Stand: 19.09.2016 16:36 Uhr

Zeitenwende in der Laeiszhalle

von Daniel Kaiser
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Die Symphoniker Hamburg werden ab Januar das neue Hausorchester in der Laeiszhalle.

Mit Tänzen sind die Symphoniker Hamburg in ihre neue Saison gestartet. Das Eröffnungskonzert in der Laeiszhalle mit Werken von Richard Wagner, Richard Strauss und dem britischen Komponisten Thomas Adès stand dabei unter einen ganz bedeutungsschwangeren Titel: Eros und Thanatos. Nach der Eröffnung der Elbphilharmonie werden die Symphoniker das Hausorchester der Laeiszhalle sein.

Die Symphoniker sind in Zeitlupe in die neue Saison gestartet. Jeffrey Tate dirigierte die Tannhäuser-Ouvertüre mit buddhistischer Ruhe. Die kleinsten Noten wurden wie unter einer Lupe ganz groß und lang. Bis nach Santiago de Compostela würde es der Pilgerchor in diesem gewöhnungsbedürftigen Tempo jedenfalls nie schaffen.

Walzer auf dem Weg zum Jazz

Der russische Pianist Kirill Gerstein hat dann mit einer Burleske von Richard Strauss für Klavier und Orchester Leben und Feuer in die Laeiszhalle gebracht. Witzig war das und virtuos. Walzer zum Grooven! Gersteins Timing mit dem Orchester ist perfekt. Bei diesem Strauß bekommt man Lust auf Jazz.

"Die Relevanz dieser Halle pflegen!"

Während Hamburg Kurs auf die Elbphilharmonie nimmt, bleiben die Symphoniker in der Laeiszhalle. Die Orchesterleitung spricht, wenn es um den Jahrhundertneubau geht, bisweilen betont despektierlich von der "anderen Konzerthalle". Chef-Dirigent Jeffery Tate unterstrich gestern unter dem Applaus des Publikums die Verantwortung als neues Residenzorchester der Laeiszhalle: "Es ist unsere Pflicht, die Relevanz dieses wunderschönen Saales zu pflegen - auch mit stimulierender und provozierender Musik."

Schwertkampf und Totenglocke

Und genau so ging es nach der Pause weiter. Sehr laut. Sehr modern. Mit dem Stück "Totentanz", in dem der Brite Thomas Adès das gleichnamige, im Krieg zerstörte mittelalterliche Gemälde aus der Marienkirche in Lübeck vertont. Alle müssen letztlich mit dem Tod tanzen: Der Papst, der König, der Arzt, der Bauer und das Kind. Je wichtiger die Herrschaften, desto größer das Gezeter. Weite Teile des Stückes donnern im Einheitsforte durch den Saal. Groteske Walzer klirren. Beim letzten Stündlein des Ritters erklingt ein Schwertkampf. Dem Mönch läutet eine Glocke zur letzten Stunde.

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Beim rechtschaffenen Bauern, dem jungen Mädchen und dem unschuldigen Säugling wird die Musik ruhiger, harmonischer - wie eine Erinnerung an Gustav Mahlers 'himmlisches Leben' aus der 4. Sinfonie. Der Säugling sagt: "O Tod, wie soll ich das verstehen? / Ich soll tanzen und kann nicht gehen!" Die Mezzosopranistin Christiane Stotijn und der Bariton Adrian Eröd sangen die Dialoge des Todes mit den Menschen in wunderschönen, berührenden Bögen. Der Abend endet im brummenden Dreivierteltakt und verklingt dann ganz. Das Werk ist ein sinnliches Echo der alten Sterbekunst 'ars moriendi'.

Herkulesaufgabe für Symphoniker Hamburg

Wenn am Ende auch langer Applaus und Jubelrufe stehen, sind doch nicht alle im Publikum der Symphoniker mit solcher Musik vertraut. Manche verließen das Konzert früher. Andere fremdelten während des 'Totentanzes' erkennbar mit dem Stück und rutschen nervös auf ihren Sitzen herum. Auch dass die Laeiszhalle trotz dieses eigentlich interessanten Programms und einem mit Kyrill Gerstein spannenden Solisten längst nicht ausverkauft war und ganze Reihen leerblieben, ist eigentlich ein Alarmsignal. Man spürt schon jetzt: Der Übergang zum Residenzorchester wird für die Symphoniker eine Herkulesaufgabe.

Schnarrende Pausenklingel

Mit großer Hilfe kann das Orchester im Schatten der Elbphilharmonie offenbar nicht rechnen. Die Orgel der Laeiszhalle ist schon länger in einem desolaten Zustand. Mit dem neuen millionenschweren Super-Instrument in der Elbphilharmonie sieht die Stadt für das alte Instrument keinen großen Handlungsbedarf. Und wie eine Metapher schnarrt und krächzt die defekte Pausenklingel in der Laeiszhalle und ruft die Zuschauer dissonant in den Saal zurück. Mit der Eröffnung der Elbphilharmonie beginnt auch für die Laeiszhalle eine aufregende Zeit. Sie will mit Witz und Kreativität bespielt und gepflegt werden. Ein Spaziergang wird das nicht.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 19.09.2016 | 19:00 Uhr

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