Altstadt von Hitzacker © picture alliance / DUMONT Bildarchiv | Gerald Haenel

Sommerliche Musiktage Hitzacker: Geschichte(n) des Festivals an der Elbe

Stand: 31.07.2021 12:00 Uhr

Die Sommerlichen Musiktage Hitzacker sind das älteste Kammermusik-Festival Deutschlands. Ein Rückblick auf über 75 Jahre Kammermusik an der Elbe.

von Raliza Nikolov

Seit 1946 ist es so, und auch Corona konnte es nicht stoppen: Immer Ende Juli/Anfang August ist Hitzacker, der verträumte Ort an der Elbe, eine gute Woche lang erfüllt von Klängen unterschiedlichster Art und wird zu einem Platz der Begegnung und des intensiven Austauschs.

Das besondere Profil des ältesten Kammermusik-Festivals in Deutschland war von Anfang an geprägt von der Idee, alte und neue Kammermusik zusammenzuführen, dieses Prinzip hat sich bis heute erhalten, wurde aber immer wieder auf originelle Weise neu interpretiert. Anfangs organisierte die Stadt Hitzacker das Festival, der Berliner Cellist Hans Döscher war der erste Künstlerische Leiter, von 1946 bis zu seinem Tod 1971 - und ihm sollten (fast) immer Musikerinnen und Musiker folgen, eine Besonderheit in Hitzacker.

"Schwitzacker" - ein Ort zum Verlieben

1951 gab die Stadt Hitzacker die Verantwortung für das Festival ab, Hans Döscher setzte sich für die Gründung der "Gesellschaft der Freunde der Sommerlichen Musiktage Hitzacker" ein - der ehrenamtlich agierende Verein besteht seit Februar 1951, die erste Sitzung fand in dem Tanzsaal eines Hotels mit schönstem Blick auf die Elbe statt.

Der Saal ist erhalten geblieben, dort fanden viele Konzerte statt, was man sich heute nur schwer vorstellen kann, so schlicht und akustisch wie klimatisch wenig einladend ist dieser Raum. Nicht zuletzt dort etablierte sich das geflügelte Wort von "Schwitzacker".

Schlagzeilen mit Monteverdis "Orfeo"

Wie vielfältig das Programm schon in den Anfangsjahren war, zeigt das Beispiel der Aufführung von Claudio Monteverdis Oper "Orfeo" 1955. Die Deutsche Grammophon veröffentlichte die Aufnahme - der kleine Ort an der Elbe fand überregional Beachtung.

Auf Hans Döscher folgte der Pianist und Dirigent Günther Weißenborn als Künstlerischer Leiter - er setzte sich intensiv für die Musik des 20. Jahrhunderts ein, mit Aufträgen zum Beispiel an den jungen Wolfgang Rihm oder mit der Ausschreibung eines Wettbewerbs. In seine Zeit, Mitte der 1970er Jahre, fällt die Einweihung eines neuen Konzertsaals nur ein paar Schritte vom "Tanzsaal" entfernt, damals das "Kurhaus", heute noch genutzt, inzwischen das "VERDO" - ein Kultur- und Tagungszentrum, dessen Saal im vergangenen Sommer eine wundersame Wandlung erlebt hat.

76. Sommerliche Musiktage Hitzacker

31. Juli - 8. August 2021

Veranstaltungsort:
Verdo
Kultur- und Tagungszentrum Hitzacker
Dr. Helmut-Meyer-Weg 1
29456 Hitzacker

Kunsthalle Oktogon
Am Landgraben 1,
29456 Hitzacker (Elbe)

Kurpark Hitzacker (Elbe)
Am Kurpark 3,
29456 HItzacker

Tickets:
Online über rexervix.de

Hinweis: Um einen höchstmöglichen Sicherheitsstandard für unsere Besucher*innen zu gewährleisten (sogar über aktuell gültige Verordnungen hinaus), wird in den VERDO Konzertsaal und die Kunsthalle Oktogon nur eingelassen, wer nachweislich zur GGG-Gruppe gehört, das heißt wer vollständig geimpft, nachweislich genesen oder zertifiziert negativ getestet ist.

NDR Kultur ist Medienpartner.

Nicht mehr das Guckkastenprinzip - erhöhte Bühne, Distanz der Musiker zum Publikum, sondern: Bühne unten, Musiker mittendrin, umgeben vom Publikum, ähnlich dem Prinzip im Boulez-Saal in Berlin. Das war akustisch wie energetisch im Austausch zwischen Musikern und Publikum eine deutliche Verbesserung für alle Beteiligten.

