Stand: 09.11.2019 14:43 Uhr  - NDR Kultur

Porträt des "High Voltage Maestros" Klaus Tennstedt

von Marcus Stäbler

Klaus Tennstedt war bei internationalen Toporchestern wie den Berliner Philharmonikern und dem Boston Symphony Orchestra ein begehrter Gast. Sir Simon Rattle bezeichnete ihn einmal als den "größten Dirigenten der Welt". Von 1979 bis 1981 leitete Tennstedt das damalige NDR Sinfonieorchester, das sich inzwischen in NDR Elbphilharmonie Orchester umbenannt hat. Doch die Weltkarriere des gebürtigen Merseburgers hat sich erst relativ spät entwickelt. NDR Kultur Autor Marcus Stäbler über die ungewöhnliche deutsch-deutsche Biografie eines Musikers, der die Ostsee liebte und 1998 in seiner Wahlheimat Heikendorf an der Kieler Förde starb.

Klaus Tennstedt bei einer Probe in der Hamburger Laeiszhalle © NDR
Dirigent Klaus Tennstedt dirigiert bei einer Probe in der Hamburger Laeiszhalle (Archivbild).

Die Mecklenburgische Staatskapelle Schwerin spielt wie ein Weltklasseensemble: So staunte ein amerikanischer Journalist über die Aufnahme von Beethovens 1. Sinfonie mit Klaus Tennstedt aus dem Jahr 1970. Von 1962 bis 1971 war Tennstedt Chefdirigent in Schwerin und hob das dortige Orchester auf ein neues Niveau. Den Kulturpolitikern war seine Arbeit trotzdem ein Dorn im Auge. Weil Tennstedt sich weigerte, das Plansoll zu erfüllen und 60 Prozent der Modernen Musik mit Werken von DDR-Komponisten zu bestreiten. "Ich hab es einfach nicht gemacht. Ich hab die 60 Prozent nicht erfüllt. Dann stellen Sie sich vor, dann steht in der Schweriner Zeitung, ganz groß: 'Tennstedt und die dekadente westliche Musik'".

Tennstedt studierte in Leipzig - und floh 1971 in den Westen

Klaus Tennstedt, der in Leipzig zunächst Geige studiert hatte, aber die Pläne für eine Solistenlaufbahn wegen eines Überbeins in der Hand aufgeben musste, ging als Autodidakt ans Pult. Er war der vielleicht bedeutendste Dirigent der DDR, wurde jedoch als systemkritischer Künstler permanent eingeengt und hatte keine Chance auf eine angemessene Wertschätzung. Deshalb floh er 1971 in den Westen: "Sie haben mich einmal rausgelassen nach Schweden und aus Versehen ein Vierteljahresvisum gegeben, also weit länger, als ich in Schweden zu arbeiten hatte. Da bin ich dann schwarz - das war streng verboten - nach Westberlin gefahren, habe einen Fluchthelfer gefunden, vor allem für meine Frau. Jedenfalls haben wir es beide geschafft."

Klaus Tennstedt dirigiert © picture alliance / dpa Foto: The London Philharmonic Orchestra

AUDIO: Vom Flüchtling zum Pultstar: Klaus Tennstedt (4 Min)

Von Kiel bis in die USA und kurze Station beim NDR

Das spätere Sprungbrett zur Weltkarriere fand der Mittvierziger Tennsted in Kiel: "Nach meiner Flucht 1971 war ich froh, dass ich in Kiel die so genannte Generalmusikdirektorstelle bekam." Ein amerikanischer Künstleragent hörte zufällig eine Aufführung von Bruckners siebter Sinfonie mit ihm und engagierte den Dirigenten nach Toronto. Von dort aus eroberte er die Podien der wichtigsten Orchester in den USA zwischen Boston, Chicago und San Francisco. Er ging als Nachfolger von George Solti zum London Philharmonic Orchestra, wurde für kurze Zeit Chef beim damaligen NDR Sinfonieorchester und war der einzige Kollege, dem Herbert von Karajan außer sich selbst gestattete, Aufnahmen mit den Berliner Philharmonikern zu machen.

Tennstedt wurde vor allem für seine Aufführungen der Sinfonien von Bruckner und Mahler gefeiert. Der hoch aufgeschossene und hypersensible Musiker dirigierte voller Hingabe und Leidenschaft und verausgabte sich oft restlos. Deshalb wurde er als "High Voltage Maestro", als Hochspannungs-Maestro verehrt. Er selbst erklärte sich den Erfolg seines ausdrucksvollen Stils mit einer allgemeinen Sehnsucht: "Vielleicht ist es eine Art von Nostalgie, dass wir Romantik und Liebe wieder suchen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 09.11.2019 | 11:20 Uhr

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