Stand: 28.05.2020 17:55 Uhr  - NDR Kultur

Musiker in der Corona-Zeit: Chorleiter Hans-Joachim Lustig

von Dagmar Penzlin

Seit mehr als zwei Monaten hat sich das Leben von Musikerinnen und Musikern grundlegend verändert. Wie geht es ihnen damit? Dagmar Penzlin hat mit Hans-Joachim Lustig gesprochen. Der Chorleiter der Chorknaben Uetersen und des Kammerchors I Vocalisti hat bisher wenig Aussicht, mit seinen Chören bald wieder aufzutreten. Trotzdem probt er mit den Chorknaben Uetersen online und gemeinsam wird Neues ausprobiert.

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Die Chormusik fest im Blick: Hans-Joachim Lustig

Wie ernst die Lage ist, das wusste Hans-Joachim Lustig früh. Der 59-Jährige ist mit einer Ärztin verheiratet, die Corona-Epidemie war schon Wochen vor den Schließungen Thema am Abendbrottisch. Die letzte Probe mit den Chorknaben Uetersen in Schleswig-Holstein am 11. März verlief angespannt: "Ich habe den Jungs schon immer gesagt: 'Freunde, wir müssen hier echt aufpassen. Da kommen gefährliche Zeiten auf uns alle zu!'"

Seit mehr als zehn Wochen hat Lustig seinen Wohnort Potsdam nicht verlassen. Er kümmert sich viel um die gemeinsame zehnjährige Tochter, während seine Frau arbeitet. Und der Chorleiter sucht nach Wegen, seine zwei Ensembles, den Lübecker Kammerchor I Vocalisti und die 75 Mitglieder der Chorknaben Uetersen, in Form und bei Laune zu halten.

Chorknaben Uetersen proben nun online

Die ambitionierten Chorknaben proben sonst zweimal die Woche. Aktuell kümmert sich ein mehrköpfiges Team online um die 8- bis 26-Jährigen: "Erfreulicherweise haben sich viele gleich am Anfang darauf eingelassen, das auszuprobieren", erzählt Lustig. "Keiner von denen, die damals angefangen haben, ist ausgestiegen. Und es werden immer mehr. Inzwischen machen 80 unserer Jungs virtuelle Stimmbildung. Sie haben jede Woche ein halbstündiges Einzelmeeting, entweder mit jemandem aus dem Stimmbildungsteam, mit der Leiterin der Vorchöre oder mit mir. So dass die jede Woche einmal in Kontakt sind - wenn auch nicht mit der ganzen Gruppe, so doch aber virtuell."

Das sei besser, als nicht zu singen, findet Hans-Joachim Lustig. Um die sozialen Bande innerhalb des Chors zu erhalten, gibt es zusätzlich Online-Runden, erklärt der Chorleiter: "Da treffen wir uns in Zehnergruppen mit den Jungs und quatschen einfach. Die erzählen, was los ist in der Schule. Bei vielen hat sich natürlich das Freizeitverhalten verändert."

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Chöre: Mitgliedsbeiträge werden weiter gezahlt

Das alles gehört aktuell zum beruflichen Alltag von Hans-Joachim Lustig als Chorleiter. Lustig mag ohnehin die neuen Medien. Er sieht klar die Vorteile und freut sich, dass die älteren Jungs da schon kreativ waren: "Die haben zu einer eigenen Aufnahme sich selber gefilmt und daraus ein Video entstehen lassen. Das ist ein Gemeinschaftserlebnis auf eine andere Art."

Auch wenn er freiberuflich arbeitet, kommt Lustig finanziell ganz gut durch die Corona-Krise: Die Honorare als Leiter von zwei Chören fließen weiter: "Weil die Eltern weiter Mitgliedsbeiträge zahlen. Und solange die Eltern das Gefühl haben, dass sie im Rahmen der Möglichkeiten maximal etwas geboten bekommen, sagen die sich: 'Wir sind auch eine Solidargemeinschaft, und wir wollen das gemeinsam durchstehen.'"

Lockerungen: Frage zwischen Egoismus und Ethik

Für Lustig heißt es während der Corona-Pandemie, geduldig zu bleiben: "Da haben wir eine große Verantwortung - gesundheitlich, aber auch moralisch und ethisch. Ganz oft, wenn man es hart runterbricht, ist das eine Frage zwischen Egoismus und Ethik, vor der wir hier stehen. Für mich steht da die Ethik ganz klar vorn. Wir dürfen niemanden gefährden durch das, was wir gern tun wollen."

Deshalb arbeitet Hans-Joachim Lustig auch an alternativen Chor-Auftritten zu Weihnachten. Denn die drei Adventskonzerte mit jeweils 1.500 Leuten in der Klosterkirche Uetersen wird es nicht geben: "Dass wir kleinere Gruppen durch die Städte des Kreises ziehen lassen, wie Sternsinger - über solche neuen Formate nachzudenken macht mir Spaß."

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