdzanowski steht auf dem Campus der Uni Hamburg. © NDR Foto: Lennart Bannholzer
Student Jan Mozdzanowki ist frustriert, dass sein Studium immer noch weitgehend digital stattfindet.

Für andere Studierende hat sich bisher gar nichts geändert. Student Jan studiert im dritten Semester Bildungswissenschaft. Er ist heute zwar in der Uni, könnte aber genauso gut die ganze Woche zu Hause sein, da fast alle Lehrveranstaltungen digital stattfinden würden - entgegen der Ankündigung der Uni. "Und dementsprechend ist die Motivation am Boden", sagt Jan. Er sei genauso demotiviert wie die letzten Semester. "Obwohl mich das Fach unglaublich interessiert und es so wichtig ist."

Digital studieren, das heißt für ihn seit eineinhalb Jahren: am Laptop aufgezeichnete Vorlesungen anschauen, Seminare online im Video-Chat haben, und vor allem: viel alleine sein. Das habe ihn krank gemacht. "Es ist sehr schwer, Kontakte zu finden, wenn alles online stattfindet", sagt er. "Und man nicht einmal, wenn eine Veranstaltung vorbei ist, sagen kann: Wollen wir mal ein bisschen schnacken? Wollen wir was trinken gehen? Oder wollen wir Nummern austauschen?" Stattdessen werde der Laptop zugemacht und dann seien alle weg.

Uni kann nicht sagen, wie viele Präsenz-Seminare es gibt

Auch Kommiliton*innen von ihm berichten, dass ein Großteil ihrer Seminare online stattfindet. Die Universität Hamburg teilte auf Anfrage mit: Wie viele Veranstaltungen tatsächlich in Präsenz stattfinden, werde nicht zentral erhoben. Außerdem heißt es von der Uni: Ob eine Lehrveranstaltung in Präsenz oder digital stattfindet, entscheiden allein die Lehrkräfte.

"Universität lebt davon, dass Leute zusammenkommen"

Dass viele von ihnen ihre Seminare lieber online abhalten: Jan macht das traurig. Er hätte sich gewünscht, dass die Universität mehr für die Präsenzlehre tut. "Universität ist ein Ort, der davon lebt, dass Leute zusammenkommen." Für ihn sei unverständlich, dass der Lehrbetrieb trotz 3G-Regeln weiter so stark digital dominiert sei.

Um weniger alleine zu sein, hat Jan sich vor Kurzem mit anderen Studierenden zusammengetan. Sie haben sich in der Uni einen Raum gebucht. Und nehmen dort jetzt zusammen an ihren Online-Seminaren teil.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 28.10.2021 | 12:21 Uhr

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