Stand: 14.09.2018 17:33 Uhr

Bloß nicht an die nächste Finanzkrise denken

Der Zusammenbruch der US-Investment-Bank Lehman Brothers vor zehn Jahren sorgte für eine weltweite Finanzkrise riesigen Ausmaßes. 30 Milliarden Euro kostete die Krise alleine den Bund, rechnete Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) am Freitag vor. Sind genug Vorkehrungen getroffen worden, damit sich solche eine Krise wenigstens nicht wiederholen kann?

Ein Kommentar von Jürgen Webermann, NDR Info Wirtschaftsredaktion

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Jürgen Webermann meint, dass die Politik keine ausreichenden Lehren aus der Finanzkrise von 2008 gezogen hat.

Ich fühle mich gerade wie in der Zeit vor 2008, vor der Pleite der Lehman Brothers. Da ist zum Beispiel der Chef der Deutschen Bank, der von seinen Mitarbeitern "mehr Jägermentalität" fordert. Oder der Bundesverband deutscher Banken, der zu viel Regulierung beklagt, das beeinträchtige die Gewinne. Die Geldhäuser in den USA freuen sich über ihren Verbündeten im Weißen Haus, weil er der Deregulierung huldigt, dabei war genau das eine zentrale Ursache des Jahrhundert-Crashs. Der deutsche Finanzminister Olaf Scholz - und man muss es an dieser Stelle noch einmal kurz betonen: ein Sozialdemokrat - beklagt, dass die heimischen Banken zu klein, zu schwach seien. Er findet, dass Deutschland eine mächtige Großbank braucht. Moment mal! Eine Großbank? Too big to fail? Zu groß, um sie fallen zu lassen? Wollten wir nicht genau davon weg, nach 2008?

Niemand kontrolliert die Schattenbanken

Nein, wir sind längst wieder da, wo wir vor der Finanzkrise standen. Es ist so viel Geld im Umlauf, dass niemand mehr weiß, wohin damit. Allein das Universum der Schattenbanken - das sind Investmentfonds, Hedgefonds und Investoren, die auch Kredite vergeben - wächst rasant und umfasst Schätzungen zufolge derzeit 100 Billionen Dollar.

Eine unvorstellbare Zahl, oder? Aber niemand kontrolliert diese Schattenbanken. Sie sind weitgehend unreguliert. Und sie sind nur ein Beispiel dafür, dass die Party der Geldjongleure, der Zocker, der Hochfrequenzhändler, die Milliarden in Millisekunden verschieben, nicht nur weiter geht, sondern dass sie längst wieder bedrohliche Ausmaße annimmt.

Vor einem Haus in den USA steht ein Schild: "For Sale" © picture-alliance/dpa

Bürger haben Rechnung der Finanzkrise bezahlt

NDR Info - Das Forum -

Welche Folgen hatte die Finanzmarktkrise, die 2008 in den USA ihren Ursprung hatte, für die Bürger? In einem NDR Info Forum gehen die ARD-Korrespondenten in den USA dieser Frage nach.

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Finanzkrisen befördern soziale Ungleichheit

Dabei wissen wir genau, was Finanzkrisen anrichten. Die Krise von 2008 kostete jede deutsche Familie 3.000 Euro. 60 Milliarden Euro Steuergelder wurden verbrannt. Bislang, denn es könnten noch mehr werden. Die Verluste der Sparer, deren Vermögen auf den Sparbüchern vom Nullzins angeknabbert werden, und all derjenigen, die ihre Jobs verloren haben, kommen noch hinzu. In den USA mussten zehn Millionen Familien ihre Häuser aufgeben.

Die Durchschnittsamerikaner haben heute weniger Geld als vor 2008. Das passt nicht zu all dem Gerede vom Aufschwung. Nur ein Prozent der Menschen hat mehr denn je - und es ist jenes Prozent, dessen Reichtum ohnehin schon unsere Vorstellungskraft übersteigt.

Finanzkrisen befördern soziale Ungleichheit. Wirtschaftshistoriker sind sich einig, dass sie auch gravierende politische Folgen haben, denn mit ihnen ist der Aufstieg der Rechtspopulisten eng verbunden. Das war nach 2008 nicht anders. Donald Trump, der Brexit, die AfD. Die Krise wirkt in jeder Hinsicht nach.

Nullzins-Politik hat den Finanzmarkt aufgebläht

Und doch wägen wir uns in falscher Sicherheit. Wir freuen uns über jeden neuen Rekordstand des Dax, obwohl auch der vor allem mit der Nullzins-Politik zu tun hat. Auch diese Politik des billigen Geldes hat den Finanzmarkt regelrecht aufgebläht.

Es gibt zwar mahnende Stimmen, die vor einem neuen Finanzcrash warnen. Aber sie dringen kaum durch, ihre Warnungen sind zu abstrakt. Es weiß ja niemand, wer oder was den nächsten Crash auslösen oder wann er kommen wird.

Was wir aber wissen ist, dass Regierungen und Zentralbanken nach Jahren der Nullzins-Politik einer neuen Finanzkrise nicht mehr viel entgegenzusetzen hätten. Und unsere Demokratien wirken seit der letzten Finanzkrise auch nicht mehr besonders wehrhaft. Die Folgen eines neuen Crashs, ich möchte sie mir nicht ausmalen.

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NDR Info | Kommentar | 14.09.2018 | 17:08 Uhr

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