Stand: 10.01.2018 17:36 Uhr

Bodenbelastung durch Gülle: "Zeitdruck extrem"

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Niedersachsen ist das Bundesland mit der höchsten Viehdichte.

In Niedersachsen und Schleswig-Holstein müssten mehrere Hunderttausend Nutztiere aus dem Bestand abgebaut werden, um die Güllebelastung und damit auch die Stickstoffbelastung des Grundwassers auf ein normales Maß zu reduzieren und die Trinkwasserkosten stabil zu halten. Das ist die zentrale Forderung des "Fleischatlas 2018", den der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), die Heinrich-Böll-Stiftung und die Zeitung "Le Monde Diplomatique" am Mittwoch veröffentlicht haben.

Im vergangenen Jahr entstanden in Deutschland laut der Studie 208 Millionen Kubikmeter Gülle in der Nutztierproduktion - etwa 60 Millionen entstehen jährlich in Niedersachsen. Vor allem im Westen Niedersachsens und in Schleswig-Holstein ist die Gülle vielerorts zu viel für die Äcker und Weiden. Können sie die Nährstoffe nicht aufnehmen, verunreinigen diese das Grundwasser. "Wir haben das Problem, das ist allen klar", sagte Niedersachsens Agrarministerin Barbara Otte-Kinast im Interview mit NDR.de.

Futter für die Tiere vor Ort anbauen

Die Studienmacher schlagen vor, überall flächengebundene Tierhaltung einzuführen. "Das heißt, dass die Tiere vor Ort ernährt werden und somit Futtermittel-Importe abgebaut werden", sagte Karin Wenz, Studienleiterin vom BUND. Um dies umzusetzen, müsste der Bestand allerdings stark reduziert werden. Zudem fordern die Studienmacher verbindliche Werte für die Futterproduktion und Nährstoffausbringung.

Von der neuen Landesregierung in Hannover verlangt das Bündnis daher ein Konzept für den Abbau der Tierbestände. "Wir wissen, dass es nicht so einfach möglich ist", erklärte Wenz NDR.de. Aber die "Hot Spots" der Tierhaltung müssten abgebaut werden. "Oder besser verteilt." Dies sei Aufgabe der Politik.

Maximal zehn Schweine pro Hektar

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666,6 Masthähnchen entsprechen in der Rechnung zehn Schweinen.

Die Studie macht einen Vorschlag für eine sowohl umwelt- als auch tierfreundliche Fleischproduktion in Deutschland. Demnach sollten sich die Betriebe an die Obergrenze von zwei Großvieheinheiten pro Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche (GV/ha) halten. Zwei GV entsprechen zwei Kühen, zehn schlachtreifen Schweinen oder 666,6 Masthähnchen.

Die meisten Landkreise Deutschlands unterschreiten diesen Wert - im Westen und Norden Niedersachsens sowie in Schleswig-Holstein liegen einige Landkreise allerdings weit über diesem Richtwert für ökologische Landwirtschaft: Vechta mit 3,64 GVE/ha, gefolgt von Cloppenburg (3,05) und der Grafschaft Bentheim (2,55). Allein in diesen plus den Landkreisen Emsland und Osnabrück müssten laut Studie 335.000 Großvieheinheiten abgebaut werden - das entspricht 3,35 Millionen Schweinen. In Schleswig-Holstein liegen acht Gemeinden über dem Richtwert: Nordfriesland, Schleswig-Flensburg, Dithmarschen, Rendsburg-Eckernförde, Plön, Steinburg, Segeberg und Pinneberg.

Ministerin setzt auf Verteilung des Düngers

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"Mir ist es lieber, das Fleisch wird in Niedersachsen produziert, denn hier kenne ich Schlachthöfe und Tiertransporte", sagt die niedersächsische Landwirtschaftsministerin Otte-Kinast.

Neue Betriebe müssten sich bereits an flächengebundene Tierhaltung halten, sagte Niedersachsens Landwirtschaftsministerin Otte-Kinast. Bestehende Betriebe überschreiten jedoch die Werte. "Stallgrößen zu verringern um Dünger zu reduzieren ist nicht einfach. Die Betriebe haben Bestandsschutz. Das würde ich nicht anfassen wollen." Sie setzt auf eine bessere Verteilung des Düngers in Niedersachsen, um die Bodenbelastung zu verringern. Dazu würden in diesen Tagen Abstimmungen mit dem Umweltministerium beginnen. Gemeinsam mit Gülleproduzenten, - abnehmern, Transporteuren und Landwirten von Ackerregionen sollen bis nach der nächsten Ernte Ideen erarbeitet werden. Auch Landwirte im wenig betroffenen Süden Niedersachsens müssten stärker für die Problematik sensibilisiert werden. "Der Zeitdruck ist extrem."

Weniger Futtermittel-Importe nötig

Die flächengebundene Tierhaltung würde zudem zu weniger Futtermittelimporten führen. In der Studie heißt es: "Für kein anderes Konsumgut der Welt wird so viel Land benötigt wie für die Herstellung von Fleisch und Milch. Obwohl nur 17 Prozent des Kalorienbedarfs der Menschheit von Tieren stammt, benötigen sie 77 Prozent des globalen Agrarlands." Die Folgen seien ausgelaugte Böden, Wasserknappheit, Chemieeinsatz und damit zunehmende Ungleichheit und Hunger in den Produktionsländern von Soja und anderen Futtermitteln.

Verpflichtende Fleischkennzeichnung

Die Studienmacher wünschen sich zudem, dass EU-Agrarubventionen vor allem für ökologische Landwirtschaft ausgegeben werden und eine verpflichtende Fleischkennzeichnung den Verbraucher über die Art der Haltung informiert. Eine Abgabe auf Stickstoffüberschüsse durch Überdüngung könnte die Reduzierung des Bestandes unterstützen.

Pro Jahr isst jeder Deutscher im Schnitt etwa 60 Kilogramm Fleisch, meistens vom Schwein. Die Deutschen Gesellschaft für Ernährung empfiehlt bis zu 600 Gramm Fleisch pro Woche - das wären etwa 30 Kilogramm pro Jahr. Ministerin Otte-Kinast wünscht sich, dass Verbraucher mehr Wert auf Qualität legen. "Wir müssen darüber reden, dass Fleisch seinen Preis hat und auch in Kita und Schule erklären, dass so viel Fleisch nicht gesund und nicht gut für das Klima ist."

Bauernverband will klimafreundlicher produzieren

Auch der Bauernverband bekräftigte, dass die Landwirte die Erzeugung klimaschonender machen wollen. Düngemittel sollen zukünftig präziser eingesetzt und mehr Gülle in Biogasanlagen verwertet werden, heißt es in einer Mitteilung vom Dienstag. "Wir stehen zu unserem ehrgeizigen Ziel, die Emissionen an Treibhausgasen aus der Landwirtschaft um 30 Prozent bis 2030 gegenüber 1990 zu senken", sagte Bauernpräsident Joachim Rukwied.

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NDR Info | Aktuell | 10.01.2018 | 12:45 Uhr

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