Stand: 26.03.2018 14:10 Uhr

Trotz Erziehermangel kaum Anreize für Berufsanfänger

von Sinje Stadtlich und Katrin Kampling

Die Mitteilung kam im Januar 2018: "Die Stadt Achim kann derzeit organisatorisch die Betreuung von Kindern in der Ganztagsgruppe (...) nur noch bis um 14:00 Uhr gewährleisten." Und zwar ab Februar. Weil Erzieher fehlen, müssen die Eltern am Nachmittag jetzt selbst einspringen. Lena Jäger ist gerade in Elternzeit, deswegen bietet sie oft an, die anderen Kinder gleich mit zu beaufsichtigen. "Lange schaffe ich das aber nicht mehr", sagt sie, "ich will ja auch irgendwann wieder arbeiten." Die Stadt Achim in Niedersachsen weiß um das Problem. Bürgermeister Rainer Ditzfeld schreibt Stellenausschreibung um Stellenausschreibung, allein: Er findet keine Bewerber: "Alle Nachbarkommunen suchen auch - und der Markt ist einfach leer", sagt er.

Viele Kita-Kinder stehen an Tisch und spielen mit Erzieherin. © NDR Foto: Marie Meyer

Erziehermangel: Kaum Anreize für Berufsanfänger

Panorama 3 -

Erzieher werden knapp. Die Folgen: Nachmittagsbetreuung wird gestrichen, in den Kitas gibt es nur Notdienst. Mecklenburg-Vorpommern versucht, in der Ausbildung einen neuen Weg zu gehen.

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Fachkräftemangel überall

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In ganz Norddeutschland fehlen Erzieher.

So wie in Achim sieht es an vielen Orten in Norddeutschland aus. Nachmittagsbetreuung wird gestrichen, einzelne Gruppen vorübergehend geschlossen, Kitas arbeiten immer wieder mit Notdiensten. Dann stehen die Eltern morgens vor der Kita-Tür und werden gebeten, ihre Kinder wieder mitzunehmen, weil nicht genügend Personal da ist. Nach der letzten Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung fehlten im Jahr 2016 in Bremen 20, in Schleswig-Holstein 1.900, in Niedersachsen 3.300, in Hamburg 3.600 und in Mecklenburg-Vorpommern 6.700 Vollzeit-Fachkräfte. Und diese Zahlen sind nur eine Momentaufnahme - berücksichtigt man den weitergehenden Kita-Ausbau und die anstehenden Verrentungen, wären sie noch höher.

Unattraktive Ausbildung

Fragt man Experten, woher dieser dramatische Mangel kommt, werden verschiedene Gründe genannt. Ein wesentlicher ist dabei die Organisation der Erzieher-Ausbildung: Sie dauert normalerweise vier Jahre und wird nicht bezahlt. Das führt dazu, dass Erzieher-Schüler wie Christine Loraj aus Rotenburg (Wümme) neben ihrer Ausbildung noch Nebenjobs haben, um überhaupt über die Runden zu kommen. Nach Christines Arbeitstag in der Kita beginnt um 16 Uhr ihre Schicht im Supermarkt. Kisten auspacken, Ware sortieren, an der Kasse sitzen, für 430 Euro im Monat. "Das schafft man nur, wenn man wirklich unbedingt Erzieher werden möchte", sagt sie.

Reform in Mecklenburg-Vorpommern

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Katja Klug wollte schon immer Erzieherin werden. Seit Mecklenburg-Vorpommern die neue Form der Ausbildung - praxisorientierter und bezahlt - eingeführt hat, kann sie es sich leisten.

Das Land Mecklenburg-Vorpommern hat auf den Erzieher-Mangel reagiert und im Sommer 2017 eine neue Form der Ausbildung eingeführt. Sie ist stärker praxisorientiert, dauert nur drei Jahre, und die Auszubildenden werden bezahlt. Auf genau so eine Form hat Katja Klug seit Jahren gewartet. Sie hat nach der Schule Bankkauffrau gelernt, "weil man da ganz gut verdient". Das hat sie auch, allerdings war sie nie richtig glücklich mit dem Job. "Mein Traum war es schon immer, Erzieherin zu werden - und das kann ich mir jetzt mit der neuen Ausbildung endlich leisten." So wie Katja Klug machen 100 Schüler die neue Form der Ausbildung. Sie werden vorbereitet auf die Arbeit mit 0 bis Zehnjährigen und nicht wie die klassischen Erzieher auf die Arbeit mit 0 bis 27-Jährigen. Deswegen argumentieren Kritiker dieser neuen Ausbildung, sie würden "Schmalspur-Erzieher". Katja Klug kann das nicht verstehen: "Wir werden eben gezielter ausgebildet für Kita und Hort, genau da wollen wir ja später auch arbeiten."

Skepsis der anderen Länder

Das Modell aus Mecklenburg-Vorpommern ist bis jetzt noch in den Anfängen, aber es setzt genau am entscheidenden Punkt an: Die Erzieher-Ausbildung attraktiver zu machen. Auch Bremen will ab Sommer 2018 eine ähnliche praxisorientierte Erzieher-Ausbildung anbieten. Hamburg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen lehnen das nach wie vor ab: Sie setzen stattdessen auf die Ausweitung der Plätze für die klassische Ausbildung und bieten vergütete Formen einer Weiterbildung an.  Verkürzen wollen sie nicht - dabei ginge Qualität verloren, Erzieher müssten nach wie vor breit ausgebildet werden.

Die Erfahrung aus Mecklenburg-Vorpommern zeigt jedenfalls bis jetzt: Bezahlung und Verkürzung sind gute Argumente für die angehenden Erzieher. Und von denen brauchen alle Bundesländer dringend mehr.

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Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 27.03.2018 | 21:15 Uhr

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