Entdeckungsreisen mit Musiker*innen "in Residence"

Carolin Widmann © picture alliance / dpa | Marco Borggreve Foto: Marco Borggreve
Die Geigerin Carolin Widmann übernahm 2012 das Festival.

Zu seinem Abschied 1985 hatte Günther Weißenborn die Idee, Komponisten "in Residence" einzuladen, um den Austausch mit dem Publikum zu intensivieren. Was mit Rudolf Kelterborn begann, setzte sich später mit Krzysztof Penderecki, Jörg Widmann oder Rebecca Saunders fort.

Genauso wurde jungen Künstlerinnen und Ensembles eine Bühne geboten, wie Sabine Meyer, Sol Gabetta oder dem Auryn Quartett. In einem kleinen Ort wie Hitzacker ist es leicht, miteinander in Kontakt zu kommen, das ist so wesentlich für den Beginn einer Karriere, das macht den besonderen Reiz aus.

Eduard Brunner und Wolfgang Boettcher setzten in der Folge weitere Akzente, immer war die innovative Offenheit, die Geschicke in neue Bahnen zu lenken, ohne auf Bewährtes zu verzichten, zentral, warum nicht die Musik des Mittelalters kennen lernen, warum nicht das Programm um beschwingte "Nachtmusiquen" erweitern.

Erinnerungen zum 75. Jubiläum

Wolfgang Boettcher, Solo-Cellist der Berliner Philharmoniker, zwischen 1987 und 1994 Künstlerischer Leiter, konnte zum 75. Geburtstag des Festivals im vergangenen Jahr noch zu Gast sein, er spielte, er erinnerte sich, auch an „Schwitzacker“, er ließ alle daran teilhaben, was es bedeuten kann, sich mit großem Elan und viel Humor der Musik zu verschreiben.

Der charismatische Musiker ist am 24. Februar gestorben. Doch seine Zugewandtheit, seine Freude am Gespräch mit dem Publikum, sie bleiben in Erinnerung. Diese besondere Beziehung zwischen Künstlern und Publikum hat auch der Cellist Claus Kanngiesser als Künstlerischer Leiter in der Folge weiter entwickelt, ebenso wie die weitere Öffnung des Programms zum Beispiel für Literatur oder Jazz.

Hörer-Akademien als neue Form der Musikvermittlung

Zum sich-immer-weiter-entwickeln gehörte 2002 eine andere Neuerung: Zum ersten Mal wurde mit Markus Fein ein Musikwissenschaftler, kein Musiker Künstlerischer Leiter. Sein Anliegen, dem Publikum neben den Konzerten auch Gelegenheit zu geben, tiefer einzusteigen in die Materie mit Hilfe der "Hörer-Akademien", schlug ein.

Das recht große Stammpublikum war beglückt über die Nachmittage in der Kirche, unten im Ort, wo es geistreiche, musikalisch umrahmte Vorträge gab und man hinterher bei Kaffee und Kuchen im Garten zusammen saß und intensiv über das Gehörte redete. Auch die "Festival-Walks" wie Erkundungen des Biosphärenreservats Elbtalaue mit Konzerten im Freien kamen dazu.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 31.07.2021 | 11:40 Uhr

Fachwerkhäuser in der Altstadt von Hitzacker. © NDR Foto: Irene Altenmüller

Hitzacker: Schmucke Fachwerkstadt an der Elbe im Wendland

Fachwerkhäuser, eine Promenade und ein Weinberg mit Ausblick über die Elbe bietet das Städtchen im nördlichen Wendland. mehr

Fachwerkhäuser in der Altstadt von Hitzacker. © NDR Foto: Irene Altenmüller

Hitzacker: Schmucke Fachwerkstadt an der Elbe im Wendland

Fachwerkhäuser, eine Promenade und ein Weinberg mit Ausblick über die Elbe bietet das Städtchen im nördlichen Wendland. mehr

Radfahrer im Alten Land. © picture-alliance

Elberadweg: Von Hitzacker zum Wattenmeer

Der beliebte Elberadweg führt von Tschechien bis an die Nordsee. Ein besonders reizvoller Abschnitt in Norddeutschland sind die 250 Kilometer von Hitzacker nach Cuxhaven. mehr

Mehr Kultur

Szene aus dem Film "Cry Macho". © Warner Bros.

Abrechnung mit dem Machismo: Clint Eastwoods "Cry Macho"

Clint Eastwood lässt in seinem Film "Cry Macho" ein utopisches amerikanisches Märchen entstehen. mehr