Die Virologin Prof. Dr. Sandra Ciesek © Universitätsklinikum Frankfurt Foto: Ellen Lewis

Podcast über Covid-Spätfolgen: Wenn Beschwerden nicht verschwinden

Stand: 01.12.2020 16:46 Uhr

Covid-19 sei eine multisystemische Erkrankung, sagt die Virologin Sandra Ciesek im NDR Info Podcast Coronavirus-Update. Ein breites Spektrum an Langzeitfolgen beschäftigt die Medizin. Wie viele Patienten betroffen sind, ist unklar.

von Ines Bellinger

Es ist ein Wert, auf den viele in der Coronavirus-Pandemie hoffnungsvoll schauen: die Zahl der Genesenen. Auf mehr als 730.000 schätzt sie das Robert Koch-Institut in Deutschland. Aber sind alle diese Menschen auch wirklich gesund? Eine Frage, die Forscher und praktizierende Mediziner gleichermaßen beschäftigt, denn der Schätzwert des RKI berücksichtigt nicht, ob Menschen möglicherweise an den Spätfolgen einer Coronavirus-Infektion leiden. Diese Daten werden nicht im Meldesystem erfasst.

Das Coronavirus © CDC on Unsplash Foto: CDC on Unsplash

AUDIO: (67) Der lange Schatten des Virus (72 Min)

Covid-19 - eine multisystemische Erkrankung

"Long Covid" nennen Mediziner das Phänomen, wenn Patienten auch vier Wochen nach einer Infektion noch immer Beschwerden haben: Müdigkeit, Kurzatmigkeit, lang anhaltende Kopfschmerzen oder Husten. Für die Betroffenen ist das beunruhigend. Inzwischen sei klar, so Sandra Ciesek, Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt am Main, "dass das nicht eine reine Lungenerkrankung ist, sondern eine sogenannte multisystemische Erkrankung".

Post-Covid-Ambulanz: Manche Ischgl-Fahrer melden sich jetzt noch

Prof.Gernot  Rohde © Universitätsklinikum Frankfurt Foto: -
Der Pneumologe Prof. Dr. Gernot Rohde war in Folge 67 des Podcasts zu Gast.

Sandra Cieseks Kollege Gernot Rohde ist Lungenfacharzt. Er leitet das weltgrößte Forschungsnetzwerk für ambulant erworbene Pneumonie (Lungenentzündung) und die Post-Covid-Ambulanz am Uniklinikum Frankfurt/Main. "Wir haben Patienten, die sich jetzt erst melden, die zu den sogenannten Ischgl-Fahrern gehörten, das ist über ein halbes Jahr her", sagt Rohde im Podcast. Zu ihm kommen aber auch Patienten, die drei oder vier Wochen nach einer Infektion merken: Sie sind nicht mehr so leistungsfähig wie früher, "nicht mehr die Alten".

Breites Spektrum an Symptomen

Rohde bestätigt, dass Patienten über ein breites Spektrum an Symptomen berichten, die interdisziplinär behandelt werden müssten: "Corona zeigt ganz andere Bilder als das, was wir von anderen Atemwegsinfektionen kennen." Sogar über Potenzstörungen habe ein relevanter Anteil an Patienten geklagt. Manche hätten psychiatrische Störungen entwickelt, andere kardiologische Probleme, wieder andere neurologische Beschwerden wie Taubheitsgefühle, Schmerzen, eine Beeinträchtigung der Sehkraft oder des Geruchs- und Geschmackssinns.

Forscher finden Viren in der Riechschleimhaut

Letzteres ist ein Symptom, das sich bei Covid-19 schnell manifestiert hat. Neuere Untersuchungen zeigen, dass das Virus selbst die Riechzellen und den Riechkolben, also Teile des Gehirns, infizieren kann. Wissenschaftler der Berliner Charité haben mögliche neurologische Symptome nach einer Sars-CoV-2-Infektion in einer Studie erforscht, die gerade in der Fachzeitschrift "Nature Neuroscience" veröffentlicht wurde. Die Wissenschaftler untersuchten bei 33 an Covid-19 gestorbenen Patienten Riechschleimhaut und Zentrales Nervensystem. "Das Ergebnis dieser Studie ist, dass man vermehrungsfähige Viren in der Riechschleimhaut gefunden hat. Man vermutet, dass der Geruchsverlust und Geschmacksverlust durch eine Infektion in diesem Bereich stattfindet", erläutert Ciesek.

Ein Preprint aus Paris stütze die Annahme, dass sich das Virus sogar über Monate in der Riechschleimhaut vermehren kann, sagt Ciesek. Die Forscher haben bei vier Patienten, die bis zu 200 Tage nichts riechen konnten, beim Nasen-Rachen-Abstrich kein Virus-Genom mehr nachgewiesen, wohl aber in der Riechschleimhaut in den oberen Nasenmuscheln, auf denen Millionen Riechzellen liegen.

Sind Langzeit-Schäden rückgängig zu machen?

Wie lange solche Beschwerden anhalten und ob sie bei allen Erkrankten reversibel sind, wissen die Forscher nach wie vor nicht. Rohde hat in seiner Praxis festgestellt, dass viele Patienten Einschränkungen beim Riechen und Schmecken nur für ein paar Tage haben, andere über eine sehr lange Zeit. "Es gibt Patienten, die noch zur ersten Welle gehörten, die jetzt langsam berichten, dass Teile ihres Geschmackssinns wieder zurückkehren", sagt er.

Auch wie viele Menschen sind von "Long Covid" betroffen sind, ist nicht bekannt. Es gebe eine Untersuchung, so Ciesek, die von 10 bis 20 Prozent der Fälle ausgeht. Sie selbst halte diese Zahlen für zu hoch, weil die Dunkelziffer nicht erkannter Fälle nicht einbezogen worden sei.

Umgang mit Atemwegsinfektionen hat sich gewandelt

Ein Aspekt, der Mediziner außerdem beschäftigt: Empfinden wir vermeintliche Symptome möglicherweise nur, weil wir neuerdings so genau in uns hineinhören? Weil es fast kein anderes Thema mehr gibt - in den Medien, im privaten Umfeld? Langzeitfolgen sind auch bei anderen Viruserkrankungen nicht ungewöhnlich, finden vermutlich aber weniger Beachtung. "Unser Umgang mit Atemwegsinfektionen hat sich durch Corona sehr stark gewandelt", sagt Rohde. Die Viruserkrankung beeinflusse die Psyche, bewusst oder unbewusst.

Kontaktbeschränkungen möglichst auch zu Weihnachten einhalten

Dass wir dem Virus so viel Aufmerksamkeit schenken, findet Ciesek durchaus auch positiv, denn so werden auch leichte Symptome ernst genommen. Wie Studien gezeigt haben, ist man am ansteckendsten, wenn die Symptome gerade erst beginnen. Umso wichtiger sei es, schon beim ersten Halskratzen oder Kopfschmerzen schnell zu handeln und sich selbst zu isolieren. Vor allem mit Blick auf den Jahreswechsel hofft Sandra Ciesek, dass viele Menschen auf ihre innere Stimme hören, statt ihren Gewohnheiten zu folgen und die über Weihnachten und Silvester gelockerten Kontaktbeschränkungen auszunutzen. "Jeder muss für sich selbst entscheiden, wie er Weihnachten feiert und ob er das ausreizen will, was möglich ist", sagt die Virologin, denn: "Nicht alles, was uns erlaubt ist von der Politik, ist unbedingt sinnvoll."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Wissenschaft und Bildung | 01.12.2020 | 17:00 Uhr

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