Stand: 27.05.2020 11:58 Uhr  - NDR Kultur

Musiker in der Corona-Zeit: Ragna Schirmer

von Dagmar Penzlin

Die Corona-Pandemie hat den Alltag vieler Menschen auf den Kopf gestellt. Für Musikerinnen und Musiker gilt das besonders, weil ihr Alltag sich oft von Grund auf geändert hat. Wie geht es ihnen damit? NDR Kultur hat mit Ragna Schirmer gesprochen: Hinter der Pianistin lag ein intensives Jahr 2019 voller Konzerte zum 200. Geburtstag von Clara Schumann, als das Corona-Virus ihr die Zwangspause bescherte.

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Die Pianistin Ragna Schirmer nimmt manchmal den Kalender in die Hand und blickt auf ein Jahr voller Trubel zurück.

Nach Italien zu reisen - das war bereits im Februar keine gute Idee mehr. So stoppte das Coronavirus schon früh eine geplante Konzert-Tournee von Ragna Schirmer. Am 13. März spielte die gebürtige Hildesheimerin in Deutschland ihr letztes Konzert. "Ich dachte zunächst: Naja, Anfang Juni geht es bestimmt normal weiter", erzählt Schirmer. "Aber jetzt zieht sich das und man muss sich dessen jeden Tag aufs Neue bewusst werden."

100 Auftritte zu Ehren von Clara Schumann in 2019

Dabei hatte Ragna Schirmer sich für dieses Frühjahr ohnehin ein wenig Ruhe verordnet - nach einem intensiven Jahr 2019 mit über 100 Auftritten zu Ehren von Clara Schumanns 200. Geburtstag. Schirmer hatte gerade mit der Rekonstruktion von Konzertprogrammen der bedeutenden Musikerin viel Interesse geweckt und das Jubiläumsjahr mit ihren Konzerten stark geprägt. Daher ist sie dankbar, dass die Corona-Pandemie erst 2020 die Welt stillgelegt hat.

Endlich die Koffer auspacken

Die vergangenen Wochen hat Ragna Schirmer wie so viele andere Menschen erst einmal zum Aufräumen genutzt. Vor allem gab und gibt es noch viele Reisetaschen aus dem Clara-Schumann-Jahr 2019 auszupacken, erzählt die Pianistin: "Manch eine Tasche fliegt einfach unausgepackt in die Ecke, weil man nachts ankommt und am nächsten Tag wieder weiter muss. So stapelten sich bei mir im Schlafzimmer unausgepackte Taschen und halbvolle Koffer von irgendwelchen Reisen."

Beim Auspacken mancher Tasche erinnerte sich Schirmer an das, was das vergangene Jahr so besonders gemacht hat. Die 48-Jährige hat sich richtig Zeit genommen, um in Vergangenes einzutauchen. "Ich habe mich manchmal mit dem Kalender vom letzten Jahr hingesetzt und einfach noch einmal gefühlt, was da alles passiert ist. Wenn man zu schnell von A nach B reist, muss die Seele erst einmal nachkommen."

Es muss bald weitergehen

"Corona": Das ist auch ein musikalischer Fachbegriff für einen Haltepunkt in der Musik, nach dem es oft anders weitergeht. Und diese Pause darf nicht zu lange dauern, meint Schirmer: "Denn irgendwann denkt der Musiker oder der Zuhörer: War es das jetzt? Ist das jetzt vorbei oder geht es noch weiter?" Und genau an diesem Punkt steht nach ihrem Empfinden auch das Musikleben. Für die Pianistin ist klar, dass es bald weitergehen muss. Die Frage ist nur: wie?

Musik in Krisenzeiten

"Die Musik war in Krisenzeiten immer wichtig", erzählt Schirmer. "Sie kann Ablenkung, kann Trost sein, und auch den Schmerz ausdrücken, den man empfindet. Was gerade passiert, hat viel mit Raum geben zu tun. Wie viel Raum braucht ein Mensch? Wie viel Abstand halte ich, muss ich halten, darf ich halten?"

Schirmers Ideen für kleine Formate

Mit ihrem Klavier sei sie sehr flexibel. Sie liebe ohnehin kleine Formate und denke viel über solche Konzerte nach: etwa Bachs 30 Goldberg-Variationen jeweils einzeln für 30 Menschen zu spielen. Am richtigen Ort: "Vielleicht in Kirchen oder auf Plätzen, aber durchaus nah beieinander, sodass für die Menschen, die das im Moment wollen, Konzerte ganz nahbar sind, ohne dass man sich zu nahe kommt. Das ist eine kreative Herausforderung, doch dazu wird es Ideen geben, da bin ich mir ganz sicher."

Ihre Existenz sichert Schirmer gerade vor allem durchs Unterrichten. Und in Kürze wird sie an zwei Festivals mitwirken. "Also ich kann sagen: Ja, es wird im Juni weitergehen", so die Pianistin. "Aber wie? Da sind wir noch dran."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 27.05.2020 | 10:20 Uhr

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